Zeitschrift für Palliativmedizin 2021; 22(03): 155-169
DOI: 10.1055/a-1193-3585
CME-Weiterbildung

Psychosoziale Begleitung im Kontext perinataler Palliativversorgung

Das Modell „BE-TRAUER-N“
Kerstin von der Hude

Subject Editor: Wissenschaftlich verantwortlich gemäß Zertifizierungsbestimmungen für diesen Beitrag ist Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Göttingen.
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Vor dem Hintergrund, dass die Trauer früh verwaister Eltern gesellschaftlich wenig wahrgenommen wird, soll das vorgestellte Modell „BE-TRAUER-N“ verdeutlichen, welche Relevanz der Tod eines Neugeborenen für die betroffene Familie hat. Es unterstützt bei der Trauerbegleitung früh verwaisender bzw. früh verwaister Familien in der Peri- und Neonatologie und kann sowohl für die elterliche psychosoziale Begleitung ab der Diagnosestellung als auch nach dem Versterben des Kindes angewandt werden.

Kernaussagen
  • Die drei Säulen der Palliativversorgung in der Peri- bzw. Neonatologie bestehen aus

    • vorgeburtlicher Beratung nach Diagnosestellung einer lebensverkürzenden Erkrankung,

    • Palliativversorgung im Geburtsraum oder auf der neonatologischen Intensivstation,

    • Trauerbegleitung unter besonderer Berücksichtigung der individuellen familiären Situation – dem Thema dieses Beitrags.

  • Früh verwaiste Eltern sind tatsächlich Eltern und bleiben es auch, wenn das Kind verstirbt.

  • Trauerbegleitung in der Peri- bzw. Neonatologie umfasst die Zeit vor und während des stationären Aufenthalts und darüber hinaus.

  • Früh verwaiste Eltern haben nur wenig Zeit, ihr Kind kennenzulernen und eine Bindung zu ihm aufzubauen, was vielen Eltern unter den gegebenen Voraussetzungen ohnehin schwerfällt. Die Trauer verläuft jedoch umso unkomplizierter, desto eindeutiger die Bindung zum Verstorbenen war, die es somit zu fördern gilt.

  • In der Hochbelastung ist bei Betroffenen die Fähigkeit, Ressourcen zu aktivieren, deutlich herabgesetzt. Trauerbegleitung soll bei der Aktivierung von Ressourcen unterstützen, die für eine ausreichende Stabilität sorgen können.

  • Das Modell BE-TRAUERN umfasst die folgenden Aspekte:

    • Begleitung aktiv und zuverlässig anbieten.

    • Einfühlsame Impulse geben.

    • Tod mit den Sinnen begreifen helfen.

    • Raum für Bindung ermöglichen.

    • Anerkennung der neuen Lebenssituation.

    • Übergänge „beg-leiten“.

    • Erinnerungen sammeln.

    • Risiken einschätzen und Ressourcen nutzen.

    • Nachsorge und Netzwerke organisieren.

  • Das Modell kann den Begleitenden Orientierung bieten und sie darin unterstützen, in einer respektvollen, wertschätzenden und fragenden Haltung den betroffenen Familien individuelle Unterstützung anzubieten. Es kann helfen, Impulse zu setzen und Optionen aufzuzeigen, um deren Handlungsspielraum zu erweitern.



Publication History

Article published online:
28 April 2021

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