Aktuelle Dermatologie 2022; 48(08/09): 369-375
DOI: 10.1055/a-1703-1692
Übersicht

Hygiene in der Dermatologie: SARS-CoV-2 und weitere Virus-Varianten

Hygiene in Dermatology: SARS-CoV-2 and Variants of Concern

Authors

  • Kathrin Schlatterer

    1   Institut für Laboratoriumsmedizin, Sankt Gertrauden Krankenhaus, Berlin, Deutschland
    2   Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, Neuruppin, Deutschland
  • Horst-Günter Maxeiner

    2   Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane, Neuruppin, Deutschland
  • Christos C. Zouboulis

    3   Hochschulkliniklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Immunologisches Zentrum, Städtisches Klinikum Dessau, Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane und Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg, Dessau, Deutschland
  • Georg Daeschlein

    3   Hochschulkliniklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Immunologisches Zentrum, Städtisches Klinikum Dessau, Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane und Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg, Dessau, Deutschland
 

Zusammenfassung

Die COVID-19-Pandemie hat weltweit erhebliche Beeinträchtigungen des Lebens und Arbeitens mit sich gebracht. Mit dem Beginn der Impfungen steigt die Hoffnung auf eine Kehrtwende. Dennoch sind COVID- und Intensivstationen in den Kliniken nach wie vor erheblich belastet. Häufig muss in den Kliniken aus Kapazitätsgründen auch dermatologisches Fachpersonal zur Betreuung von COVID-19-Patienten herangezogen werden. Dies führte dazu, dass im Verlauf der Pandemie dermatologische Manifestationen von COVID-19 erkannt und näher klassifiziert werden konnten. Differenzierte Hygienekonzepte, insbesondere die der Händehygiene, bringen jedoch ein weiteres, mit der Pandemie-assoziiertes dermatologisches Problem zum Vorschein: die Ausbildung von Handekzemen. Dies ist nicht nur auf medizinische Berufe beschränkt und zeigt daher eine mögliche übergeordnete Bedeutung der Dermatologie im Rahmen von zukünftigen Pandemiestrategien.


Abstract

Around the world the COVID-19 pandemic has severely impaired life and work. With the beginning of vaccinations, the hope of a turnaround increases. Nevertheless, COVID and intensive care units in hospitals are still heavily burdened. Often, for capacity reasons, medical dermatological as well as dermatological nursing specialists are involved in treatment and care of COVID-19 patients in clinics. As a result dermatological manifestations of COVID-19 could be recognized and classified more closely in the course of the pandemic. However, differentiated hygiene concepts, especially that of hand hygiene, reveal another dermatological problem associated with the pandemic: the development of hand eczema. This is not limited to medical professions and therefore shows a possible overriding importance of dermatology in the context of future pandemic strategies.


Einleitung

Nachdem die ersten Fälle von Pneumonien unklarer Genese im Dezember 2019 in Wuhan, China, auftraten, wurde mit der Zeit deutlich, dass diese neue, durch SARS-CoV-2 ausgelöste Erkrankung COVID-19 nicht ausschließlich durch bronchopulmonale Symptome gekennzeichnet ist. COVID-19 ist eine inflammatorische Multisystemerkrankung, wobei es aus dem primären Fokus Lunge zur hämatogenen Dissemination in die Niere, Leber, Milz, in Herz, ZNS und weitere Organsysteme kommt [1]. Dementsprechend erfolgen dort Endorganschädigungen bzw. Ausbildungen organspezifischer Symptome. Das Gefäßsystem ist mit dem vermehrten Auftreten von arteriellen oder venösen Thrombembolien ebenfalls zentral betroffen.

