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DOI: 10.1055/a-1773-9174
Immunologie Update für Dermatologen – woran wird geforscht?
Immunology: Update for Dermatologist – what is being researched?Authors
Zusammenfassung
Immuntherapien haben die Behandlung der chronischen Dermatosen enorm vorangebracht. Immunologische Diagnostik bestimmt den Alltag in der Praxis. Viele Dermatologen impfen. Nicht zuletzt die allgegenwärtige Corona-Pandemie und die Entwicklung entsprechender Impfstoffe verdeutlichen das große Forschungspotenzial in der Immunologie. Wir versuchen, einen Überblick zu geben, woran aktuell immunologisch geforscht wird und was wir in naher Zukunft zu erwarten haben.
Abstract
Immunotherapies have been contributing significantly to the successful treatment of chronic dermatoses. Immunological diagnosis and therapy are being increasingly used in our dermatological practice. Additionally, many dermatologists also administer vaccines now. The omnipresent corona pandemic and the resulting development of vaccines have clearly demonstrated the enormous research potential in immunology and dermatology; the latter resulting in the new additional qualification of immunology for dermatologists. We offer an overview of our current immunological research projects and what we expect to have to deal with in our practice in the near future.
Einleitung
Über den Beitrag der Dermatologie zur immunologischen Forschung und umgekehrt ist viel berichtet worden. Immunologie bestimmt auch in der dermatologischen Praxis den klinischen Alltag [1]. In einer Zeit, in der die immunologische Forschung (und nicht nur diese) zunehmend nur noch aus SARS-CoV-2 zu bestehen scheint, ist es noch weniger einfach, sich einen Überblick zu verschaffen über neuere Entwicklungen in der Immunologie. Ein Instrument dafür sind ausgezeichnete Übersichtsarbeiten in dermatologischen Fachzeitschriften. Häufig werden hier die immunologischen Forschungsergebnisse in den unmittelbaren Zusammenhang mit Pathogenese und Therapie von Hautkrankheiten gestellt. Eine andere Möglichkeit besteht darin, regelmäßig Journale zu verfolgen, deren Inhalt überwiegend aus Übersichtsartikeln besteht. Ein solches ist zum Beispiel Nature Reviews Immunology. In diesem Fachjournal erscheinen zum Jahresanfang exzellente Zusammenfassungen, die Trends und herausragende Ergebnisse immunologischer Forschung präsentieren. Nun werden sich die wenigsten Kolleginnen und Kollegen Dermatologen in Niederlassung und Klinik die Zeit nehmen (können), ein derartiges Literaturstudium zu betreiben. Unzweifelhaft erfährt die Immunologie jedoch eine verstärkte Bedeutung für das Fach Dermatologie durch die Überarbeitung der Weiterbildungsordnung für die Zusatzweiterbildung Immunologie, die nunmehr in dermatologischen Kliniken und Praxen umgesetzt werden kann [WBO_2020_Aenderung_1_2020_09_16.pdf (laekh.de); Seite 326; aufgerufen 18.10.2021]. Wir wollen in dieser kleinen Übersicht eine Antwort geben auf die Frage: „Woran forscht aktuell die Immunologie?“.
Was bis heute gilt
Wir formulieren die wichtigsten immunologischen Erkenntnisse, die bis heute gültig sind, als Merksätze:
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Das Immunsystem des Menschen besteht aus B-Lymphozyten (aus dem Knochenmark), T-Lymphozyten (im Thymus gereift und geprüft) und Antigen (Ag)-präsentierenden (z.B. dendritischen) Zellen.
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Mit dem Eindringen von Fremdstoffen (Ag) in den Organismus wird eine Vielzahl an spezifischen (erworbene Immunität) und weniger spezifischen (angeborene Immunität oder Resistenz) Immunreaktionen zu ihrer Abwehr generiert. Lymphozyten reifen in den Lymphknoten. Hierher bringen die Ag-präsentierenden Zellen das Fremdmaterial. Diese Antigenpräsentation ist der Schlüsselmoment der Generierung einer spezifischen Immunantwort.
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Die Immunreaktion basiert auf Ag-spezifischen T-Lymphozyten und Ag-spezifischen Antikörpern, die von reifen B-Lymphozyten (Plasmazellen) gebildet werden. In der Immunantwort werden zwei wesentliche T-Lymphozyten-Subpopulationen aktiv: T-Helfer-Lymphozyten (TH), die den zytotoxischen (anti-Virus-infizierte und anti-Tumorzelle) T-Lymphozyten (TC) und den B-Lymphozyten „helfen“. Die Lymphozyten und andere Immunzellen exprimieren auf ihrer Zelloberfläche Markerproteine (Rezeptoren, Enzyme, Adhäsionsmoleküle etc.) an denen sie erkennbar und mittels CD (Cluster of Differentiation)-Nomenklatur bestimmbar sind. TH Lymphozyten heißen also CD4-Zellen und Tc sind CD8-Zellen.
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Die Antikörper (Ak) gehören verschiedenen Immunglobulinklassen (Bestandteil der Gammaglobuline im Serum) an: IgM ist ein Akutphaseabwehrstoff, wird schnell nach Ag-Kontakt gebildet, IgG bindet stärker (affiner) an das Ag und wird mit etwas Verzögerung und vor allem bei wiederholtem Auftreten des Fremdstoffes (Sekundärreaktion) gebildet. IgA ist u.a. für die Schleimhautimmunität verantwortlich. IgE hat sich phylogenetisch auf die Abwehr von Parasiten konzentriert und spielt vor allem eine Rolle in der Entstehung allergischer Immunreaktionen.
