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DOI: 10.1055/a-1956-7075
Kommentar zu Thromboserisiko während und nach einer stationären Behandlung
Autor*innen
Hospitalisationen stellen trotz (effektiver) medikamentöser Präventionsstrategien und identifizierbarer dispositioneller und expositioneller Risikofaktoren weiterhin einen Hauptrisikofaktor für venöse Thrombembolien (VTE) dar. Ältere populationsbasierte Daten gehen davon aus, dass 30 bis 70 % aller venösen Thrombembolien während oder in den ersten 3 Monaten nach einem Krankenhausaufenthalt auftreten.
Die vorliegende Studie von Bruno et al. 2022 beziffert jetzt eindrucksvoll und anschaulich das VTE-Risiko durch Hospitalisierung anhand einer großen Kohorte von über 82 000 konsekutiven Patienten einer medizinischen Grundversorgungsseinrichtung (University of Vermont Health Network) der Jahre 2010 bis 2016. Dazu wurden 20 921 Patienten mit insgesamt 55 173 Hospitalisierungen mit 61 814 Patienten ohne eine Hospitalisierung im Beobachtungszeitraum verglichen und das relative und absolute Risiko sowie die kumulative Inzidenz einer krankenhausassoziierten VTE (HA-VTE) ermittelt.
In den meisten Kennziffern werden frühere Studien, z. T. aus den 1980er-Jahren, bestätigt. So zeigte sich, dass auch heute ein Krankenhausaufenthalt mit einem 38-fach (Hazard Ratio, HR) erhöhtem VTE-Risiko einhergeht und dass dieses Risiko auch im ersten und zweiten Monat nach Entlassung (HR 18,4 bzw. 6,3) noch erheblich erhöht ist, bevor es im dritten Monat (HR 3,0) deutlich abgesunken ist.
Die Konstanz solcher VTE-Inzidenzen über die letzten 20 Jahre hinweg ist insofern bemerkenswert, als dass die Implementierung von VTE-Präventionsstrategien und Risikostratifizierungen scheinbar keine wesentliche Verringerung der HA-VTE erreichen konnte. Auf der anderen Seite ist die Aufmerksamkeit gegenüber dem Krankheitsbild VTE gestiegen und die Verfügbarkeit von Venenultraschall und Thorax-CT ist flächendeckend und niedrigschwellig, weshalb die relativ konstante VTE-Inzidenz durchaus vereinbar mit einer hohen Effektivität von Prophylaxemaßnahmen ist, wenn gleichzeitig die Detektion der „übrig gebliebenen“ VTE erheblich verbessert wurde.
Ein weiterer interessanter Aspekt der vorliegenden Arbeit ist, dass das VTE-Risiko eines stationären Aufenthaltes vergleichbar war für Aufenthalte wegen einer medizinischen oder chirurgischen Behandlung.
Erwähnenswert ist weiterhin, dass der Großteil der VTE (78 %) nach Krankenhausentlassung auftritt. Dies ist verglichen mit früheren Beobachtungen ein höherer Anteil und beschreibt möglicherweise einerseits einen Verlagerungseffekt auf die unmittelbare poststationäre Phase durch deutlich verkürzte Liegezeiten. Andererseits wird darin deutlich, dass eine kürzere Liegedauer z. B. durch frühere häusliche Mobilisation, nicht zu einer Verringerung der VTE-Rate führt, was zumindest zum Teil dadurch erklärt werden könnte, dass eine Verkürzung der Hospitalisierung oft auch zu einer Verkürzung der Thromboseprophylaxe führt – eine über die Entlassung hinausgehende Thromboseprophylaxe ist nach wie vor nicht flächendeckend etabliert.
Hierauf bezieht sich auch das größte Defizit der vorliegenden Arbeit: leider fehlen Angaben zur Art, Dosis und Dauer der durchgeführten Thromboseprophylaxemaßnahmen völlig. Dies erschwert die Einordnung der Kennziffern sowohl für die Gesamtkohorte als auch für den Vergleich medizinisch und chirurgisch hospitalisierter Patienten.
Zur Ermittlung der Hazard Ratios für HA-VTE wurden hospitalisierte und nicht hospitalisierte Individuen miteinander verglichen. Dabei kann der eigentliche Grund für die Hospitalisierung für sich genommen bereits ein Risikofaktor für VTE darstellen und nicht vom reinen Effekt einer Hospitalisierung getrennt werden. Zudem handelt es sich bei den hospitalisierten Individuen um ältere und annehmbar morbidere Patienten, die ohnehin ein höheres VTE-Risiko aufweisen. Daher sind solche Vergleiche nur deskriptiv zu sehen – eine Adjustierung von Unterschieden in den zahlreichen demografischen und behandlungsspezifischen Parametern ist für eine valide statistische Aussage unabdingbar.
Zusammenfassend liefert die Studie exakt bezifferte Risikokennzahlen für HA-VTE nach operativen und konservativen Krankenhausbehandlungen, die für spätere Interventionsstudien genutzt werden können. Zudem wird deutlich, dass durch stetig weiter verkürzte stationäre Liegezeiten der Benefit (Nettonutzen) einer poststationären Thromboseprophylaxe weiter an Bedeutung gewinnen dürfte – weitere Studien müssen durchgeführt und Risikoprädiktoren sowie optimale Prophylaxedauern evaluiert werden.
Gefäßmedizin Scan 2022; 9: 167–168. doi: 10.1055/a-1876-1582
Interessenkonflikt
Persönliche Honorare für Vorträge/Beratertätigkeiten von Bayer, Daiichi Sankyo, Sanofi, Norgine, Alexion. Institutionelle Forschungsunterstützung von Bayer, Daiichi Sankyo, Alexion
Publikationsverlauf
Artikel online veröffentlicht:
29. November 2022
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