Einleitung
Blasenbildende Autoimmundermatosen (BAID) sind eine große Gruppe von
über 20 heterogenen Krankheitsbildern, die durch Autoantikörper
gegenüber Strukturproteinen der Haut und/oder Schleimhaut
charakterisiert sind. Je nach Lokalisation der daraus resultierenden Spaltbildung
werden die subepidermalen BAID (Pemphigoid-Gruppe) von den intraepidermalen BAID
(Pemphigus-Gruppe) unterschieden. Unter Berücksichtigung klinischer
Charakteristika sowie der Zielantigene der Antikörper im Patientenserum
erfolgt die genaue Zuordnung zu den heute bekannten BAID.
In diesem Übersichtsartikel möchten wir die wichtigsten Aspekte der
Klinik und Diagnostik von BAID vorstellen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei
auf den häufigsten BAID, dem bullösen Pemphigoid sowie dem Pemphigus
vulgaris und Pemphigus foliaceus. Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der
Therapie der BAID unter Berücksichtigung neuer
Behandlungsansätze.
Bullöses Pemphigoid
Das bullöse Pemphigod (BP) stellt mit einer Prävalenz von
über 250 Fällen pro 1 Million Menschen die
häufigste BAID dar [1].
Abhängig von ethnischer Zugehörigkeit und geografischer Region
variiert die Häufigkeit deutlich. 2016 wurde für Deutschland
eine Prävalenz von 127 Fällen pro 1 Million Einwohner berechnet
[2]. Die Inzidenz in Europa
beträgt 10–34 Fälle pro 1 Million Einwohner pro Jahr und
steigt mit zunehmendem Lebensalter auf eine Inzidenz von 190–312
Fällen pro 1 Million Einwohner pro Jahr bei 80-Jährigen [3]
[4]
[5]. Patienten ab einem Alter
von 90 Jahren haben im Vergleich zu Menschen vor dem 60. Lebensjahr sogar ein
300fach erhöhtes Risiko, ein BP zu entwickeln [5]. Eine Rarität ist hingegen das
juvenile Pemphigoid, also das Auftreten eines BP bei Kindern und Jugendlichen
[6]
[7]. Die insgesamt leicht zunehmende Inzidenz in Europa wird durch die
steigende Lebenserwartung sowie verbesserte Diagnostik erklärt [8]. Trotz deutlich günstigerer
Prognose seit dem Einsatz von Glukokortikoiden beträgt die
1-Jahresmortalität aktuell 20–30% [1]
[9]
[10]
[11].
Das klinische Bild ist charakterisiert durch erythematöse Plaques, pralle
Blasen, Erosionen und hämorrhagische Krusten ([Abb. 1]). Diese gehen typischerweise mit
ausgeprägtem Juckreiz einher. Prädilektionsstellen sind das
untere Abdomen, die Oberschenkelinnenseiten und die Intertrigines. Dem BP kann
ein prämonitorisches Stadium ohne Blasenbildung vorangehen, das unter
Umständen über Wochen bis Jahre persistiert. Bei bis zu
20% der Patienten treten während des gesamten
Krankheitsverlaufes keine Blasen auf [3].
Es werden abhängig von klinischem Bild, Lokalisation und
Ausprägung verschiedene Varianten unterschieden wie z. B. das
lokalisierte BP, das dyshidrosiforme Pemphigoid oder das vesikulöse BP.
Bei circa 20% zeigt sich eine Schleimhautbeteiligung, die meist enoral
lokalisiert ist [1]. Abhängig von
der klinischen Ausprägung der Schleimhautbeteiligung erfolgt die
Abgrenzung zum Schleimhautpemphigoid; bei letzterem ist die
Schleimhautbeteiligung führend ([Abb.
2]). [Tab. 1] fasst wichtige
Differentialdiagnosen des BP abhängig von dessen Ausprägung und
klinischem Bild zusammen. Die Krankheitsaktivität des BP kann anhand
verschiedener klinischer Scores wie zum Beispiel des Bullous Pemphigoid
Disease Area Index (BPDAI) erfasst werden. Beurteilt werden hierbei die
Art und Anzahl der Haut- und Schleimhautläsionen unterschiedlicher
anatomischer Regionen.
Abb. 1 Bullöses Pemphigoid. 75-jährige Patientin
mit konfluierenden erythematösen Plaques mit prallen Blasen
sowie einzelnen Krusten und Erosionen beider Oberschenkel. a
Übersicht. b Detailaufnahme des rechten
Oberschenkels.
Abb. 2 Schleimhautpemphigoid. a 72-jähriger Patient
mit Synechien des rechten Augeninnenwinkels. b 82-jährige
Patientin mit ausgeprägten Erosionen der Wangenschleimhaut und
des harten Gaumens.