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Die Mitglieder im Orchester der Immunzellen kommunizieren über Botenstoffe, vor allem Zytokine (Interleukine IL, Interferone IFN; [Tab. 1]), Chemokine und viele weitere. Zytokine realisieren auch immunologische Effektorfunktionen (Zelluntergang, Bakterienabtötung, Virusneutralisation). Zytokine werden grob unterteilt in pro-inflammatorische (Entzündung fördernd) und anti-inflammatorische (Entzündung regulierend, Allergien befördernd). Ein dysreguliertes Zuviel an proinflammatorischen Zytokinen kann sich in einem Zytokinsturm mit schweren klinischen Entzündungszeichen manifestieren.
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Regulatorische T-Lymphozyten (Treg-Zellen) regulieren Immunreaktionen, verhindern eine überschießende, den Körper schädigende Immunantwort und Autoimmunreaktionen. Im Falle der Tumorabwehr ist ihre Rolle eher ungünstig, weil sie die dafür zuständigen Immunzellen bei deren Arbeit hemmen.
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Das Immunsystem muss einen schwierigen Spagat realisieren: effektive Abwehr von Infektionserregern, Tumorzellen, Fremdmaterial bei Tolerierung der körpereigenen Strukturen, die doch häufig den fremden sehr ähnlich sind. Diese Toleranz erlernen T-Lymphozyten im Thymus (zentrale Toleranz) oder sie wird durch strenge Überwachung z.B. durch Treg-Zellen (periphere Toleranz) gewährleistet.
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Wenn es zu einer Störung der zentralen oder peripheren Toleranz kommt, kann eine Autoimmunität mit einer Autoimmunerkrankung die Folge sein, bei der Autoantikörper und autoreaktive T-Lymphozyten körpereigene Strukturen (Organe) angreifen, schädigen und in ihrer Funktionalität beeinträchtigen.
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Immunmodulation und Immunsuppression sind therapeutischer Alltag, auch in der Dermatologie. Dutzende monoklonale Antikörper (mAk) und zahlreiche niedrigmolekulare Substanzen hemmen Zytokine, deren Rezeptoren, Signaltransduktion, Adhäsionsmoleküle u.v.a.m. und helfen damit, die Immunantwort therapeutisch zu nutzen.
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Die Immunologie ist auch in der Diagnostik allgegenwärtig, basierend auf der Ak-Ag-Reaktion: Immunfluoreszenz, Erregernachweis, Immunitätsnachweis, Nachweis spezifischer Proteine, Cytokine etc. Die Techniken werden ergänzt durch moderne molekularbiologische Diagnostik.
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Zytokin |
Produzentenzellen (Immunsystem) |
Targetzellen (Immunsystem) |
Bemerkung aus dermatologischer Sicht |
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APC Antigen-präsentierende Zellen; EC Epithelzellen; IL Interleukin; NK Natürliche Killerzelle; TGF Transforming Growth Factor; Tγδ „Gamma-Delta“ T-Lymphozyten haben einen speziellen Antigenrezeptor, mehr im Gewebe als im Blut „zu Hause“, Funktionen des innaten und des adaptiven Immunstems; TNFα Tumor-Nekrose-Faktor alpha. |
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IL-1beta |
Monozyten, Epithelzellen |
Makrophagen |
Proinflammatorisches Zytokin |
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IL-2 |
CD4+ T-Lymphozyten, NK |
Treg Zellen |
das „T-Zell-Zytokin“ |
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IL-4 |
T Lymphozyten, NK, Tγδ Lymphozyten, Mastzellen |
B Lymphozyten, T Lymphozyten, Makrophagen |
Wichtige Rolle bei atopischen Erkrankungen, spezifisch blockiert von Dupilumab (Rezeptor) |
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IL-5 |
TH2 Lymphozyten, Mastzellen, Eosinophile, NK |
B Lymphozyten, Eosinophile |
Wichtige Rolle beim allergischen Asthma, blockiert von Reslizumab, Mepolizumab, Benralizumab |
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IL-6 |
T Lymphozyten, Makrophagen, Fibroblasten, EC |
B Lymphozyten, T Lymphozyten, Thymozyten |
Proinflammatorisches Zytokin, therapeutisch blockiert bei RA: Tocilizumab, Sarilumab; JAK-Inhibitoren – Einsatz beim COVID-19-Zytokinsturm |
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IL-8 |
Monozyten, T Lymphozyten, Neutrophile, Fibroblasten, EC |
Neutrophile |
Rolle in der Pathogenese der Psoriasis |
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IL-9 |
Mastzellen, TH2, TH9, TH17 Lymphozyten |
T und B Lymphozyten, Mastzellen, APC |
Th9 Zellen: Kandidaten für therapeutischen Zelltransfer |
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IL-10 |
TH2 Lymphozyten, APC, Makrophagen, B Lymphozyten |
T Lymphozyten, Makrophagen |
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IL-13 |
TH2 Lymphozyten |
B Lymphozyten, Eosinophile, Fibroblasten, Mastzellen, Makrophagen |
Wichtige Rolle bei atopischen Erkrankungen, spezifisch blockiert von Dupilumab (Rezeptor) und Tralokinumab |
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IL-15 |
APC, Monozyten, EC |
T Lymphozyten, NK |
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IL-17 |
TH17 Lymphozyten, NK |
Fibroblasten, EC, Keratinozyten, Makrophagen, APC |
Wichtige Rolle in der Pathogenese von Autoimmunerkrankungen, Psoriasis, therapeutische Blockade mit Bimekizumab, Brodalumab (Rezeptor), Ixekizumab, Sekukinumab |
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IL-23 |
APC, Makrophagen, B Lymphozyten, EC |
TH17 Lymphozyten, Tγδ Lymphozyten |
Pathogenese der Psoriasis, therapeutisch blockiert von Guselkumab, Risankizumab, Tildrakizumab; Ustekinumab (Inhibitor IL12/23) |
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TNFα |
T und B Lymphozyten, NK, Makrophagen |
T und B Lymphozyten; EC |
Proinflammatorisches Zytokin, Psoriasis, Psoriasisarthritis, therapeutisch blockiert: Adalimumab, Infliximab, Etanercept (und Biosimilars), Certolizumab pegol (Zulassung Psoriasistherapie in der Schwangerschaft) |
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TGFβ |
T Lymphozyten, Makrophagen |
T Lymphozyten |
Therapeutische Blockade in der Onkologie |
Woran wird geforscht?