Coronaviren sind einzelsträngige lineare RNA-Viren der Ordnung Nirovirales, Familie Coronaviridae, Unterfamilie Orthocoronavirinae. Sie umfassen die Gattungen Alpha-, Beta-, Gamma- und Deltacoronavirus. Zur Gattung Betacoronavirus gehören bovine, equine, murine und Fledermaus-Spezies sowie die Spezies des humanen Coronavirus HKU1 (HCoV-HKU1), die Spezies Middle East Respiratory Syndrome-Related Coronavirus (MERS-Coronavirus, MERS-CoV). Ebenfalls dazugehörig in der Untergattung Sarbecovirus sind die Spezies Severe Acute Respiratory Syndrome-Related Coronavirus (SARS-assoziiertes Coronavirus, SARS-related coronavirus, SARS-CoV, SARSr-CoV) wie auch der Erreger von COVID-19, das Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) [2].

Die Schlüsselrolle für das Eindringen von SARS-CoV-2 in die Körperzelle kommt der Bindung des Virus an den Angiotensin-2-Rezeptor auf der Zielzelloberfläche zu. Dieser wird in Zellen des bronchopulmonalen Systems, aber auch in Gefäßendothelzellen, Myokardzellen, aber auch in einigen Zellen des Immunsystems hoch exprimiert. Die Anlagerung von SARS-CoV-2 an empfängliche Zielzellen hängt entscheidend vom viralen Spike (S)-Protein ab, die Bindung an den ACE-2-Rezeptor erfolgt über die S1-Domäne des S-Proteins. Für den Eintritt in die Wirtszelle bedarf es jedoch einer Spaltung dieser S-Proteindomäne mithilfe von Serinproteasen wie bspw. TMPRSS2, dem sog. S-Protein-Priming. Durch diesen Prozess erfolgt eine Fusion von viralen und wirtszellulären Membranen und diese ermöglicht damit über eine Clathrin-vermittelte Pinozytose ein Eindringen des Virus in die Zielzelle [3] [4]. Die bisher bekannten besorgniserregenden Virusvarianten (Großbritannien B 1.1.7, Südafrika B 1.351 und Brasilien P.1) sowie weitere, unter Beobachtung stehende Virusvarianten (z.B. Indien B 1.617) unterscheiden sich durch Polymorphismen im Spike-Protein und damit durch ein verändertes Eindringverhalten in die Zielzelle.

Die Auslösung des SARS-CoV-2-Replikationszyklus erfolgt im Zytoplasma der Zielzelle und reife virale Nachkommen werden durch Zell-Lyse freigesetzt. Das Ausmaß der Virusreplikation ist einerseits abhängig von der Aktivität des Wirts-Immunsystems, andererseits aber auch virusstammspezifisch. Der Gewebetropismus hängt von der Höhe der Expression des ACE2-Rezeptors einer potenziellen Zielzelle ab. Die Endothelschädigung ist maßgeblich verantwortlich für die Manifestationen in den unterschiedlichen Organsystemen bei schweren COVID-19-Verläufen. An den geschädigten Kapillarendothelschichten haften Thrombozyten, neutrophile Granulozyten, Monozyten, Makrophagen, Lymphozyten und dendritische Zellen an. Eine intravasale Koagulation ist die Folge, labordiagnostisch messbar an der Erhöhung von D-Dimeren bei einer COVID-19-Infektion. Die Schädigung der Endothelzellen führt jedoch auch zu einer Zytolyse, was den Austritt von Plasma aus den Kapillaren verstärkt und gleichzeitig die intravasale Gerinnung zusätzlich steigert. Dies führt zur vermehrten Bildung von Thrombosen [5] [6].

Der Mechanismus einer der Infektion von Körperzellen folgenden adaptiven Immunantwort ist bis heute noch nicht vollumfänglich geklärt. Klar ist, dass virusspezifische Antikörper gebildet werden, die wiederum an Fcγ-Rezeptoren von neutrophilen Granulozyten und Makophagen binden können. Dort kommt es zur Aktivierung der Immunzellen und zur Ausschüttung pro-inflammatorischer Zytokine. Eine Eskalation der Situation bis hin zum Zytokinsturm ist möglich. Dadurch kann ein hyperinflammatorisches Multiorgan-Syndrom hervorgerufen werden [7] [8] [9].