Tab. 1 Die wichtigsten Differentialdiagnosen der
häufigsten blasenbildenden Autoimmundermatosen
Klinisches Erscheinungsbild
|
Differenzialdiagnosen
|
prämonitorische Form
|
Prurigo simplex subacuta
|
Skabies
|
Urtikaria
|
Pruritus sine materia (z. B. bei
metabolischen/endokrinen Störungen oder
hämatologischen/lymphoproliferativen
Erkrankungen)
|
bullöse Form
|
|
lokalisiert
|
Impetigo contagiosa
|
Mechanische oder traumatische Blasenbildung (Verbrennung,
Verätzung)
|
bullöses Erysipel (bullöse)
Kontaktdermatitis
|
Herpes Zoster (bullöse) Iktusreaktion
|
generalisiert
|
(bullöse) Arzneimittelreaktion
|
Lichen planus bullosus/pemphigoides
|
andere blasenbildende Autoimmundermatosen
|
Mundschleimhautbeteiligung
|
orale Aphthen
|
erosiver Lichen ruber mucosae
|
Gingivostomatitis herpetica
|
Lupus erythematodes
|
Schleimhautpemphigoid
|
Haut -/Schleimhautbeteiligung
|
Erythema multiforme majus
|
toxische epidermale Nekrolyse
|
Staphylococcal-Scalded-Skin-Syndrom
|
andere blasenbildende Autoimmundermatosen
|
Pemphigus foliaceus
|
seborrhoisches Ekzem
|
subakut kutaner Lupus erythematodes
|
Staphylococcal-Scalded-Skin-Syndrom
|
Die Ursache des BP ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.
Pharmakovigilanzdaten weisen in einem Teil der Fälle auf einen
Zusammenhang mit der Einnahme von Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4)-Inhibitoren hin
[12]
[13], so dass empfohlen wird, diese bei Diagnose eines BP auf andere
Antidiabetika umzustellen [8]. Ein
Zusammenhang mit der Einnahme anderer Medikamente wie Spironolacton,
Phenothiazinen oder Immuncheckpoint-Inhibitoren wird diskutiert [8]
[14]. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Studien mit der
Untersuchung komorbider Erkrankungen beim BP befasst. Diese zeigen ein
gehäuftes Auftreten von neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen.
Assoziationen wurden unter anderem mit multipler Sklerose, Demenz, Morbus
Parkinson, Epilepsie und zerebrovaskulären Erkrankungen nachgewiesen
[1]
[5]. Welche Mechanismen diesen Assoziationen zu Grunde liegen, ist
nicht abschließend geklärt. Es wurde gezeigt, dass es dermale
und neuronale Varianten der Zielantigene des BP – BP180 und BP 230
– gibt [15]. Zudem wird eine durch
Neuroinflammation und Neurodegeneration verminderte Toleranz gegenüber
dem BP180-Molekül angenommen [15].
Die Studienergebnisse bezüglich Assoziationen zu anderen Erkrankungen
einschließlich Tumorleiden sind uneinheitlich und werden kontrovers
diskutiert. In einer eigenen Fall-Kontroll-Studie mit 300 BP-Patienten
beobachteten wir eine Assoziation des BP mit meist normochromen,
normozytären Anämien und Niereninsuffizienz, jedoch nicht zu
Malignomen [16].
Pemphigus vulgaris und Pemphigus foliceaus
Der Pemphigus vulgaris (PV) und der Pemphigus foliaceus (PF) stellen mit einem
Anteil von 80% beziehungsweise 20% in Europa und Nordamerika die
beiden größten Gruppen innerhalb der Pemphiguserkrankungen dar
[1]. Aufgrund einer genetischen
Prädisposition tritt der PV je nach geographischer Region und ethnischer
Zugehörigkeit unterschiedlich häufig auf. So variiert die
Inzidenz zwischen 0,76 Fällen pro 1 Million Einwohner pro Jahr in
Finnland und 32 Fällen pro 1 Million Einwohner pro Jahr in der
jüdischen Bevölkerung in den USA [17]. Für den sporadisch
auftretenden PF werden in der westlichen Welt Inzidenzen von <1 Fall pro
1 Million Einwohner pro Jahr angenommen [17]. Endemisch tritt der PF in manchen ländlichen Gebieten
Südamerikas und Nordafrikas auf, wo er fast nur Männer
(95%) oder postmenopausale Frauen (5%) betrifft [17]. Im Süden Tunesiens wurden
beispielsweise jährliche Inzidenzen von 4 Fällen pro 1 Million
Einwohner ermittelt [17]. Da eine
rückläufige Häufigkeit bei sich gleichzeitig
verbessernden Lebensbedingungen zu beobachten war, wird ein Zusammenhang zu den
Hygiene- und Lebensumständen diskutiert [17]. Pemphiguserkrankungen können in jedem Alter auftreten
und zeigen einen Häufigkeitsgipfel zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr.
Abgesehen von der endemischen PF-Variante ist eine Erkrankung im Kindes- und
Jugendalter äußerst selten.
Auf Basis der Daten einer der größten Krankenversicherungen in
Deutschland wird für Pemphiguserkrankungen im Jahr 2014 eine
Prävalenz von 148 Patienten pro 1 Million Einwohner geschätzt,
wobei für den PV 95 Fälle und für den PF 10
Fälle pro 1 Million Einwohner berechnet wurden [2]. In Deutschland sind circa 0,6%
der Pemphiguspatienten im Kindesalter [2]
[18]. Eine genetische
Prädisposition für Pemphiguserkrankungen konnte nachgewiesen
werden: bekannte Risikoallele für den PV sind DRB1*0402 und
DQB1*0503, für den PF DRB1*04 und DRB1*14 [17]. In chinesischen
Bevölkerungsgruppen kommt DQB1*05:03 hinzu [17]. Bei einigen Patienten wird eine
Pemphiguserkrankung durch Medikamente getriggert. Über
Zusammenhänge mit der Einnahme von Penicillamin und Rifampicin wurde
berichtet, so dass diese Medikamente bei Patienten mit PV oder PF abgesetzt
werden sollten [8]. Zudem besteht ein
möglicher Zusammenhang unter anderem mit der Einnahme von
ACE-Inhibitoren, Pyrazolonderivaten und Cephalosporinen [8]
[19]. Die Mortalität des PV lag vor Einsatz der systemischen
Glukokortikoide bei 80% und ist heute noch immer zwei- bis dreimal
höher als in der Allgemeinbevölkerung [1].