Wir geben nur eine von vielen möglichen Antworten, basierend auf drei Jahrgängen der Zeitschrift Nature Immunology Reviews (Springer Nature Limited), ergänzt durch weitere fokussierte Literaturrecherchen ([Tab. 2]).
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Forschungsgebiet |
Hauptthemen |
Übersichten |
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CAR-T Zell-Therapie |
CAR – Chimeric Antigen Receptor: Antigenerkennungsstruktur (z.B. Teile eines Antikörpers) wird gentechnisch mit den
Signalmolekülen in T-Lymphozyten des Patienten kombiniert. |
[3] |
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Schleimhautimmunologie |
Neuronale, chemosensorische und neuroendokrine Zellelemente in der Schleimhaut erkennen
mikrobielle Metaboliten und regulieren vor Ort Mechanismen der T2-Schleimhaut-Immunität |
[4] |
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Vakzine |
„Reverse Vaccinology 2.0“ am Beispiel der Entwicklung von Impfstoffen gegen HIV: |
[5] |
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Neuroimmunologie |
Die Mikroglia spielt eine entscheidende Rolle in der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen. |
[6] |
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Innates Immunsystem und Entzündung |
Das innate Immunsystem hat keine Antigenrezeptoren. |
[7] |
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Immunmetabolismus |
Interaktionen des metabolischen Systems eines Organismus mit Bestandteilen des Immunsystems. |
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B-Lymphozyten |
Zellmetabolismus ist Bestandteil der Aktivierungssysteme von B-Lymphozyten. |
[11] |
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Ontogenese des Immunsystems (Systemimmunologie) |
In den ersten Wochen des Lebens erfolgen große Veränderungen im Immunsystem. Diese
folgen einem strikten Programm unter Einfluss der Umwelt. |
[12] |
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SARS-CoV-2 und COVID-19 |
Ein Überblick über die umfassenden immunologischen Forschungsarbeiten in chronologischer Reihenfolge im Jahr 2020/21 wird in [Tab. 3] dargestellt. |
[13] |
Wir versuchen im Folgenden, einige Forschungsschwerpunkte etwas detaillierter darzustellen und, wo möglich, auf einen potenziellen Beitrag für Pathogeneseverständnis, Diagnostik und Therapie in der Dermatologie hinzuweisen.
Innates Immunsystem
In den letzten 10 Jahren gab es eine Explosion wissenschaftlicher Erkenntnisse über das innate Immunsystem. In funktioneller Hinsicht spiegelt das innate Immunsytem das adaptive mit zytotoxischer CD8+- und CD4+-Helfer-Aktivität. Anders als das adaptive Immunsystem (erworbene Immunität) können die Zellen des innaten Immunsystems (die ILC Famile: innate lymphoid cells) bereits während der Fetalperiode lymphoide und Barriere-Gewebe besiedeln. Sie machen keine Affinitätsreifung durch somatische Hypermutation durch und haben keinen Ag-spezifischen Rezeptor (z.B. keine TCR – T cell receptor). Während des gesamten Lebens stehen innates und adaptives Immunsystem in engem Austausch. Die ILCs können adaptive Immunmechanismen regulieren, aktivieren oder hemmen. Sie tragen also zur Infektabwehr ebenso bei wie potenziell zur Entstehung einer Autoimmunerkrankung [14]. Auch wenn das innate Immunsystem keine Ag-Rezeptoren im klassischen Sinne hat, gibt es komplexe Signalweiterleitungssysteme, die ein schnelles Hochfahren der Abwehr etwa im Falle einer Infektion ermöglichen. Diese Mechanismen werden durch Prozesse der epigenetischen Regulation gesteuert. Darunter versteht man die „Änderung eines Phänotyps ohne Änderung des Genotyps“. Es handelt sich um Modifikationen in der Struktur des Chromatins der Immunzellen, ohne dass die Gensequenz geändert würde (wie das bei Mutationen der Fall ist). Diese Mechanismen sorgen für sehr dynamische Chromatinveränderungen und ermöglichen damit sehr schnelle Immunantworten [15]. Die Zellen des adaptiven Immunsystems hingegen verfügen über die Möglichkeit der Veränderungen ihrer Antigenrezeptoren auf der Basis von Genrekombination („Zusammenschweißen“ verschiedener Genabschnitte) und der klonalen Zell-Expansion nach Affinitätsreifung der Rezeptoren durch somatische Hypermutation. Die molekularbiologischen Detektionsmethoden für solche Prozesse sind in den letzten Jahren immer genauer geworden [16].