Kutane Manifestationen von COVID-19

Dass virale Infekte neben grippalen Beschwerden auch juckende Hautausschläge auslösen können, ist bekannt. So wurden auch für COVID-19 kutane Manifestationen bereits zu Pandemiebeginn in einzelnen Case-Reports beschrieben [10] [11] [12] [13]. Mittlerweile gibt es einige systematische Untersuchungen mit dem Ansatz der Klassifikation dieser Hauterscheinungen. Die American Academy of Dermatology (AAD) sowie die International League of Dermatological Societies (ILDS) haben zudem ein dermatologisches COVID-19-Register initiiert, welches im April 2020 an den Start ging und seit Dezember 2020 zusätzlich auch SARS-CoV-2-impfassoziierte Hautveränderungen miterfasst [14] [15].

In italienischen und spanischen Studien [16] [17] konnten bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie systematisch klinische Daten von Hautveränderungen und Bilddokumentationen gesammelt werden. Dabei ließen sich in der spanischen Studie 5 verschiedene Muster der kutanen Manifestation identifizieren:

  1. Pseudo-Frostbeulen: bei 19% der Patienten akrale erythematöse Schwellungen, relativ spät im Krankheitsverlauf, vorwiegend jüngere Patienten.

  2. Vesikuläre Exantheme: 9% der Patienten, gehäuft im Anfangsstadium der Erkrankung, monomorphe Vesikel mit hämorrhagischem Inhalt, stark juckend, Lokalisation: am Rumpf und teilweise an Extremitäten, Windpocken-ähnlich, Patienten mittleren Alters.

  3. Urtikarielle Läsionen: 19% der Patienten, Juckreiz, Lokalisation: Rumpf und teilweise Handinnenseite, gehäuft mit schwerem Verlauf assoziiert.

  4. Makulopapulöse Eruptionen: 47% der Patienten, ausgeprägte Schuppungen, punktförmige sowie großflächige Rötungen, gehäuft mit schwerem Verlauf assoziiert. Arzneimittelnebenwirkung nicht auszuschließen.

  5. Livedo oder Nekrose: 6% der Patienten, überwiegend Ältere mit schweren Verlaufsformen. Lokalisation: Rumpf und Akren, aber auch Nase, Kinn, Ohr. Symptome entsprechen klinisch einem Gefäßverschluss. Hohe Mortalitätsrate von 10%.

Inwiefern diese alle kausal durch die Infektion mit SARS-CoV-2 bedingt sind oder möglicherweise zumindest teilweise in Zusammenhang mit medikamentösen Therapien der Erkrankung gesehen werden müssen, ist bislang noch nicht geklärt [18]. Ätiologisch wird einerseits von einem direkt durch das Virus ausgelösten viralen Exanthem ausgegangen, daneben werden die Manifestationen teilweise aber auch mit der Hyperkoagulationssituation, die mit mikrovaskulären, thrombotischen Verletzungen einhergeht, in Verbindung gebracht [19] [20] [21].

Ebenso ist wenig darüber bekannt, inwiefern es durch eine COVID-19-Erkrankung in Analogie zu anderen respiratorischen Virusinfektionen zur Beeinflussung von bereits vorbestehenden entzündlichen Hauterkrankungen mit komplexer immunologischer Pathogenese wie Psoriasis oder Neurodermitis kommt [22].

In jedem Fall stellt die dermatologische Betreuung von SARS-CoV-2-Erkrankten eine wichtige Herausforderung dar, die neben der fachlichen Expertise zum Schutz von Behandlern einerseits als auch Mitpatienten andererseits der Umsetzung eines stringent verfolgten Hygienekonzepts bedarf.

Da in den Anfängen der Pandemie über kutane Manifestationen nichts bekannt war, kam es ohne Hinzuziehen dermatologischer Fachkompetenz aufgrund der Ähnlichkeit der Symptomatik mit „Hautausschlägen“, Petechien und Thrombozytopenie bereits zu Verwechslungen mit anderen Infektionskrankheiten wie Dengue-Fieber [23] [24].


