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DOI: 10.1055/a-1256-4671
Fragen für die Facharztprüfung
Als Auffrischung oder für die Vorbereitung auf die Facharztprüfung veröffentlichen wir in der „Aktuellen Dermatologie“ ab jetzt regelmäßig Fragen aus dem Buch „Facharztprüfung Dermatologie und Venerologie. 1000 kommentierte Prüfungsfragen“.
Entzündliche Dermatosen – Autoinflammation, neutrophilen- und eosinophilenreiche Dermatosen
Was versteht man unter autoinflammatorischen Syndromen?
Eine Gruppe seltener, vererbter oder multifaktorieller chronischer entzündlicher Erkrankungen,
denen ursächlich vornehmlich eine Störung von Signalwegen des angeborenen Immunsystems
zugrunde liegt.
Kennzeichnend für autoinflammatorische Syndrome sind systemische Entzündungsvorgänge
des Körpers ohne Hinweise für zugrunde liegende Infekte, Allergien, Immundefekte oder
Autoimmunerkrankungen. Hierbei sind neben einer variablen Beteiligung innerer Organe
(z. B. lymphatische Organe, Gastrointestinaltrakt) der Bewegungsapparat und die Haut
regelmäßig mit betroffen. Je nach Erkrankung leiden die Patienten vielfach unter wiederkehrenden
oder kontinuierlichen Hauteffloreszenzen in Form von Quaddeln, Pusteln oder Ulzerationen.
Zusätzlich können Fieberschübe, Arthralgien, Myalgien und Kopfschmerzen sowie weitere
Beschwerden wie Augenentzündungen (Konjunktivitis, Uveitis) auftreten. Viele monogenetische,
aber auch multifaktorielle autoinflammatorische Syndrome sind durch eine gesteigerte
Sekretion von Interleukin-1-assoziierten Zytokinen (IL-1β, IL-18) vermittelt. Dieser
liegt eine Regulationsstörung im sog. „Inflammasom“ zugrunde; dies ist eine intrazelluläre
Multiproteinkaskade, die oben genannte Zytokine aktiviert.
Welche autoinflammatorischen Erkrankungen gehen typischerweise mit wiederkehrenden Quaddelschüben und Fieber einher?
Schnitzler-Syndrom und Cryopyrin-assoziiertes periodisches Syndrom.
Das Schnitzler-Syndrom ist eine seltene multifaktorielle Erkrankung des mittleren
bis höheren Erwachsenenalters, die mit chronischen urtikariellen Hautveränderungen,
Fieber, Muskel-, Knochen- und Gelenkschmerzen sowie Blutbildveränderungen einhergeht.
Als Hauptkriterien gelten das chronisch rezidivierende urtikarielle Exanthem sowie
eine monoklonale Gammopathie. Eine monoklonale Gammopathie entsteht durch eine krankhafte
Vermehrung eines einzelnen Klons von antikörperbildenden Plasmazellen bzw. deren Vorläufern.
Die so gebildeten Antikörper (Immunglobuline) gehören einer Immunglobulinklasse an,
i. d. R. ist es eine monoklonale Gammopathie vom IgM-Subtyp, seltener IgG. Zu den
Nebenkriterien der Erkrankung zählen neben Fieber ohne andere Ursache osteosklerotische
Veränderungen der Knochen, ein neutrophilenreiches zelluläres Infiltrat in der Hautbiopsie
sowie eine Leukozytose (häufig mit Neutrophilie) und/oder CRP-Erhöhung. Ursächlich
liegt eine gesteigerte Inflammasomaktivierung mit überschießender IL-1β-Sekretion
zugrunde.
Das Cryopyrin-assoziierte periodische Syndrom (CAPS) gehört zur Gruppe der monogenen
autoinflammatorischen Erkrankungen. Die Klinik ist ähnlich wie diejenige des Schnitzler-Syndroms
(urtikarielles Exanthem, Fieberschübe, muskuloskeletale Beschwerden). Jedoch treten
die Symptome bereits im Kindesalter auf. Je nach Schweregrad werden 3 Subtypen, das
familiäre kälteassoziierte Syndrom (FCAS; leichte Variante), Muckle-Wells-Syndrom
(intermediärer Phänotyp) und NOMID (Neonatal Onset multisystemic inflammatory Disease)-Syndrom
(schwerer Verlauf) unterschieden. Während bei der leichten Form FCAS die kälteassoziierte
Aggravation von oben genannten Beschwerden im Vordergrund steht, leiden Patienten
mit intermediärem bzw. schwerem Phänotyp zusätzlich unter Hörminderung, Uveitis, destruktiven
Arthropathien, ZNS-Beteiligung bzw. Amyloidose. Typisch ist das Auftreten rezidivierender
urtikarieller Hautveränderungen (teils kälteinduziert) mit Fieberschüben, Gelenk-
und Muskelschmerzen sowie einer schleichenden Hörverminderung. CAPS tritt familiär
gehäuft auf und ist mit einer Mutation im NLRP3-Gen assoziiert, die eine gesteigerter
Sekretion von Interleukin-1β nach sich zieht.