Mikrobiota
Es existieren zwei Strategien in der Erforschung der Wechselwirkung von Mikrobiota und Immunsystem: a) Analyse des Phänotyps des lokalen Immunsystems (Aktivierungsstatus, Zusammensetzung) und Suche nach den Bestandteilen der Bakterienstämme, die diese beeinflussen können (Gnotobiota-Modelle in Mäusen); b) Analyse von Produkten der Mikrobiota und deren Einfluss auf das Immunsystem [17]. Der Einfluss der Mikrobiota-Produkte auf die Induktion von Treg Lymphozyten, TH17 Zellen und TH1-Lymphozyten sowie die Modulation von B-Lymphozyten und NK-Zellen wurde gezeigt. Das wachsende Verständnis der Rolle der Darmmikrobiota auf das Immunsystem wird zur Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten führen. Dabei wird die „Microbota precision medicine“ eine große Rolle spielen, um die großen interindividuellen Unterschiede zu berücksichtigen. Die Auseinandersetzung des menschlichen Organismus mit der Mikrobiota zu einem sehr frühen Zeitpunkt (Säuglingsalter) hat eine große Bedeutung für die Generierung von Toleranzfaktoren gegen Allergene und damit für die Prävention unerwünschter Entzündungsprozesse. Dieses immunologische Programm wird durch Entwicklungen in der Umwelt (Environment) und im Life Style massiv beeinträchtigt. Der bewusste Einsatz von Mikrobiota für die Allergieprävention wird intensiv erforscht [18].
Neue therapeutische Instrumente und Strategien
Neue Ansätze der Systembiologie und -immunologie unterstreichen die ungeheure Vielfalt der Zytokine und deren pleiotrope Wirkungsweise im Immunsystem in Abhängigkeit von deren Konzentration in verschiedenen Immunkompartimenten [2]. Regulatorische T-Lymphozyten spielen eine mannigfaltige Rolle im menschlichen Immunsystem. Einerseits unterstützen sie die periphere Toleranz durch die Hemmung autoreaktiver T-Lymphozyten, die der Kontrolle des Thymus „entkommen“ sind. Andererseits hemmen sie die zelluläre anti-Tumor-Abwehr. Insofern sind Untersuchungen von Bedeutung, die regulatorische T-Lymphozyten in vitro zu generieren und zu vermehren oder den T-Zellrezeptor zu verändern, um durch Zelltransfer Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1, Systemischen Lupus Erythematodes oder Multiple Sklerose zu therapieren [19]. Auch für die TH9-Lymphozyten (benannt nach dem hauptsächlich produzierten Zytokin IL-9) sind solche Forschungen beschrieben. TH9-Lymphozyten gehören funktionell zu den TH2 Zellen, welche an allergischen Reaktionen beteiligt sind. Anders als andere Vertreter dieser Gruppe produzieren sie wenig IL-4, IL-5 oder IL-13 und haben andererseits das Potenzial, gegen Tumorzellen (Melanomzellen) aktiv zu werden [20]. In den letzten 45 Jahren hat die Therapie immun-bedingter entzündlicher Systemerkrankungen, darunter Psoriasis und Atopische Dermatitis, tiefgreifende Änderungen erfahren, die auf Erkenntnissen immunologischer Forschung beruhen. Standen 1975 noch Gold und Sulfasalazin im Vordergrund, kam 1985 Methotrexat hinzu. Ab 1995 begann die Ära der Target-spezifischen Pathogenese-orientierten Therapie, 1998 wurden die TNFα-Inhibitoren, ab 2010 weitere Zytokin- und Zytokinrezeptor-Inhibitoren eingeführt. Seit 2015 erweitern JAK-Inhibitoren das therapeutischen Arsenal. Zukünftige Entwicklungen werden neue Target-Moleküle (JAK) und Target-Zellen (Fibroblasten) hervorbringen. Neue therapeutische Strategien werden versuchen, dem großen Ziel der Wiederherstellung des Immungleichgewichtes (Homeostasis) näher zu kommen, sei es durch Manipulation an und mit regulatorischen T-Lymphozyten oder tolerogenen dendritischen Zellen. Ein anderer Ansatz könnte die Generierung von CAR-( Chimeric Antigen Receptor) T-Lymphozyten sein, welche die Autoantikörper-produzierenden B-Lymphozyten direkt eliminieren [21].
Vakzinforschung
Mit dem Dengue-Virus (einem Flavivirus) infizieren sich weltweit etwa 390 Millionen Menschen pro Jahr, 96 Millionen erkranken am Dengue-Fieber, 5% davon schwer mit hoher Belastung für die lokalen Gesundheitssysteme. Der enorme Zuwachs an Wissen über die Immunregulation der Abwehr von 4 Denguevirus-Isotypen im Rahmen einer Primär- und einer Sekundär- oder Tertiärinfektion hat viel zur Impfstoffentwicklung beigetragen. So kann eine Immunreaktion gegen den einen Serotypus zur Bildung von sog. Enhancement Antibodies (Verstärkerantikörpern) führen, die im Falle einer Zweitinfektion mit einem anderen Denguevirus-Serotyp zur nicht-neutralisierenden Blockierung wichtiger immunogener Antigenstrukturen und damit zu einer insuffizienten Immunreaktion führen [22]. Diese Erkenntnisse waren auch von Bedeutung für die Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2 (siehe unten). Bei der Abwehr von Malaria-Erregern spielen T-Lymphozyten eine große Rolle, die zunehmend besser verstanden wird. Dies gab der Vakzinforschung einen enormen Schub, der auch dringend notwendig ist bei einer Infektionserkrankung mit einer Inzidenz von 200 Millionen und 450 000 Toten jährlich [23]. Die Reifung einer B-Zell-Antwort gegen Bestandteile von Plasmodium falciparum wird immer besser verstanden und u.a. für die Entwicklung von mAk genutzt [24]. In der Erforschung neuer Vakzine gegen Viren, die über Schleimhäute der Atemwege versuchen, in den menschlichen Organismus einzudringen, wird es von großer Bedeutung sein, wie man durch Vakzinierung eine suffiziente Ak-Abwehr vor Ort, also in den Schleimhäuten, zum Beispiel durch dimeres IgA induziert bekommt. Denn dies würde ja „Virusneutralisation vor Ort“ bedeuten [25].