Histologie der kutanen Manifestationen

Die Histologie der kutanen Veränderungen aus akralem Biopsatmaterial weist eine oberflächliche perivaskuläre Dermatitis mit diffusen, dichten, lymphoiden Infiltraten und begleitender endothelialer Entzündung auf [25] [26]. Vaskulitiden sowie Thrombenbildung kommen als Pathomechanismus infrage [27] [28], insbesondere da kein direkter Nachweis genetischen Virusmaterials (RNA), aber der Nachweis von viralen Proteinen in Hautläsionen bzw. umgebendem Gewebe erfolgen konnte [29].


COVID-19 und Hygienemaßnahmen in der Dermatologie

Aus bisher bekannten Daten und Erfahrungen mit anderen Coronaviren leiten sich für COVID-19 Hygienemaßnahmen in Anlehnung an das Vorgehen bei SARS und MERS ab, dargestellt in der KRINKO-Empfehlung „Infektionsprävention im Rahmen der Pflege und Behandlung von Patienten mit übertragbaren Krankheiten“ [30]. In den Empfehlungen des RKI zu Hygienemaßnahmen im Rahmen der Behandlung und Pflege von Patienten mit einer Infektion durch SARS-CoV-2, Stand 22.3.2021, werden alle Aspekte, die bei der Umsetzung zu berücksichtigen sind, detailliert beschrieben [31]. Die Datenlage zu den besorgniserregenden Varianten (VOCs) wird gegenwärtig noch entwickelt.

Basishygiene/erweiterte Basishygiene

Ganz wesentlich in diesem Mehrstufenkonzept während der Pandemie ist die Basishygiene. Basishygienemaßnahmen einschließlich der Händehygiene sind zwingend und konsequent in allen Bereichen des Gesundheitswesens umzusetzen.

Händehygiene

Bei den von der WHO unterschiedenen 5 Indikationsgruppen ist ausnahmslos eine Händedesinfektion durchzuführen: unmittelbar vor direktem Patientenkontakt, unmittelbar vor aseptischen Tätigkeiten, unmittelbar nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material, nach Kontakt mit der direkten Patientenumgebung und nach direktem Patientenkontakt [31].

Auf Hautschutz nach Händedesinfektionsmaßnahmen ist zu achten [31].


Schutzmasken

Coronaviren selbst haben einen Durchmesser von 0,12–0,16 μm. Sie vermehren sich im oberen Respirationstrakt und sind nach dem Verlassen des Körpers von einer Wasserhülle umgeben. Der Virus-Wassertröpfchen-Komplex ist damit größer als das Virus alleine. Auch wenn die genauen Übertragungswege noch nicht vollumfänglich aufgeklärt sind, kann derzeit davon ausgegangen werden, dass virushaltige Tröpfchen bzw. Aerosole, die beim Atmen und Sprechen den Oropharyngealbereich verlassen, den wichtigsten Infektionsweg darstellen. Diese Partikel können eine Größe von 0,2 bis mehrere 100 μm aufweisen. Größere Tröpfchen verdunsten dabei häufig in 3- bis 5-mal kleinere Aerosole, die für mehrere Minuten in der Luft verbleiben und somit eine wichtige Infektionsquelle darstellen können [32]. Bei Steigerung der Lautstärke erhöht sich die Aerosolmenge bzw. die Tröpfchenzahl.

Eine Erkrankung an SARS-CoV-2 ist von der Menge infektiöser SARS-CoV-2-Viren im Aerosol abhängig, wobei diese Schwellendosis derzeit noch nicht bekannt ist und vermutlich von individuellen Faktoren abhängt. Daneben muss das virushaltige Aerosol auf empfängliche Zellen wie bspw. Zellen der Atemwege, aber auch auf die Bindehäute der Augen einer nicht infizierten Person treffen und sich dort vermehren.