Welche klassische neutrophile Dermatose kennen Sie?
Sweet-Syndrom (Synonym: akute febrile neutrophile Dermatose).
Das Sweet-Syndrom ist eine akut auftretende Erkrankung, die durch meist schmerzhafte
papulöse oder plaqueförmige Hautveränderungen und deutlich eingeschränktes Allgemeinbefinden
mit Fieber und häufig auch muskuloskeletalen Beschwerden gekennzeichnet ist. Es finden
sich eine neutrophilenreiche Dermatitis in der Histologie sowie eine periphere Neutrophilie
im Blutbild.
Wodurch kann ein Sweet-Syndrom ausgelöst werden?
– Infekte
– Autoimmunerkrankung
– Paraneoplasie
– Medikamente
– Schwangerschaft
Die Ätiologie der akuten febrilen neutrophilen Dermatose ist weitgehend unklar. Nicht
selten lassen sich assoziierte Infekte, meist der oberen Atemwege oder des Magen-Darm-Trakts,
finden. Ein Auftreten im Rahmen autoimmuner oder autoinflammatorischer Erkrankungen
ist möglich (z. B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes).
In etwa 20 % der Fälle tritt das Sweet-Syndrom paraneoplastisch im Rahmen hämatologischer
Erkrankungen auf, gelegentlich mit untypischem Verlauf (atypisches Sweet-Syndrom).
Es kann einer Tumorerkrankung vorausgehen (Nachkontrollen!).
Bei welcher chronisch-progredienten ulzerierenden Hauterkrankung zeigt sich histologisch typischerweise eine neutrophile Dermatitis?
Pyoderma gangraenosum.
Das Pyoderma gangraenosum ist eine seltene, solitäre oder multipel auftretende, chronisch-progrediente,
ulzerierende und schmerzhafte neutrophile Dermatose ungeklärter Ätiologie und Pathogenese.
Es finden sich Assoziationen zu Systemerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa,
rheumatoider Arthritis, monoklonalen Gammopathien unklarer Signifikanz (MGUS), Lymphomen,
myeloproliferativen Erkrankungen und soliden Tumoren. Das Auftreten ist in jedem Lebensalter
möglich, v. a. an der unteren Extremität. Typisch ist ein äußerst schmerzhafter und
wallartig aufgeworfener, düsterroter bis grauschwarzer, unterminierter Randsaum. Die
Therapie ist oft schwierig. Eingesetzt werden Immunsuppressiva wie Ciclosporin A,
Steroide, Mycophenolatmofetil und TNF-Antagonisten. Der Behandlung der zugrunde liegenden
Systemerkrankung kommt große Bedeutung zu.
Welches Krankheitsbild kann durch die Einnahme von verunreinigtem Tryptophan hervorgerufen werden?
Eosinophilie-Myalgie-Syndrom.
Das durch generalisierte Myalgie und Bluteosinophilie gekennzeichnete Krankheitsbild
kann Wochen bis Monate nach Einnahme von L-Tryptophan auftreten. Als weitere Auslöser
sind Infektionen oder Neoplasien bekannt. Das klinische Bild umfasst Myalgie, Arthralgie
und meist an den Extremitäten lokalisierte makulopapulöse, urtikarielle und sklerodermiforme
Hautveränderungen. Häufig besteht auch ein generalisierter Juckreiz, eine diffuse
Alopezie ist möglich. Beteiligungen von Lunge, Magen-Darm-Trakt und Herz sowie neurologische
und psychiatrische Symptome kommen vor. Ein ähnliches Krankheitsbild ist das sog.
Toxic-Oil-Syndrom, ausgelöst durch denaturiertes Rapsöl.
Nennen Sie die diagnostischen Kriterien für ein Hypereosinophilie-Syndrom.