Systembiologische Ansätze zeigen deutliche Unterschiede in der Immunreaktion auf Vakzine von Populationen in sog. High Income Countries im Vergleich zu den Low bis Middle Income Countries, aber auch zwischen „Jung und Alt“. Ein Faktor, der dazu beitragen könnte ist das Mikrobiom, vor allem jenes im Darm [26], welches vor allem hinsichtlich Diversität zwischen den genannten Bevölkerungsgruppen dramatische Unterschiede aufweist. Die Autoren dieser Übersichtsarbeit sehen die Wirkung des Mikrobioms auf den Impferfolg in folgenden 4 Mechanismen begründet: (a) Das Mikrobiom stellt eine Art „natürliches Adjuvans“ bereit. Bakterielle Antigene können vor allem das innate Immunsystem über entsprechende Rezeptoren (PRR – pattern recognition receptors) stimulieren. (b) Das Mikrobiom beeinflusst die Differenzierung von Antigen-präsentierenden Zellen, von denen ja letztendlich der Impferfolg ganz entscheidend abhängt. (c) Das Mikrobiom reguliert über Metaboliten (z.B. kurzkettige Fettsäuren) immunologische Abwehrmechanismen. (d) Das nahezu unendlich vielfältige Mikrobiom stellt eine ungeheure Antigenvielfalt dar. Darunter könnten kreuzreaktive Antigene sein, die die Immunogenität des Vakzins im Körper verstärken (oder vermindern) könnten. Ob man eines Tages durch Modulation des Mikrobioms oder Anpassung von Vakzinen an das individuelle Mikrobiom eine Steigerung der Immunogenität wird erzielen können, bleibt natürlich derzeit eine Hypothese. Für die klinische Entwicklung jedoch heißt es schon heute, die Unterschiedlichkeit der oben genannten Populationen im Studiendesign zu berücksichtigen.
Die Frage ist berechtigt, warum die Entwicklung von Vakzinen gegen SARS-CoV-2 verhältnismäßig schnell vonstattenging, während die Welt bis heute auf einen wirksamen Impfstoff gegen HIV (isoliert im Jahre 1983) wartet. Beides sind positive-sense Einzelstrang-RNA-Viren. Der Hauptunterschied jedoch besteht darin, dass Coronaviren ausgesprochen langsam mutieren und nicht ins Genom integriert werden. Der Körper kann sich also auf sein Immunsystem im Fall einer Zweitexposition „verlassen“, in den meisten Fällen wird das Virus beseitigt. Nicht so bei HIV, das innerhalb 72 Stunden in das Wirtsgenom eingebaut wird, was zu einer irreversiblen Infektion führt. Schlussfolgernd muss ein potenzielles HIV-Vakzin sehr hohe und dauerhaft hohe Serumspiegel an neutralisierenden Antikörpern erzeugen. Von 7 entsprechenden klinischen Studien schlugen bisher 6 fehl, die 7. ergab eine minimale Schutzreaktion. Die Forschungsarbeiten an einem HIV-Impfstoff gehen weiter, möglicherweise motiviert durch die erfolgreichen Entwicklungen im Falle SARS-CoV-2 [27].
Beitrag der immunologischen Forschung zur Pandemiebekämpfung
Wir fassen die wesentlichen Erkenntnisse immunologischer Forschung zur Corona-Pandemie chronologisch zusammen ([Tab. 3]; modifiziert und ergänzt [13]).
Die Ursache der schweren COVID-19-Verläufe liegt zumindest zu einem Teil in einer massiven Immundysregulation begründet. Dies wird in einer aktuellen Übersichtsarbeit schon im Titel illustriert „… - are we our own worst enemy?“ [28]. Sind wir (also unser Immunsystem) demnach selbst unser schlimmster Feind im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion? Manche der bei weitem noch nicht aufgeklärten Immunpathomechanismen erinnern an Autoinflammationserkrankungen (Zytokinmuster) oder das Immunversagen bei einer Sepsis (Monozyteninhibition). Es sind offensichtlich immer zwei Seiten der Immunpathogenese schwerer COVID-19-Verläufe. Einerseits kommt es zu einer massiven Dysregulation des Interferonsystems, andererseits können SARS-CoV-2-Virusproteine mit Interferonmolekülen interagieren. Einerseits kommt es zu einer massiven Verstärkung der Produktion pro-inflammatorischer Zytokine (IL-1β, IL-6, IL-8. IL-10, TNFα), andererseits können Virusproteine das intrazelluläre Inflammasom aktivieren (ein Multiproteinkomplex in der Zelle, dessen Aktivierung die Entzündungskaskade in Gang setzt). Nicht zuletzt sorgt eine überschießende Aktivierung des Komplementsystems für die bekannten Symptome der Endotheliitis und Thrombosis. Wäre es nicht so ernst, könnte man die COVID-19-Erkrankung als ein „ideales Modell“ einer gestörten Homeostasis zwischen Immunabwehr und Autoimmunaggression auffassen.
Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt ist die Frage nach immunologischen Unterschieden bei symptomatischen und asymptomatischen Verläufen [29]. Wir haben versucht, den aktuellen Kenntnisstand in [Tab. 4] zusammenzufassen und dem gegenüberzustellen, was wir (noch) nicht wissen. Das Verständnis der Immunmechanismen im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion im Vergleich zur -impfung könnte von großer Bedeutung für die Vakzinentwicklung heute und in Zukunft sein. Die Forschung dazu erreicht unter dem enormen gesellschaftlichen Druck der Pandemie eine ungeahnte Intensität. Es sind eben nicht nur neutralisierende Antikörper, die bei der Virusabwehr eine Rolle spielen, sondern auch nicht-neutralisierende Antikörper, zytotoxische CD8-Lympozyten oder das innate Immunsystem [30].
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Immunologie von SARS-CoV-2 und COVID-19: was haben wir immunologisch gelernt? |
Was haben wir bisher aus immunolgischer Sicht nicht verstanden? |
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Innates und adaptives Immunsystem formieren eine immunologische Abwehr beim Erstkontakt mit SARS-CoV-2. Unterschiedliche Verläufe (symptomatisch/asymptomatisch) sind zu beobachten. |
Hängt der klinische Verlauf (symptomatisch/asymptomatisch) von Virusvarianten (Mutationen) ab? |
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Eine eher mäßige, regulierte T-Zell-Antwort und hochtitrig neutralisierende Antikörper bedeuten eine gute Prognose. |
Sind Breakthrough- („Durchbruch“-) Infektionen bei Vakzinierten eher symptomatisch oder asymptomatisch? |
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„Volles Hochfahren“ des adaptiven und innaten Immunsystems bedeutet eher eine schlechte Prognose, auch wegen überschießender Zytokinproduktion. |
Führt eine Reinfektion bei Genesenen (selbe Virusvariante oder andere) zu eher asymptomatischen Verläufen? |
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Verspätete Serokonversation, dann aber hochtitrige neutralisierende Antikörper können eine ungünstige Prognose bedeuten. |
Auch Patienten mit asymptomatischen Verläufen haben ein Risiko, an Long-COVID zu erkranken, was sind die Pathomechanismen? |
Mit zunehmender Vakzinierungsrate stellen sich entsprechend neue immunologische Fragen. Hier seien vor allem die sog. Durchbruchinfektionen (Breakthrough Infections) und deren Bedeutung genannt [31]. Was so spektakulär klingt und medientechnisch von großem Aufmerksamkeitspotenzial ist, ist ein völlig normaler Vorgang. Kein Impfstoff, nicht einmal der (Lebend-) Impfstoff gegen Gelbfieber, ist perfekt, im Sinne der Induktion einer 100%-igen sterilisierenden Immunität. Reinfektionen mit SARS-CoV-2 sind, trotz exzellenter Studiendaten zur Wirksamkeit, in einem bestimmten Prozentsatz der Geimpften (etwa 10%) immer möglich. Man bezeichnet die Effektivität eines Vakzins als die Reduktion der Wahrscheinlichkeit, dass beim Geimpften nach Viruskontakt (Infizierte Person) eine Reinfektion auftritt. Und die ist eben nicht 100%. Leider verfügt man nicht über Parameter, die objektivierbar die Wahrscheinlichkeit einer Reinfektion darstellen lassen. Die in den Medien ebenfalls breit diskutierte sinkende Konzentration von anti-SARS-CoV-2-Antikörpern („Die Immunität lässt nach!“) ist immunologisch erklärbar. Nach Kontakt mit dem Ag (hier: SARS-CoV-2-Impfstoff) produzieren zunächst kurzlebige Plasmablasten die induzierten Ak. Dies übernehmen nach einigen Wochen die Plasmazellen, die eine längere Zeit lang einen (nach und nach geringer werdenden) Antikörperspiegel vorhalten. In den Lymphknoten befinden sich die Gedächtnis-B-Lymphozyten. Die produzieren aber keine Ak. Sie „warten“ auf Ag-Re-Kontakt und reifen dann rasch zu Plasmablasten und Plasmazellen. Ein „Nachlassen der Immunität“ zu messen, hieße also, den Spiegel neutralisierender Antikörper und das immunologische Gedächtnis zu messen, beides ist im Routinelabor gegenwärtig nicht umsetzbar [32]. Ein weiteres Problem für Studien zum Nachweis einer Reinfektion vor allem bei asymptomatischen Probanden ist es, Virus-induzierte und Vakzin-induzierte Ak „auseinanderzuhalten“. Es sind also sehr viele Fragen zu klären, um nur einige aufzuführen: Wie viele Durchbruch-Infektionen gibt es? Wovon hängen die ab (Alter, Vakzine, Zeit nach Impfung, Risikogruppen)? Wie schwer verlaufen die Krankheitsbilder nach Reinfektion trotz Impfung? Wie hoch ist die Viruslast bei Reinfektion, reicht sie aus für die Weitergabe von Virus, also für die Infektion anderer (Ungeimpfter und/oder Geimpfter)? Wie hoch, und das ist ja die entscheidende gesellschaftliche Frage, ist die Belastung des Gesundheitswesens durch schwere Verläufe (Kliniken), mittelschwere bis leichte Verläufe (Praxen) in Folge Reinfektion, ganz zu schweigen vom enormen Testaufwand, der damit verbunden ist.
