CC BY 4.0 · Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement 2021; 26(05): 245-247
DOI: 10.1055/a-1587-2308
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Konsens: 10 Experten – 10 Statements – Homöopathie in der medizinischen Versorgung

 

Präambel

In den Therapie-Algorithmen unterschiedlichster Erkrankungen bildet sich zunehmend ein differenziertes pathophysiologisches Verständnis ab: Erkrankungen und Symptome sind vielfach nicht monokausal erklärbar, sondern ein Resultat von Fehlregulationen auf somatischer und psychischer Ebene. Das Verhalten von Patienten kann dabei sowohl Ursache als auch Folge der Krankheit sein. Zusätzlich ändern sich das Gesundheitsbewusstsein und das Krankheitsverständnis: Vielfach haben Patienten eine höhere Gesundheitskompetenz verbunden mit der Bereitschaft, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Im Gegenzug fordern sie die Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse, Präferenzen und Erfahrungen.

Das Konzept der integrativen Medizin wird diesem weiterentwickelten Krankheitsverständnis von Behandlern und Patienten gerecht, indem es leitlinienorientierte Ansätze und Behandlungskonzepte der Komplementärmedizin patientenzentriert anwendet. Wenn integrative Medizin neben der gesellschaftlichen Wertschätzung auch eine starke wissenschaftliche Akzeptanz erfahren soll, muss sie sich einer wissenschaftlichen Evaluation stellen. Das vorliegende Konsensus-Papier zeigt für die Homöopathie als Baustein eines integrativen Behandlungskonzeptes anhand vorliegender Daten ihre Möglichkeiten und Grenzen auf.


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Konsens

  1. Gesicherte Qualität. Homöopathische Medikamente sind standardisierte, qualitätsüberprüfte Arzneimittel. Ihre gleichbleibende pharmazeutische Qualität und Unbedenklichkeit wird durch das Arzneimittelrecht, die Herstellungsvorschriften und die Überwachungsbehörden gewährleistet. Die Anforderungen an Qualität und Sicherheit sind mit denen für chemisch-synthetische Arzneimittel vergleichbar [1].

  2. Personalisierte Medizin. Die Homöopathie beachtet die individuelle Manifestation einer Erkrankung, indem nach dem Ähnlichkeitsprinzip ein passendes homöopathisches Arzneimittel gesucht wird, das die individuellen körperlichen und geistigen Symptome des Patienten abdeckt. Die methodische Anwendung dieses Prinzips zur Induktion von Heilungsprozessen macht die Homöopathie nachvollziehbar [2], [3].

  3. Plausibles Modell zum Wirkprinzip. Die homöopathische Behandlung verfolgt das Ziel, die körpereigene Regulation und Selbstheilungskräfte anzuregen sowie physiologische Funktionen wiederherzustellen [2]. Es werden sowohl niedrige Potenzen mit höheren Konzentrationen als auch Hochpotenzen verwendet. Die Potenzstufe D8 entspricht rechnerisch etwa der Blutserumkonzentration des Schilddrüsenhormons FT3 oder des Parathormon [4], [5]. Zum Wirkmechanismus der höheren Potenzen gibt es vielversprechende Hypothesen [6],[7], [8], die jedoch noch bewiesen werden müssen, und es bedarf zu deren Verständnis eines modernen Substanzbegriffes, wie ihn die moderne Physik seit fast 100 Jahren entwickelt hat.

  4. Wirksamkeit bei chronischen Erkrankungen. Bei chronischen Erkrankungen zeigen Kohortenstudien und Fallserien aus der Praxis eine gute und teilweise jahrelang nachhaltige Wirksamkeit, z. B. bei allergischer Rhinitis, Migräne, atopischer Dermatitis oder rezidivierenden Harnwegsinfekten [9], [10], [11], [12], [13], [14], [15]. Der Schweregrad wird signifikant reduziert, gleichzeitig erhöht sich die Lebensqualität [9], [10], [11].

  5. Wirksamkeit bei akuten Erkrankungen. Bei bestimmten akuten Erkrankungen, z. B. oberen Atemwegsinfekten, kann die Homöopathie als Monotherapie wirksam eingesetzt werden [16]. Eine adjuvante Therapie kann die Schwere der Symptomatik reduzieren, die Krankheitsdauer signifikant verkürzen und chemisch-synthetische Arzneimittel einsparen [17], [18], [19], [20].

  6. Verbesserung der Lebensqualität. Placebo-kontrollierte klinische Prüfungen weisen eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität bei Mono- wie auch bei Kombinationstherapie mit homöopathischen Arzneimitteln nach [21], [22]. Additiv zur leitliniengerechten Behandlung eingesetzte homöopathische Arzneimittel können z. B. bei Tumorerkrankungen den Allgemeinzustand signifikant verbessern und Nebenwirkungen der konventionellen Therapie lindern [22], [23], [24], [25], [26], [27], [28].