Das Infektionsrisiko über Aerosolpartikel lässt sich durch unterschiedliche Maßnahmen verringern. Neben der Einhaltung von Abstandsmaßnahmen und der Nies-Etikette stellt das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes die zentrale Möglichkeit zur Reduktion der Menge an potenziell freigesetzten Viruspartikeln dar, wobei der Wirkungsgrad mit der Partikelgröße zunimmt. In Innenräumen ist die Wahrscheinlichkeit der Anreicherung von infektiösen Partikeln aufgrund des beschränkten Luftvolumens größer als im Freien. Daher gilt es, hier zeitliche und räumliche Trennung von Nutzern zu optimieren sowie geeignete Lüftungsmaßnahmen durchzuführen. Die Wirksamkeit von Masken bei der Verhinderung von respiratorischen Infektionen, auch COVID-19, ist untersucht und bestätigt [33] [34].

Beim Schutz durch Masken ist zu berücksichtigen, dass nackte Viren von 0,1 µm Durchmesser nicht zurückgehalten werden müssen, sondern Partikel der Größe 0,2 bis mehrere Hundert µm. Als Atemschutz eignen sich Medizinischer Mund-Nasen-Schutz als vorwiegende Fremdschutzmaßnahme und die partikelfiltrierenden Halbmasken („filtering face piece“, FFP) FFP2 sowie FFP3 zum Fremd- und Eigenschutz. Ihr Filtermaterial erlaubt nur einen geringen, definierten Leckstrom. Nach der DIN EN 149:2009–08149 hat die FFP2-Maske eine Filterleistung von mindestens 94% und die FFP3-Maske eine von mindestens 99%. Die FFP3-Maske wird für medizinisches Personal aufgrund der zu hohen Belastung bei Nutzung für Tätigkeiten im Umfeld von Patienten ohne COVID-19-Symptomatik nicht empfohlen, ebenso wenig bei Tätigkeiten im Umfeld von zu behandelnden Patienten mit COVID-19-Verdacht oder bestätigter Infektion und geringem Infektionsrisiko durch Aerosole (BAuA, 2021). Für den vorwiegenden Eigenschutz in Hochrisikobereichen kommen auch Schutzmasken mit auswechselbarem Partikelfilter (Klasse P2 oder 3) bzw. gebläseunterstützte Masken, Hauben oder Helme mit auswechselbarem Partikelfilter (Klasse TM2P, TM3P bzw. TH2P, TH3P) in Betracht [35].

Gesichtsvisiere oder Face Shields stellen keine Alternative zu Atemschutzmaßnahmen dar. Sie kommen nur zusätzlich als persönliche Schutzausrüstung in Betracht, um bspw. die Bindehäute der Augen vor virushaltigen Spritzern zu schützen.

Als Ergebnis der in jeder Einrichtung durchzuführenden Gefährdungsbeurteilung gemäß § 4 der BioStoffV sind ggf. zusätzliche Arbeitsschutzmaßnahmen erforderlich.

In Innenräumen ist generell ein ausreichender Luftaustausch unter Zufuhr von Frischluft (z.B. regelmäßiges Lüften) bzw. von gefilterter Luft (RLT-Anlagen) zu gewährleisten.


Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA)

Die persönliche Schutzausrüstung des medizinischen Personals beim Kontakt mit COVID-19-(Verdachts-)Patienten besteht aus Schutzkittel, Einweghandschuhen sowie einem entsprechenden Atemschutz und Schutzbrille.

Bei der direkten Versorgung von Patienten mit bestätigter oder wahrscheinlicher COVID-19-Infektion müssen gemäß den Arbeitsschutzvorgaben mindestens FFP2-Masken getragen werden (Biostoffverordnung BioStoffV in Verbindung mit der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe [TRBA] 250) [36] [37] [38]. Besondere Beachtung gilt allen Tätigkeiten, die mit Aerosolbildung einhergehen können (z.B. Intubation oder Bronchoskopie) [35].