Die Induktion einer suffizienten Immunantwort gegen SARS-CoV-2 nach mRNA-Vakzinierung im Vergleich zur Virusinfektion wurde inzwischen intensiv untersucht. B-Lymphozyten spielen dabei eine bedeutende Rolle. Sie reifen nach Antigenkontakt in den Keimzentren der Lymphknoten (und anderer immunkompetenter Organe) mit T-Lymphozytenhilfe und produzieren über die Zeit immer besser bindende Ak, beschrieben mit dem Wort Affinitätsreifung. Zu jedem Zeitpunkt dieser Reifung können aus den Memory B-Lymphozyten die Plasmazellen entstehen. Diese produzieren auf lange Zeit „ihren“ Antikörper, reifen aber nicht weiter. Man hat solche Keimzentrumsreaktionen noch 11 Monate nach SARS-CoV-2-Impfung mit mRNA-Impfstoffen und 12 Monate nach Infektion vergleichbar festgestellt [25]. Zukünftige Vakzinforschung wird darauf ausgerichtet sein, die Keimzentrumsreaktion zu verstärken, bzw. sie mittels Surrogate-Parametern irgendwie zu messen (Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen scheinen keine oder eine reduzierte Keimzentrumsreaktion auszubilden), denn eine Ultraschall-gestützte Feinnadelpunktion axialer Lymphknoten mit anschließender molekularbiologischer Analyse auf Einzel-Zell-Niveau dürfte für die Praxisumsetzung nicht taugen [25]. Für die Praxis lässt sich ableiten, dass der serologische Nachweis von Ak gegen SARS-CoV-2 eben nur das ist, was er ist: die Dokumentation eines stattgefundenen oder nicht stattgefundenen Kontaktes mit Virusantigen. Seine Höhe jedoch sagt nichts aus über die Effizienz der antiviralen B-Zell-Antwort, schon gar nicht für den individuellen Patienten.
Immunologie und Haut
Die Haut als Barriereorgan des Körpers ist besiedelt von zahlreichen Immunzellen. Im Falle des Eindringens pathogener Mikroorganismen bedarf es einer schnellen Verfügbarkeit von Gedächtnis-T-Lymphozyten zur peripheren Immunabwehr gegen die Infektion. Diese (zumeist CD8+) Memory T-Lymphozyten wandern aus den naheliegenden Lymphkoten via Blutgefäße in die Haut ein und ein Teil von ihnen kann nach getaner Arbeit auch wieder dorthin zurück gelangen. Man nennt sie daher zirkulierende T-Gedächtnis-Zellen (TCM circulation T memory cells). Jedoch existieren in der Haut eine Vielzahl sessiler T-Lymphozyten (Skin homing T cells), zu denen TRM (Gewebe-ständige Memory T Lymphozyten; Tissue-resident memory T cells) gehören. Nach einer Virusinfektion wuchs die Zahl und Heterogenität der Haut-ständigen T-Lymphozyten an, auch CD4+ Zellen wurden beobachtet, die häufig die Funktion von regulatorischen Treg Zellen ausführten. Diese Zellpopulationen stehen in enger Interaktion mit der Haut-Mikrobiota. Eine Dysregulation dieser Haut-ständigen TRM Zellen trägt zur Pathogenese von Immundermatosen, wie Psoriasis, Atopischer Dermatitis, Alopecia areata oder Vitiligo bei [33].
Auf ein weiteres Forschungsgebiet sei an dieser Stelle verwiesen, wenn auch die Inhalte für die Dermatologie noch von sehr vorläufiger Bedeutung sind. Wohl jeder Arzt, der mit Biologika therapiert, hat sich schon einmal gefragt, wie lange denn eine solche Therapie laufen soll. Umso mehr als selbst die allerneuesten, hoch wirksamen Therapien ja „nur“ einen Pathogenesefaktor hemmen und daher nicht wirklich heilen. Vielleicht kommen wir hier ein Stückchen weiter durch die Erforschung des Phänomens der T cell exhaustion (Ermüdung der T-Lymphozyten). Diese wurde beobachtet, wenn T-Lymphozyten dauerhaft eine Antigen-Stimulation ausgesetzt sind. Wobei diskutiert wird, ob es sich um ein wirkliches Abschalten von Effektorfunktionen oder lediglich deren Unterdrückung, zum Beispiel durch epigenetische Mechanismen handelt [34]. Übertragen auf die chronischen Autoimmun- und allergischen Erkrankungen könnte das also zu der Hypothese führen, dass die verantwortlichen T-Zell-Klone durch dauerhaften Autoantigen- oder Allergenkontakt ermüden und die Biologika-Therapie mit Hemmung der Zytokine dann eingestellt werden könnte. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob sich Biomarker finden lassen, mit deren Hilfe eine T cell exhaustion gemessen werden könnte.
Weltweit ist ein starker Anstieg von allergischen und Autoimmunerkrankungen zu beobachten, der nahezu epidemische Dimensionen erreicht und etwa 1 Mrd. Menschen betrifft [35]. Die „epitheliale Hypothese“ postuliert die Zunahme von Epithelschädigenden Substanzen in der Umwelt in Folge Industrialisierung, Urbanisierung und Lebensstil. Dazu gehören Detergenzien, aus untergehenden Epithelzellen freigesetzte Enzyme, Bleichmittel und andere Irritantien, bakterielle Enzyme von Stämmen, die nicht zu einer gesunden Mikrobiota gehören, Bestandteile von Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, mykotische Proteasen. Pathogenese-Forschungen auf diesem Gebiet sind von enormer gesellschaftlicher und ökonomischer Bedeutung.