  7. Belegte Arzneimittelsicherheit. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind meist leicht bis moderat und vorübergehend [29], [30], [31]. Damit ist die Homöopathie insbesondere auch für vulnerable Patienten/-innen wie Kinder, Ältere, Multimorbide und multimedikamentös Behandelte geeignet [9], [32], [33], [34], [35], [36].

  8. Hohe Patientenzufriedenheit. Aufgrund positiver Erfahrungen wird die Homöopathie im Behandlungsalltag oft von Patienten/-innen nachgefragt [11], [37], [38], [39]. Es besteht eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit mit der homöopathischen Behandlung [40].

  9. Qualifizierende Fort- und Weiterbildung unverzichtbar. Die homöopathische Behandlung ist individuell und bedarf einer fundierten Ausbildung. Ärzte/-innen absolvieren die Zusatz-Weiterbildung Homöopathie, um ihre Patienten/-innen qualifiziert über Möglichkeiten und Grenzen der Homöopathie beraten zu können. Ärztliches Vertrauen in die Therapie und Interesse an dieser Weiterbildung sind hoch [38], [41].

  10. Sozioökonomische Relevanz. Aktuelle Daten belegen, dass die homöopathische Behandlung in geeigneten Anwendungsbereichen gegenüber rein konventionellen Therapien bei guter Wirksamkeit häufig eine bessere Wirtschaftlichkeit zeigt. Die Ressourcen des Gesundheitswesens werden geschont und auch Patienten/-innen berichten über geringere Therapiekosten bei gleichzeitig höherer Lebensqualität [42], [43], [44].


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Resümee

Qualität und Unbedenklichkeit homöopathischer Arzneimittel sind belegt und durch deren gesetzliche Verankerung als Arzneimittel gewährleistet. Homöopathie ist heute eine wissenschaftsfundierte, individualisierte Medizin. Klinische Studien zeigen, dass homöopathische Arzneimittel bei chronischen sowie akuten Indikationen eine wirksame und sozioökonomisch sinnvolle Alternative oder Ergänzung zu chemisch-synthetischen Arzneimitteln sein können. Vertrauen und Akzeptanz in die Homöopathie sind bei Ärzten/-innen wie auch Patienten/-innen hoch. Fort- und Weiterbildungskurse werden entsprechend häufig nachgefragt, um qualifiziert über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Therapieform beraten zu können. Insgesamt wird deutlich, dass die Homöopathie im Sinne einer patientenzentrierten, pluralistischen Medizin und pragmatisch orientierten Therapiefreiheit einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten kann.

Moderator

Prof. Dr. med. André-Michael Beer
Direktor der Klinik für Naturheilkunde der Klinik Blankenstein, Hattingen

Weitere Experten

Prof. Dr. med. Dr. Ulrich Borchard
Institut für Pharmakologie und Toxikologie Universität Düsseldorf

Prof. Dr. med. Michael Frass
Facharzt für Innere Medizin und internistische Intensivmedizin, Präsident des Österreichischen Dachverbandes für ärztliche Ganzheitsmedizin

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard
Fachärztin für Frauenheilkunde, Naturheilverfahren, Umweltmedizin, Heidelberg

Prof. Dr. med. Roman Huber
Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene, Uni-Zentrum Naturheilkunde, Umweltmedizinische Ambulanz

Prof. Dr. Michael Keusgen
Pharmazeutische Chemie, Universität Marburg, Vorsitzender der HOM-Working Party des Europäischen Arzneibuches, Mitglied der Kommission D des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)

Prof. Dr. med. David Martin
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie & -Diabetologie, Kinderonkologie & -Hämatologie, Lehrstuhlinhaber, Gerhard-Kienle-Lehrstuhl (GKLS) für Medizintheorie, integrative und anthroposophische Medizin, Co-Leiter, Forschungs- und Lehrzentrum Herdecke (FLZ), Leiter, Institut für Integrative Medizin (IfIM), Universität Witten/Herdecke

Prof. Dr. med. Harald Matthes
Ärztlicher Leiter/Geschäftsführer am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Medizinische Klinik, akademisches Lehrkrankenhaus der Charité-Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. med. Jürgen Pannek
Chefarzt Neuro-Urologie, Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil

Prof. Dr. Dr. med. Reinhard P. T. Rychlik
Institut für Empirische Gesundheitsökonomie (IFEG), Medizinische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Sachverständiger des Deutschen Bundestages und Gutachter der Europäischen Union im Bereich Public Health und Gesundheitsökonomie


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Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Publication History

Article published online:
31 August 2021

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