Ambulante Versorgung

Die präventiven Maßnahmen im ambulanten Bereich beruhen auf nachfolgenden Prinzipien [31]:

Organisatorische Aspekte

Patienten mit respiratorischen Symptomen sollten vor Besuch der Praxis bzw. innerhalb der Praxis gelenkt werden. Bei entsprechendem Verdacht sollte die Unterbringung in einem separaten Bereich erfolgen. Auf die Einhaltung eines Abstandes von mindestens 1,5 m ist zu achten. Patienten sollten einen Mund-Nasenschutz (MNS) tragen, sofern es ihr Gesundheitszustand zulässt.


Medizinisches Personal

Medizinisches Personal sollte einen MNS bzw. je nach Art und Umfang der Exposition auch persönliche Schutzausrüstung (PSA) tragen. Der Gesundheitszustand des medizinischen Personals ist zu beobachten.



Ergänzende Maßnahmen im klinischen Bereich

Räumliche Unterbringung

Eine Einzelunterbringung von COVID-19-Patienten oder -Verdachtsfällen sollte in einem Isolierzimmer mit eigener Nasszelle erfolgen. Dabei ist die Nutzung eines Isolierzimmers mit Schleuse/Vorraum grundsätzlich zu bevorzugen. Gemeinsame Isolierungen mehrerer Patienten sind möglich [31]. Ein ausreichender Luftaustausch im Patientenzimmer ist sicherzustellen.


Personalschutzmaßnahmen/Persönliche Schutzausrüstung

Mit der Versorgung von COVID-19-Patienten und -Verdachtsfällen sollte geschultes Personal betraut werden, das von der Versorgung anderer Patienten freigestellt wird. Auf den Einsatz persönlicher Schutzkleidung ist zu achten. Bei der direkten Versorgung von Patienten mit bestätigter oder wahrscheinlicher COVID-19-Infektion müssen gemäß den Arbeitsschutzvorgaben mindestens FFP2-Masken getragen werden [36] [37]. Tätigkeiten mit einem erhöhten Risiko für Aerosolbildung wie Intubation oder Bronchoskopie sind dabei gesondert zu bewerten [35]. Die persönliche Schutzausrüstung ist vor Betreten des Patientenzimmers anzulegen und vor Verlassen der Schleuse/des Zimmers dort zu belassen. Einweghandschuhe bzw. -kittel müssen vor Verlassen des Zimmers bzw. der Schleuse in einem geschlossenen Behältnis entsorgt werden. Wie auch im ambulanten Bereich ist der Gesundheitszustand des medizinischen Personals zu beobachten.


Desinfektion und Reinigung

Dabei ist ein Desinfektionsmittel mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen behüllte Viren zu verwenden [31]. Die Wirksamkeit wird als begrenzt viruzid bezeichnet. Produkte mit der Bezeichnung „begrenzt viruzid PLUS“ oder „viruzid“ sind ebenfalls wirksam. Geprüfte Produkte sind in der Liste des Verbunds für Angewandte Hygiene e.V. (VAH) zu finden [39]. In einer aktuellen Mitteilung der Desinfektionsmittel-Kommission des Verbunds für Angewandte Hygiene (VAH) findet sich eine eindeutige Aussage zur Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln gegen die besorgniserregenden Varianten. Alle Produkte, die in der Desinfektionsmittel-Liste des VAH als begrenzt viruzid (oder begrenzt viruzid PLUS oder viruzid) veröffentlicht werden, sind auch gegen die neuen Varianten von SARS-CoV-2 wirksam. Die zugrundeliegenden Mutationen beeinflussen zwar die Wirksamkeit von Impfungen, die Wirksamkeit der im Überschuss eingesetzten Desinfektionsmittel, die auf die virale Lipidhülle wirken, wird nach heutigem Wissensstand jedoch nicht beeinträchtigt. Voraussetzung für die sichere Wirksamkeit ist die vorschriftsmäßige Anwendung nach den VAH-zertifizierten Konzentrations-Zeit-Relationen [40].