Interessenkonflikt
Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Literatur
- 1 Diamanti E, Föhr J, Papageorgiou A. et al. Immunologie in der dermatologischen Praxis – wieviel, warum, wann?. Akt Dermatol 2022; 48: 201-208
- 2 Altan-Bonnet G, Mukherje R. Cytokine-mediated communication: a quantitative appraisal of immune complexity. Nature Rev Immunol 2015; 19: 205-217
- 3 Brown C, Mackall CL. CAR T cells therapy: inroads to response and resistance. Nature Rev Immunol 2019; 19: 73-74
- 4 Sonnenberg GF, Artis D. Novel connections and precision approaches. Nature Rev Immunol 2019; 19: 75-76
- 5 Burton DR. Advancing an HIV vaccine; advancing vaccinology. Nature Rev Immunol 2019; 19: 77-78
- 6 Heneka MT. Microglia take centre stage in neurodegenerative disease. Nature Rev Immunol 2019; 19: 79-80
- 7 Kanneganti T-D. The signposts and winding roads to immunity and inflammation. Nature Rev Immunol 2019; 19: 81-82
- 8 Mathis D. Organismal immunometabolism: advances in both directions. Nature Rev Immunol 2019; 19: 83-84
- 9 Russel DG, Huang L, VanderVen BC. Immunometabolism at the interface between macrophages and pathogens. Nature Rev Immunl 2019; 19: 291-304
- 10 OʼSullivan D, Sanin DE, Pearce EJ. et al. Metabolic interventions in the immunes response to cancer. Nature Rev Immunol 2019; 19: 324-335
- 11 Tarlinton D. B cells still front and centre immunology. Nature Rev Immunol 2019; 19: 85-86
- 12 Brodin P. Systems-level patterns emerge. Nature Rev Immunol 2019; 19: 87-88
- 13 Carvalho T, Krammer F, Iwasaki A. The first 12 months of COVID-19: a timeline of immunological insights. Nature Rev Immunl 2021; 21: 245-256
- 14 Sonnenberg GF, Hepworth MR. Functional interactions between innate lymphoid cells and adaptive immunity. Nature Rev Immunol 2019; 19: 599-613
- 15 Zhang Q, Xuetao C. Epigenetic regulation of the innate immune response to infection. Nature Rev Immunol 2019; 19: 417-432
- 16 Johanson TM, Chan WF, Keenan CR. et al. Genome organization in immune cells: unique challenges. Nature Rev Immunol 2019; 19: 448-456
- 17 Skelly AN, Sato Y, Kearny S. et al. Mining the microbiota for microbial and metabolite-based immunotherapies. Nature Rev Immunol 2019; 19: 305-323
- 18 Renz H, Skevaki C. Early life microbial exposures and allergy risks: opportunities for prevention. Nature Rev Immunol 2021; 21: 177-191
- 19 Raffin C, Vo LT, Bluestone JA. Treg cell-based therapies: challenges and perspectives. Nature Rev Immunol 2020; 20: 158-172
- 20 Angkasekwinai P, Dong C. IL-9-producing T cells : potential players in allergy and cancer. Nature Rev Immunol 2021; 21: 37-48
- 21 McInnes IB, Gravallese EM. Immune-mediated inflammatory disease therapeutics: past, present and future. Nature Rev Immunol 2021; 21: 680-686
- 22 St John AL, Rathore APS. Adaptive immune responses to primary and secondary dengue virus infections. Nature Rev Immunol 2019; 19: 218-230
- 23 Kurup SP, Butler NS, Harty JT. T cell-mediated immunity to malaria. Nature Rev Immunol 2019; 19: 457-471
- 24 Julien J-P, Wardemann H. Antibodies against Plasmodium faclciparum at the molecular level. Nature Rev Immunol 2019; 19: 761-775
- 25 Laidlaw BJ, Ellebedy AH. The germinal centre B cell response to SARS-CoV-2. Nature Rev Immunol 2022; 22: 7-18
- 26 Lynn DJ, Saoirse CB, Lynn MA. et al. Modulation of immune responses to vaccination by the microbiota: implications and potential mechanisms. Nature Rev Immunol 2022; 22: 33-46
- 27 Haynes BF. SARS-CoV-2 and HIV-1 – a tale of two vaccines. Nature Rev Immunol 2021; 21: 543-544
- 28 Wong L-YR, Perlman S. Immune dysregulation and immunopathology induced by SARS-CoV-2 and related coronaviruses – are we our own worst enemy?. Nature Rev Immunol 2022; 22: 47-56
- 29 Boyton RJ, Altman DM. The immunology of asymptomatic SARS-CoV-2 infection: what are the key questions?. Nature Rev Immunol 2021; 21: 762-768
- 30 Jeyanathan M, Afkhami S, Smaill F. et al. Immunological considerations for COVID-19 vaccine strategies. Nature Rev Immunol 2020; 20: 615-632
- 31 Lipsitch M, Krammer F, Regev-Yochay G. et al. SARS-CoV-2 breakthrough infections in vaccinated individuals: measurement, causes and impact. Nature Rev Immunol 2022; 22: 57-65
- 32 Ho AW, Kupper TS. T cells and the skin: from protective immunity to inflammatory skin disorders. Nature Rev Immunol 2019; 19: 490-502
- 33 Cromer D, Juno JA, Khoury D. et al. Prospects for durable immune control of SARS-CoV-2 and prevention of infection. Nature Rev Immunol 2021; 21: 395-404
- 34 Blank CU, Haining WN, Held W. et al. Defining T cell exhaustion. Nature Rev Immunol 2019; 19: 665-674
- 35 Akdis CA. Does the epithelial barrier hypothesis explain the increase in allergy, autoimmunity and other conditions?. Nature Rev Immunol 2021; 21: 739-752
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Publication History
Article published online:
19 May 2022
© 2022. Thieme. All rights reserved.
Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany
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Literatur
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