– Bluteosinophilie (> 1500/µl) persistierend über 6 Monate
– symptomatische Organinfiltration
– Ausschluss anderer Ursachen
Das Hypereosinophilie-Syndrom ist eine heterogene Gruppe seltener Erkrankungen meist
unklarer Ätiologie, die idiopathisch, familiär, reaktiv oder im Rahmen myeloproliferativer
Erkrankungen auftreten und mit unterschiedlichen Hautveränderungen einhergehen können.
Häufig sind chronischer Pruritus, urtikarielle, papulovesikuläre oder noduläre Läsionen,
aber auch Angioödeme, Petechien und Lichenifikation werden beobachtet. In seltenen
Fällen entwickelt sich eine Erythrodermie. Organbeteiligungen betreffen überwiegend
das Herz mit eosinophiler Endo- und Myokarditis (häufigste Todesursache!), die Lungen
(eosinophile Infiltrate, eosinophile Pleuraergüsse) und den Gastrointestinaltrakt.
Weitere Symptome sind Hepatosplenomegalie, Myalgie, thromboembolische Komplikationen
und periphere Neuropathien.
An welche Differenzialdiagnose denken Sie bei akut auftretenden, symmetrisch an distalen Extremitätenabschnitten lokalisierten sklerodermiformen Hautveränderungen und auffälliger Bluteosinophilie?
Eosinophile Fasziitis.
Die eosinophile Fasziitis ist eine plötzlich auftretende Hauterkrankung. Häufig gehen
starke körperliche Belastung oder Traumen voraus. Typisch sind die sklerodermiformen
Hautveränderungen mit histologisch nachweisbaren eosinophilen Infiltraten und Beteiligung
der Faszie (tiefe Biopsie!). Allgemeinsymptome mit Arthralgien, Myalgien und Fieber
können auftreten. Eine Assoziation zu hämatologischen Erkrankungen ist beschrieben,
ebenso das Auftreten im Rahmen des Eosinophilie-Myalgie-Syndroms. Die eosinophile
Fasziitis spricht gut auf systemische Steroide, UV-A oder PUVA an. Häufig ist ein
chronisch-schubartiger Verlauf.
Wobei handelt es sich beim Churg-Strauss-Syndrom?
Um eine allergische Granulomatose.
Typisch ist die Symptomtrias aus atopischer Diathese (allergisches Asthma bronchiale),
granulomatöser Vaskulitis (Lunge und Haut) und Blut- sowie Gewebseosinophilie. Die
Erkrankung tritt meist um die 4. Lebensdekade auf. Hauptmanifestationsort sind die
Lungen. Zu Hautveränderungen kommt es nur etwa bei der Hälfte der Patienten, sie sind
wenig charakteristisch. Kutan oder subkutan können gelegentlich schmerzhafte Papeln,
Plaques oder Knoten auftreten. In der Histologie finden sich neutrophile und eosinophile
Granulome mit Riesenzellen (Churg-Strauss-Granulome). Gastrointestinaltrakt, Herz
und Nieren können ebenfalls betroffen sein.
Ein junger Mann stellte sich mit follikulär gebundenen, stark juckenden Papulovesikeln am Stamm und den Extremitäten vor, weitere Krankheitszeichen fehlen. Der histologische Befund zeigt intraepidermale und subkorneale Pusteln mit reichlich Eosinophilen sowie ein perifollikuläres eosinophiles Infiltrat. Parasiten oder Hyphen lassen sich nicht nachweisen. Wie lautet eine Ihrer Verdachtsdiagnosen?
Eosinophile Follikulitis (Synonym: eosinophile sterile Pustulose).
Diese gehäuft bei jungen Männern oder Knaben auftretende Dermatose hat eine unklare
Ätiologie. Gelegentlich liegt auch eine Bluteosinophilie vor. Bei Kindern sind eine
vorausgegangene Skabies oder Infektionen mit Pseudomonaden beschrieben, bei Erwachsenen
Assoziationen mit hämatologischen Erkrankungen und HIV-Infektion (10–20 %). Die Auslösung
ist auch durch Medikamente möglich.
Karoline Krause
Zitierweise für diesen Artikel
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Kapitel: Krause K. Autoinflammation, neutrophilen- und eosinophilenreiche Dermatosen. In: von Stebut-Borschitz E, Maurer M, Berneburg M, Steinbrink K, Hrsg. Facharztprüfung Dermatologie und Venerologie. 2., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2020. doi:10.1055/b000000044.
Publication History
Article published online:
19 May 2022
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