Der PV manifestiert sich immer an der Schleimhaut und manchmal zusätzlich
an der freien Haut. Meistens ist die Mundschleimhaut betroffen, allerdings kommt
auch eine Beteiligung anderer Schleimhäute wie Pharynx, Larynx,
Ösophagus und Genitalschleimhaut vor [1]. Klinisch führend sind hierbei Erosionen ([Abb. 3a und b]), an der Haut treten
zusätzlich zu den oft großflächigen Erosionen auch
Krusten auf [1] ([Abb. 3c und d]). Da das Blasendach bei den
Pemphiguserkrankungen aufgrund der intraepidermalen Spaltebene sehr dünn
ist, beobachtet man intakte Blasen nur sehr selten. Bei PV-Patienten kann durch
tangentialen Druck auf gesund erscheinende Haut eine Erosion hervorgerufen
werden (Nikolski-Zeichen 1).
Abb. 3 Pemphigus vulgaris. a 80-jährige Patientin
mit Erosionen und Krusten der Lippen sowie Erosionen der
Zungenunterseite. b 48-jährige Patientin mit Erosionen
der Wangenschleimhaut und der Oberlippe. c und d
60-jähriger Patient mit Erosionen, Krusten und einzelnen Blasen
am Rücken sowie Erosionen und Blasen am rechten Fuß.
Im Gegensatz zum PV kommt es beim PF nicht zur Schleimhautbeteiligung. Der PF
manifestiert sich ausschließlich an der freien Haut und hier vor allem
in den seborrhoischen Arealen, an der Kopfhaut und dem Oberkörper. Das
typische klinische Bild ist durch Erosionen und blätterteigartige
Krusten gekennzeichnet ([Abb. 4a]). Die
Läsionen heilen meist ohne Narbenbildung ab, postinflammatorische
Hyperpigmentierungen können jedoch über viele Monate
persistieren ([Abb. 4b]). [Tab. 1] präsentiert die
wichtigsten Differentialdiagnosen des PV und PF.
Abb. 4 Pemphigus foliaceus. a 45-jährige Patientin
mit erythematösen Maculae, Erosionen und Krusten neben
hellerythematösen bis bräunlichen Maculae am
Rücken. b Gleiche Patientin mit einzelnen Krusten und
zahlreichen bräunlichen Maculae (postinflammatorische
Hyperpigmentierungen) am Rücken.
Mithilfe des Pemphigus Disease Area Index (PDAI) und des Autoimmune
Bullous Skin Disorder Intensity Score (ABSIS) wird die klinische
Aktivität des PV und PF beurteilt.
Eine Sonderform der Pemphiguserkrankungen ist der sehr seltene paraneoplastische
Pemphigus (PNP) (weniger als 5% aller Pemphiguserkrankungen), der
klinisch und immunpathologisch als eigene Entität betrachtet wird. Es
besteht eine Assoziation zu meist hämatologischen Neoplasien (in
70–80% der Fälle; insbesondere zum Non-Hodgkin-Lymphom).
Der Nachweis einer malignen Erkrankung ist Voraussetzung für die
Diagnosestellung eines PNP. Die Patienten leiden unter sehr ausgedehnten,
therapieresistenten Erosionen und Ulcera der Schleimhäute und der freien
Haut, welche von starken Schmerzen begleitet werden. Eine kritische und oft
letale Komplikation des PNP ist die Bronchiolitis obliterans. Der Verlauf des
PNP ist wesentlich von der malignen Erkrankung abhängig. Eine
vollständige Abheilung ist nach erfolgreicher Tumortherapie
möglich. Insgesamt ist die Prognose mit einer Mortalität
zwischen 75 und 90% sehr ungünstig. Viele Patienten versterben
innerhalb kürzester Zeit an ihrer Tumorerkrankung oder an Komplikationen
des PNP [17].
Pathogenese und Diagnostik blasenbildender Autoimmundermatosen
Auslöser der bullösen Autoimmunerkrankungen sind
Autoantikörper gegen Strukturproteine der dermoepidermalen Junktionszone
(Pemphigoiderkrankungen) beziehungsweise gegen interzelluläre
Adhäsionsmoleküle innerhalb der Epidermis
(Pemphiguserkrankungen) ([Abb. 5]).
Bedingt durch die Bindung der Autoantikörper und die darauffolgende
inflammatorische Reaktion wird eine subepidermale (Pemphigoiderkrankungen)
beziehungsweise intraepidermale Spaltbildung (Pemphiguserkrankungen) verursacht
([Abb. 6a und 7a]). Die Histologie
gibt in der Diagnostik erste Anhaltspunkte durch Identifikation der Höhe
der Spaltbildung und des Entzündungsinfiltrats, zur Diagnosesicherung
muss jedoch eine direkte und eine indirekte Immunfluoreszenzmikroskopie
durchgeführt werden.
Abb. 5 Schematische Darstellung der für die
blasenbildenden Autoimmundermatosen wichtigsten intraepidermalen (obere
Bildhälfte) und dermoepidermalen Strukturproteine (untere
Bildhälfte). Dargestellt sind Keratinozyten des Stratum
basale der Epidermis (oben) und die Basalmembran mit Lamina
lucida und Lamina densa. *mit Desmoplakin,
Envoplakin, Periplakin, Plakoglobin und Plakophilin.