Es muss eine tägliche Wischdesinfektion der patientennahen Flächen wie z.B. Nachttisch, Nassbereich, Türgriffe mit einem Flächendesinfektionsmittel mit nachgewiesener, mindestens begrenzt viruzider Wirksamkeit erfolgen. Bei Bedarf sind die Desinfektionsmaßnahmen auf weitere kontaminationsgefährdete bzw. kontaminierte Flächen auszudehnen.

Alle Medizinprodukte, die in direktem Kontakt zum Patienten gelangen (z.B. EKG-Elektroden, Stethoskope, etc.) sind patientenbezogen zu verwenden und nach Gebrauch zu desinfizieren. Bevorzugt sind, sofern möglich, thermische Desinfektionsverfahren anzuwenden. Ist dies nicht möglich, sollten Desinfektionsmittel mit nachgewiesener, mindestens begrenzt viruzider Wirksamkeit verwendet werden.

Schlussdesinfektionen erfolgen mit mindestens begrenzt viruziden Mitteln.

Geschirr kann in einem geschlossenen Behältnis zur Spülmaschine transportiert und wie im Krankenhaus üblich gereinigt werden. Wäsche kann einem desinfizierenden Wäschedesinfektionsverfahren zugeführt werden. Für Betten und Matratzen sollten wischdesinfizierbare Überzüge zum Einsatz kommen [31].


Abfallentsorgung

Die Grundlage für die Entsorgung von Abfällen aus Einrichtungen des Gesundheitswesens stellen die Publikationen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) dar [41].

Nicht-flüssige Abfälle aus der Behandlung von COVID-19-Patienten stellen unter Einhaltung der üblichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes und der Verwendung geeigneter persönlicher Schutzausrüstung kein besonderes Infektionsrisiko dar. Diese Abfälle sind dabei stets in verschlossenen und reißfesten Plastiksäcken der Abfallsammlung zuzuführen. Spitze und scharfe Gegenstände sind wie üblich in bruch- und durchstichsicheren Einwegbehältnissen zu sammeln und zu verpacken.


Transport des Patienten innerhalb des Krankenhauses

Ist ein Transport eines COVID-19-Patienten oder -Verdachts-Patienten innerhalb des Krankenhaues unvermeidbar, muss der Zielbereich vorab informiert werden. Der Transport ist als direkter Einzeltransport ohne weitere Kontakte durchzuführen, wobei der Patient einen Mund-Nasen-Schutz tragen muss, sofern es sein Gesundheitszustand zulässt. Die persönliche Schutzausrüstung des Personals ist oben beschrieben. Unmittelbar nach Transport sind die Kontaktflächen und das Transportmittel vor erneuter Nutzung zu desinfizieren.

Ist ein Transport eines COVID-19-Patienten oder -Verdachts-Patienten außerhalb des Krankenhauses notwendig, muss das aufnehmende Krankenhaus über seine Verdachtsdiagnose/Erkrankung informiert werden. Der Transport des Patienten sollte mit Mund-Nasen-Schutz erfolgen, sofern es sein Gesundheitszustand zulässt.

Unmittelbar nach dem Transport ist eine Wischdesinfektion sämtlicher zugänglicher Flächen und Gegenstände mit einem Flächendesinfektionsmittel durchzuführen.




Gehäufte dermatologische Erscheinungen bedingt durch stringente Händehygiene in der COVID-19-Pandemie

Neben den notwendigen Hygienemaßnahmen bei der Behandlung von COVID-19-Patienten in der Dermatologie muss jedoch ein weiterer inhaltlicher Fokus auf die Zunahme von Hautekzemen gelegt werden, die inzwischen nicht nur bei Mitarbeitern des Gesundheitswesens beobachtet wird.

Auch diese stellt einen indirekt durch die Pandemie bedingten zusätzlichen Versorgungsbedarf durch dermatologische Fachkompetenz dar.