Abb. 6 Bullöses Pemphigoid. a Histologie
(H&E-Färbung) mit Nachweis einer subepidermalen Blase
sowie eines eosinophilenreichen Entzündungsinfiltrats. b
Direkte Immunfluoreszenzmikroskopie mit linearer Ablagerung von IgG
entlang der Basalmembran. c Indirekte Immunfluoreszenzmikroskopie
auf humaner Spalthaut mit linearen Ablagerungen von IgG an der
epidermalen Seite des artifiziellen Spaltes.
Die direkte Immunfluoreszenzmikroskopie weist mit einer hohen
Sensitivität und Spezifität als Goldstandard in der Diagnostik
gewebegebundene Antikörper nach [3]. Die Entnahme einer periläsionalen Haut- oder
Schleimhautbiopsie ist Voraussetzung für eine sichere Diagnose, da die
Autoantikörper innerhalb der Läsion oftmals proteolytisch
abgebaut werden und nicht mehr nachweisbar sind. Beim BP finden sich
typischerweise lineare Ablagerungen von IgG und C3 entlang der Basalmembran
([Abb. 6b]). Die
Pemphiguserkrankungen zeigen in der direkten Immunfluoreszenzmikroskopie
intraepidermale netzförmige Ablagerungen von IgG und C3 sowie IgA beim
IgA-Pemphigus ([Abb. 7b]).
Abb. 7 Pemphigus vulgaris. a Histologie
(H&E-Färbung) mit langstreckiger suprabasaler
Akantholyse. b Direkte Immunfluoreszenzmikroskopie mit
netzförmigen Ablagerungen von IgG innerhalb der Epidermis.
c Indirekte Immunfluoreszenzmikroskopie auf
Affenösophagus mit netzförmigen Ablagerungen von IgG
innerhalb des Epithels.
In der indirekten Immunfluoreszenzmikroskopie lassen sich Autoantikörper
im Patientenserum nachweisen. Je nach Fragestellung wird diese auf
unterschiedlichen Substraten durchgeführt.
Für Pemphigoiderkrankungen wird gesunde menschliche Spenderhaut genutzt,
in welcher zuvor durch Inkubation in 1 M NaCl-Lösung ein Spalt in
Höhe der Basalmembran (der Junktionszone, in der Epidermis und Dermis
miteinander in Kontakt stehen) artifiziell erzeugt wurde. Überschichtet
man diese sogenannte Spalthaut nach Schneiden und Auftragen auf einen
Objektträger mit Patientenserum, so binden Autoantikörper beim
BP an der epidermalen Seite des Spalts (im „Blasendach“; [Abb. 6c]), bei manchen Formen des
Schleimhautpemphigoids und bei der Epidermolysis bullosa acquisita an der
Dermalseite (am „Blasenboden“). Zur Sicherung einer
Pemphiguserkrankung verwendet man aufgrund der hohen Sensitivität
typischerweise Affenösophagus. Hier zeigen sich beim PV und PF
netzförmige (retikuläre) Ablagerungen von IgG innerhalb des
mittleren und oberen Epithels ([Abb.
7c]). Als Besonderheit sind beim paraneoplastischen Pemphigus auf
Affenösophagus zusätzlich zu den zu erwartenden
interzellulären Ablagerungen von IgG im Epithel manchmal auch lineare
Ablagerungen von IgG an der Basalmembran zu finden. Außerdem lassen sich
beim paraneoplastischen Pemphigus netzförmige Ablagerungen von IgG auf
Plakin-reichem Urothel der Affen- und Rattenharnblase nachweisen. Mittels ELISA
(Enzyme-linked Immunosorbent Assay) -Verfahren können die
Autoantikörper spezifiziert werden.
Die wichtigsten Zielantigene der Gruppe der Pemphigoiderkrankungen sind BP180,
BP230, Laminin 332, Kollagen VII und α6β4-Integrin (siehe [Tab. 2] und [Abb. 5]). In der Mehrzahl gehören
die Autoantikörper den IgG1- und IgG4-Subklassen an. Durch Bindung der
Autoantikörper an diese Strukturproteine werden
Entzündungsreaktionen hervorgerufen, im Rahmen derer infiltrierende
Zellen Proteasen freisetzen, die eine Spaltbildung zwischen Epidermis und Dermis
verursachen. Beim bullösen Pemphigoid sind am häufigsten
IgG-Antikörper gegen BP180 vorhanden, deren Serumspiegel mit der
Krankheitsaktivität korreliert, seltener zusätzlich
IgA-Autoantikörper gegen BP180. Bei einem Teil der Patienten
können Autoantikörper gegen BP230 nachgewiesen werden.
Tab. 2 Zielantigene der wichtigsten blasenbildenden
Autoimmundermatosen, hervorgehoben sind die häufigsten
Zielantigene (modifiziert nach Beek et al. [1])
Erkrankung
|
Zielantigene
|
Pemphigoiderkrankungen
|
Bullöses Pemphigoid
|
BP 180
|
BP 230, Plektin
|
Schleimhaut-Pemphigoid
|
BP 180
|
Laminin 332 und 331, α6β4-Integrin, BP 230,
Typ VII-Kollagen
|
Pemphigoid gestationis
|
BP 180
|
BP 230
|
Lineare IgA-Dermatose
|
BP 180 (IgA-Autoantikörper)
|
Epidermolysis bullosa acquisita
|
Typ VII-Kollagen
|
Pemphiguserkrankungen
|
Pemphigus vulgaris
|
Desmoglein 3
|
Desmoglein 1, Desmoglein 4, Desmocollin 1, 2 und 3,
Plakoglobin, cholinerge Rezeptoren, Pemphaxin,
E-Cadherin
|
Pemphigus foliaceus
|
Desmoglein 1
|
Plakoglobin, Desmoplakin 1 und 2, Periplakin, Envoplakin,
cholinerge Rezeptoren, E-Cadherin
|
Paraneoplastischer Pemphigus
|
Desmoglein 3
|
Desmoplakin 1 und 2, BP 230, Envoplakin, Plektin, Periplakin,
α-2-Makroglobulin-ähnliches Protein 1,
Plakophilin 3, Desmocollin 1, 2 und 3
|
Dermatitis herpetiformis Duhring
|
Epidermale Transglutaminase
(IgA-Autoantikörper)
|
Endomysium (IgA-Autoantikörper)
|
Gewebstransglutaminase(IgA-Autoantikörper)
|
Die Pemphiguserkrankungen werden durch Autoantikörper gegen
interzelluläre Strukturproteine der Epidermis verursacht. Diese
gehören meist der IgG4-Subklasse an. Bekannte Zielantigene sind vor
allem Desmogleine 1 und 3 sowie Desmocolline 1–3 (siehe [Tab. 2]). Während das beim PV
häufigste Zielantigen Desmoglein 3 vor allem in der Mucosa zu finden ist
und nur in den basalen Schichten der freien Haut, wird das beim PF entscheidende
Desmoglein 1 hauptsächlich in den oberflächlichen bis mittleren
Abschnitten des verhornenden Epithels exprimiert und kaum in der Schleimhaut.
Die Verteilung der jeweiligen Zielantigene innerhalb der Epidermis
erklärt die Lokalisation der intraepidermalen Spaltebene und das daraus
resultierende klinische Bild. Der PV ist durch anti-Desmoglein
3-Autoantikörper charakterisiert, die zur intraepidermalen suprabasalen
Spaltbildung an den Schleimhäuten führen. Zusätzlich
können beim PV anti-Desmoglein 1-Autoantikörper auftreten; in
diesem Fall sind neben Schleimhautläsionen auch solche der freien Haut
anzutreffen. Beim PF ist ausschließlich die freie Haut, aber nie die
Schleimhaut betroffen; hier kommt es durch anti-Desmoglein
1-Autoantikörper zu einer intraepidermalen subkornealen Spaltbildung.
Die Bindung der anti-Desmoglein-Autoantikörper an ihre Zielstrukturen
verursacht dabei eine Internalisierung der Zielantigene, woraufhin es zur
Akantholyse kommt. Die Höhe der Desmoglein-Titer korreliert mit der
klinischen Krankheitsaktivität von PV und PF.
Therapie blasenbildender Autoimmundermatosen
Die Therapie des BP erfolgt abhängig vom Schweregrad und setzt sich aus
mehreren Bausteinen zusammen. Ein fester Bestandteil ist die Lokaltherapie.
Antiseptische Zusätze sollen eine bakterielle Superinfektion vermeiden,
große Blasen werden steril punktiert, großflächige
Erosionen zusätzlich mit atraumatischen Wundauflagerungen versorgt.
Potente topische Glukokortikoide (Clobetasolpropionat) werden bei allen
Schweregraden eingesetzt [19]
[20]. Die Umsetzung der
längerfristig notwendigen Lokaltherapie im häuslichen Umfeld
stellt jedoch für die oft multimorbiden Patienten und deren
Angehörigen eine große Herausforderung dar und scheitert nicht
selten. Alternativ werden systemische Glukokortikoide (initial 0,5 mg
Prednisolonäquivalent/kg/Tag) zur Induktionstherapie
eingesetzt [19]. Je nach Schweregrad wird
die topische beziehungsweise systemische Glukokortikoidtherapie mit Doxyzyklin
(200 mg/Tag), Dapson (bis max.
1,5 mg/kg/Tag), Azathioprin
(2–2,5 mg/kg/Tag), Mycophenolatmofetil
(2 g/Tag) oder Methotrexat (bis zu 20 mg/Woche)
kombiniert. Bei Therapieresistenz können intravenöse
Immunglobuline (2 g/kg/Zyklus in
4–6-wöchigen Abständen), Immunadsorption oder der
anti-CD-20-Antikörper Rituximab (2x 1 g; Tag 0 und eine weitere
Gabe an Tag 14–21) off-label eingesetzt werden.
Im Vergleich zum BP benötigen Pemphiguspatienten in der Regel eine
aggressivere Behandlung, die sich jedoch ebenfalls nach dem Schweregrad richtet.
Die aktuell effektivste zugelassene Behandlung des PV stellt Rituximab dar.
Gemäß Chen et al. profitierten Patienten mit moderat bis
schwerem PV deutlich von einer Therapie mit Rituximab in Kombination mit
Prednison. 34 Patienten mit moderatem oder schwerem PV wurden mit Rituximab in
Kombination mit oralem Prednison in einer von der Krankheitsaktivität
abhängigen Dosis (0,5–1,0 mg/kg/Tag)
behandelt und 32 Patienten nur mit oralem Prednison in entsprechender Dosierung.
In der Gruppe mit der Kombinationstherapie erhielten die Patienten
1000 mg Rituximab an Tag 1 und an Tag 15 sowie 500 mg Rituximab
nach 12 und 18 Monaten. Nach 24 Monaten zeigten 90% der Patienten aus
dem Arm mit der Kombinationstherapie eine komplette Remission im Vergleich zu
28% in der Kontrollgruppe. Die durchschnittlich erforderliche
Prednisondosis unterschied sich mit 5.800 mg in der
Kombinationstherapiegruppe zu 20.520 mg in der Kontrollgruppe deutlich.