Nach den Empfehlungen des RKI sind alkoholische Präparate im Gesundheitswesen Mittel der Wahl, außerhalb dessen bietet nach RKI das Händewaschen im Vergleich zur Händedesinfektion keinen Vorteil in Bezug auf die Inaktivierung von SARS-CoV-2. Das häufige Händewaschen mit Seife führt durch Beeinträchtigung der Hautbarrierefunktion dazu, dass mehr Menschen juckende Handekzeme entwickeln; pH-neutrale Waschmittel mit möglichst wenigen Zusatzstoffen sind bevorzugt zu verwenden.

Die alkoholische Desinfektion ist dagegen deutlich weniger hautbelastend als das Händewaschen. Nach jedem Waschen oder Desinfizieren sollten die Hände jedoch zur Regeneration der Hautbarriere mit geeigneten Hautschutzcremes gepflegt werden.

Eine Studie bei 114 Beschäftigten aus dem OP und der Intensivstation des Universitätsklinikums München zu Beginn der Coronapandemie im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass Handhygienemaßnahmen während der Pandemie signifikant zunahmen [42]. In deren Folge zeigten 90% der untersuchten Mitarbeiter klinische Symptome eines Handekzems: Hauttrockenheit (83,2%), Juckreiz (28,9%), Brennen (21,1%), Schuppung (18,4%), Fissuren (9,6%) und Schmerzen (4,4%).

Jedoch spielen bei der Entwicklung von Ekzemen nicht nur das Händewaschen, sondern auch das vermehrte Handschuhtragen eine Rolle. Dieses hat pandemiebedingt in all denjenigen Berufen zugenommen, bei denen ein direkter Hautkontakt mit virusbehafteten Oberflächen erfolgen könnte. Damit sind nicht nur Berufe im Gesundheitswesen von Hautproblemen betroffen [43].


Diskussion

Die COVID-19-Pandemie stellt die Gesundheitssysteme weltweit vor enorme Herausforderungen. Im Verlauf des letzten Jahres wurde deutlich, dass der Umgang mit der Pandemie und die zu ihrer Eindämmung zu ergreifenden wirksamen Maßnahmen trotz eines sehr gut strukturierten Gesundheitswesens in Deutschland einem Erkenntnis- und Entwicklungsprozess folgten. Dennoch verhalf die Struktur des deutschen Gesundheitswesens dazu, im Gegensatz zu vielen europäischen Nachbarn, die Situation zwar unter großen Anstrengungen, aber dennoch im Griff zu behalten. Im Lernprozess wurde auch deutlich, dass COVID-19 eine hochkomplexe entzündliche Multisystemerkrankung mit überschießender Gerinnungsaktivität darstellt. Während anfänglich der Hauptfokus auf der bronchopulmonalen Symptomatik lag, wurde mit der systematischen Erfassung von weiteren COVID-19-Symptomen deutlich, dass viele Organsysteme betroffen sind, so auch die Haut. In einer italienischen Studie konnte gezeigt werden, dass bis zu 20% aller COVID-19-Erkrankten Hautsymptome aufweisen [16]. Hautsymptome bei Viruserkrankungen sind nicht untypisch. COVID-19 kann jedoch offensichtlich je nach Schweregrad der Erkrankung und Alter der betroffenen Patienten unterschiedliche Muster an kutanen Manifestationen ausprägen.

Beim Umgang mit betroffenen Patienten gilt es zum Schutz des medizinischen Personals, Hygieneempfehlungen nationaler Aufsichtsbehörden möglichst vollumfänglich umzusetzen. Für den Bereich der Dermatologie finden sich nicht nur bei der medizinischen Betreuung von COVID-19-Patienten neue Herausforderungen. Die umzusetzenden Hygienemaßnahmen, insbesondere die der Händehygiene, beim medizinischen Personal wie auch in der Gesamtbevölkerung führen zusätzlich zu dermatologischen Behandlungsnotwendigkeiten.



Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Korrespondenzadresse

PD Dr. Kathrin Schlatterer
Sankt Gertrauden Krankenhaus, Institut für Laboratoriumsmedizin
Paretzer Str. 12
10713 Berlin
Deutschland

Publication History

Article published online:
05 July 2022

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