Entsprechend traten unter der Kombinationstherapie weniger steroidassoziierte
Komplikationen auf [21]
[22].
Für den milden PV wird gemäß deutscher Leitlinie
primär eine Therapie mit systemischen Glukokortikoiden (initial
1,0–1,5 mg Prednisolonäquivalent/kg/Tag)
in Kombination mit Azathioprin (2–2,5 mg/kg/Tag)
oder Mycophenolatmofetil (2 g/Tag) empfohlen. Bei Patienten mit
moderaten oder schweren Verläufen wird die Therapie mit Rituximab (2x
1 g; Tag 0 und eine weitere Gabe an Tag 14–21) in Kombination
mit einem systemischen Glukokortikoid (initial 1,0 mg
Prednisolonäquivalent/kg/Tag) eingesetzt. Alternativ
kann analog zur milden Form des PV behandelt werden. Optionen zur
Therapieeskalation bei fehlendem Ansprechen stellen eine Dosissteigerung des
Prednisolons auf 2,0 mg
Prednisolonäquivalent/kg/Tag oder eine Kombination aus
allen drei oben genannten Substanzgruppen dar. Bei Therapieversagen sind
Kombinationen aus systemischen Glukokortikoiden und Cyclophosphamid
(1–2 mg/kg/Tag) beziehungsweise Methotrexat
(10–25 mg/Woche) sowie intravenöse
Immunglobuline (2 g/kg/Zyklus in
4–6-wöchigen Abständen) oder Immunapherese
möglich. Supportive Therapiemaßnahmen beinhalten eine
antiseptische Lokaltherapie der Haut und Schleimhaut, die Verwendung
atraumatischer Wundauflagen, eine adäquate Analgesie sowie ggf. eine
Nahrungsergänzung bei schmerzbedingt eingeschränkter
Nahrungsaufnahme [19]. Die
europäische S2k-Leitlinie empfiehlt im Gegensatz zur deutschen Leitlinie
den Einsatz von Rituximab bereits bei milden Verlaufsformen. Zudem wird zur
Erhaltungstherapie die wiederholte Gabe von Rituximab nach 6, 12 und 18 Monaten
angeraten [20].
Der PF wird abhängig vom Schweregrad weitgehend analog zum PV behandelt.
Eine zusätzliche Therapieoption ist Dapson (bis
1,5 mg/kg/Tag), das anstelle von Immunsuppressiva wie
Azathioprin oder Mycophenolatmofetil eingesetzt werden kann. Die deutsche
Leitlinie empfiehlt auch zur Behandlung des moderaten und schweren PF den
Einsatz von Rituximab, welches jedoch zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland
nicht zur Behandlung des PF zugelassen ist. Die europäische Leitlinie
empfiehlt neben der topischen Glukokortikoid-Therapie auch beim PF bereits bei
milder Ausprägung den Einsatz von Rituximab alternativ zur Gabe von
Dapson oder systemischen Glukokortikoiden.
Neue Therapieansätze zur Behandlung blasenbildender
Autoimmundermatosen
Seitdem systemische Glukokortikoide zur Behandlung blasenbildender
Autoimmundermatosen zur Verfügung stehen, ist deren Mortalität
gesunken. Allerdings geht eine immunsuppressive Therapie insbesondere in der
Langzeittherapie mit einem breiten Spektrum möglicher Nebenwirkungen
einher, sodass die Mortalität der Patienten über jener einer
vergleichbaren Altersgruppe liegt [17].
Die Haupttodesursachen sind Infektionserkrankungen, deren Risiko durch eine
dauerhafte Immunsuppression steigt. Langzeitdaten für den PV zeigen,
dass die krankheitsspezifische Mortalität durch langfristige
Komplikationen und weniger durch den akuten Krankheitsbeginn bedingt ist [17]. Auch für das BP wird
für Europa eine überdurchschnittliche Sterberate angegeben.
Ein-Jahres-Mortalitäten werden auf 20–30%
geschätzt und sind in den ersten zwei Jahren im Vergleich zur
gleichaltrigen Bevölkerung dreifach erhöht [9]
[11]. Folglich besteht der Bedarf neuer Therapiestrategien mit einem
günstigeren Nebenwirkungsprofil.
Bullöses Pemphigoid
Möglicherweise spielen auch IgE-Autoantikörper in der Pathogenese
des BP eine Rolle. Eine Korrelation zwischen Krankheitsaktivität und
Gesamt-IgE-Spiegel konnte zwar nicht für den Krankheitsbeginn, jedoch
für den späteren Verlauf der Erkrankung nachgewiesen werden
[15]. Die Injektion von
anti-BP180-IgE-Antikörpern sowie von Gesamt-IgE aus Seren von
BP-Patienten in Mäuse mit transplantierter menschlicher Haut
löste eine Plaque- und Blasenbildung aus [15]. Bekannt ist bereits, dass neben
IgG-Antikörpern auch anti-BP180-IgE-Autoantikörper eine
Internalisierung des BP-180 über pinozytäre Vorgänge
auslösen können. Angenommen wird, dass
IgE-Autoantikörper außerdem die Freisetzung von Histamin durch
Mastzellen und Basophile bewirken [15].
In mehreren Fallserien und Kohortenstudien wurde der anti-IgE-Antikörper
Omalizumab zur Behandlung des BP eingesetzt. Ein systematischer Review aus dem
Jahr 2019 wertete die Daten von 35 Publikationen (prospektive sowie
retrospektive Kohortenanalysen, Fallserien und Fallberichte) hinsichtlich der
Behandlung von 19 Patienten mit Omalizumab und 62 Patienten mit Rituximab aus.
Die 19 mit Omalizumab behandelten Patienten hatten größtenteils
eine Vortherapie mit systemischen Glukokortikoiden (n=14) und aufgrund
fehlender Wirksamkeit einer zusätzlichen Substanz (n=11)
erhalten. Dosis und Therapieintervalle von Omalizumab variierten stark zwischen
den Untersuchungen (von 100 mg alle 4 Wochen bis maximal 525 mg
alle 2 Wochen). Behandelt wurde über einen Zeitraum von einem bis zu 24
Monaten. Bei 16 Patienten konnte eine komplette Remission erreicht werden. Zwei
Patienten zeigten eine partielle Remission und ein Patient sprach gar nicht an.
Zum Vergleich wurden die Resultate von Patienten unter Therapie mit Rituximab
herangezogen. Der Anteil von kompletten Remissionen war unter Omalizumab
(84%) vergleichbar mit dem Anteil der kompletten Remissionen unter
Rituximab (85%). Ein Zusammenhang zwischen Dosis und
Therapieeffektivität konnte für Omalizumab nicht nachgewiesen
werden. Acht von 10 Patienten erlitten einen Rückfall nach
durchschnittlich 3,4 Monaten nach Absetzen der Therapie mit Omalizumab. Ein
Fünftel der Patienten entwickelte Nebenwirkungen, insbesondere
Thrombozytopenien und Leberwerterhöhungen. Zwei Patienten erlitten einen
Myokardinfarkt, an dem ein Patient verstarb [23].
Eine Phase-2-Studie mit dem hochaffinen monoklonalen anti-IgE-Antikörper
Ligelizumab (240 mg alle 2 Wochen subkutan) musste vorzeitig beendet
werden, da das Zielkriterium (Effektivität um 50% besser als
Placebo nach 12 Wochen Behandlung) nicht erreicht werden konnte (NCT01688882).
Eine Phase-3-Studie mit Rituximab in Kombination mit Omalizumab ist geplant
(NCT04128176), in die Patienten, die 8 Wochen nach einer Gabe von Rituximab
(1000 mg) ein BP-Rezidiv erleiden, eingeschlossen werden sollen.
Ein weiterer möglicher therapeutischer Angriffspunkt in der Pathogenese
des BP sind die eosinophilen Granulozyten. Bei 50–67% der
BP-Patienten ist eine Eosinophilie im peripheren Blut nachweisbar [16]
[24]. Histopathologische Untersuchungen von Hautbiopsien von
BP-Patienten zeigen typischerweise ein eosinophiles Infiltrat im Bereich der
dermoepidermalen Junktionszone. In einer Phase-2a-Studie wurde der gegen
Eotaxin, dem wichtigsten Chemokin für Eosinophile, gerichtete
monoklonale Antikörper Bertilimumab als sicher und wirksam bewertet.
Neun Patienten erhielten drei Infusionen Bertilimumab mit
10 mg/kg Körpergewicht im Abstand von zwei Wochen
kombiniert mit niedrigdosierten oralen Glukokortikoiden. In der
Nachbeobachtungszeit von 13 Wochen traten keine schweren unerwünschten
Wirkungen auf. Die Krankheitsaktivität sank um 81% und ein
signifikanter steroidsparender Effekt konnte festgestellt werden. Aufgrund der
Ergebnisse erhielt Bertilimumab 2018 den orphan drug Status durch FDA und
EMA. Eine Phase-3-Studie ist in Vorbereitung [25]
[26]. Aktuell werden die
Ergebnisse einer weiteren Phase-2-Studie erwartet, bei der AKST4290, ein oral
applizierbarer Antagonist des Eotaxin-Rezeptors CCR3, untersucht wurde.
Interleukin-5 interagiert mit einer hohen Spezifität
ausschließlich mit Eosinophilen, Basophilen und einer Untergruppe von
Mastzellen und ist ein wesentliches Zytokin in der Aktivierung der Eosinophilen.
Daher wurden verschiedene Untersuchungen mit einem
anti-Interleukin-5-Antikörper zur Behandlung Eosinophilen-vermittelter
Erkrankungen durchgeführt. Eine Phase-2-Studie mit dem monoklonalen
Antikörper Mepolizumab gegen Interleukin-5 konnte jedoch keinen
signifikanten Effekt auf das BP zeigen [27].
Auch ist die Targetierung des Komplementsystems als Teil der inflammatorischen
Reaktion an der dermoepidermalen Junktionszone in den Fokus neuer
Therapiestrategien für das BP gerückt. In der direkten
Immunfluoreszenzmikroskopie finden sich häufig neben den typischen
linearen IgG-Ablagerungen C3-Ablagerungen. Eine Phase-1-Studie mit Sutimlimab
(anti-Cs1-Antikörper) konnte eine Reduktion der CH50-Aktivität
(Maß für die Aktivität des Komplemetsystems) sowie eine
Aufhebung von C3c-Ablagerungen an der dermoepidermalen Junktionszone bei guter
Verträglichkeit nachweisen. Zehn BP-Patienten mit minimalen oder keinen
Symptomen erhielten den anti-Cs1-Antikörper in einer initialen Dosis von
10 mg/kg Körpergewicht und anschließend 4
Infusionen mit 60 mg/kg Körpergewicht alle 7 Tage. Es
wurden Biopsien vor und nach der gesamten Behandlung sowie 28 Tage nach
Behandlungsende entnommen und mittels direkter Immunfluoreszenzmikroskopie
untersucht. Diese zeigten eine Reduktion oder ein vollständiges
Verschwinden der linearen C3-Ablagerungen bei Behandlungsende und ein
Wiederauftreten 28 Tage nach der Behandlung. Aufgrund der geringen
Patientenanzahl sind die Daten nicht signifikant, weisen jedoch auf einen Effekt
des anti-Cs1-Antikörpers auf die Immunreaktion hin. Aufgrund des
Studiendesigns lässt sich keine Aussage hinsichtlich des klinischen
Behandlungserfolges treffen [28].
Die Ergebnisse einer placebokontrollierten Phase-3-Studie mit Nomacopan, einem
Inhibitor von Komplement C5 und Leukotrien B4, in Kombination mit oralen
Glukokortikoiden (NCT05061771) sowie einer Phase-2-Studie mit dem
anti-C5aR1-Antikörper Avdoralimab (NCT04563923) stehen noch aus.
Pemphigus vulgaris und Pemphigus foliaceus
Die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) gehört zu einer Gruppe
nicht-rezeptorgebundener Tyrosinkinasen, die eine wichtige Funktion in der
angeborenen und erworbenen Immunantwort einnehmen. Exprimiert wird BTK von
vielen verschiedenen hämatopoetischen Zellen und stellt eine bedeutende
Komponente des B-Zell-Signalweges dar. Tierexperimentelle Studien zeigten, dass
der BTK-Inhibitor Ibrutinib mit einer hohen Effektivität an sein Target
bindet und dadurch eine deutliche Reduktion der B-Zell-Aktivität
bewirkt. In einem Fallbericht führte Ibrutinib bei einem Patienten mit
paraneoplastischem Pemphigus zu einer Reduktion der kutanen Läsionen
[26]. Diese Beobachtungen waren Anlass
zur Durchführung klinischer Studien mit anderen BTK-Inhibitoren beim
PV.
Murrell et al. behandelten insgesamt 27 Patienten mit moderatem oder
schwerem PV im Rahmen einer Phase-2-Studie über 12 Wochen mit dem
BTK-Inhibitor Rilzabrutinib per os als Monotherapie oder in Kombination mit
geringen Dosen Prednison (maximal 0,5 mg/kg/Tag).
22% der Patienten erreichten nach 24 Wochen eine komplette Remission.
Eine Krankheitskontrolle, definiert als das Sistieren neuer Läsionen und
die Abheilung vorhandener Läsionen, zeigte sich bereits nach 4 Wochen
bei 52% und nach 12 Wochen bei 70% der Patienten. Die
anti-Desmoglein-Antikörperspiegel im Serum nahmen korrelierend mit einer
klinischen Befundbesserung ab. Therapieassoziierte Nebenwirkungen waren
größtenteils mild (Grad 1–2) und lediglich ein Patient
entwickelte eine Grad 3-Nebenwirkung [29]
[30].
Der neonatale Fc-Rezeptor (FcRN) hält konstante Blutspiegel von
IgG-Antikörpern aufrecht, in dem er ein Recycling seiner Liganden (IgG)
nach zellulärer Aufnahme ermöglicht. Eine Blockade des FcRN
führt folglich zu einer Reduktion des Spiegels zirkulierender IgG
einschließlich pathogener IgG-Autoantikörper, deren
Halbwertszeit im Serum somit verkürzt wird. Mäuse ohne FcRN
haben nach einer Injektion von blasenbildende Autoimmundermatosen erzeugenden
Autoantikörpern keine oder kaum Hauterscheinungen entwickelt [26]. Vor diesem Hintergrund wurden
Untersuchungen mit FcRN-Inhibitoren durchgeführt. Der neonatale
Fc-Rezeptor-Antagonist Efgartigimod wurde in einer Phase-2-Studie hinsichtlich
Sicherheit und Wirksamkeit geprüft [31]. Insgesamt wurden 34 Patienten mit PV oder PF über 6 bis
34 Wochen behandelt. Die 4 Studienarme unterschieden sich hinsichtlich der
Efgartigimod-Dosis (10 bzw. 25 mg/kg intravenös) und der
Intervalllängen. Bereits nach im Median 17 Tagen erreichten 90%
der Patienten eine Krankheitskontrolle sowie nach 2–41 Wochen
64% der Patienten eine komplette klinische Remission. Begleitend
erfolgte eine orale Prednisoneinnahme mit durchschnittlich 0,26 mg
Prednison/kg Körpergewicht
(0,06–0,48 mg/kg Körpergewicht).
Therapieassoziierte Nebenwirkungen traten bei 84%
(10 mg/kg KG) bzw. 87% (25 mg/kg KG) der
Patienten auf und waren größtenteils mild (am häufigsten
mit jeweils 12% Nasopharyngitis, Diarrhoe und Kopfschmerzen). Zwei
Patienten entwickelten während der Studienteilnahme Grad 3-Ereignisse
(Pneumonie und Zahnentzündung). Seit Oktober 2020 wird eine
randomisierte Placebo-kontrollierte Phase-3-Studie zu PV und PF mit der zur
subkutanen Anwendung angepassten Substanz (Efgartigimod PH20 SC)
durchgeführt (NCT04598451). Die Ergebnisse stehen aktuell noch aus.
Die dargestellten innovativen Therapiekonzepte lassen erhoffen, dass in den
nächsten Jahren zielgerichtetere und besser verträgliche
Behandlungen für bullöse Autoimmundermatosen zur
Verfügung stehen könnten.