Stern Y,
MacKay-Brandt A,
Lee S,
McKinley P,
McIntyre K,
Razlighi Q,
Agarunov E,
Bartels M,
Sloan RP.
Effect of aerobic exercise on cognition in younger adults – a randomized clinical
trial.
Neurology 2019;
26 92(9): e905-e916.
DOI:
10.1212 / WNL.0000000000007003.
Was ist zu dem Thema bereits bekannt?
Was ist zu dem Thema bereits bekannt?
Zahlreiche Studien beschreiben positive Effekte von Trainingsinterventionen auf die
kognitive Leistungsfähigkeit von diversen klinischen Populationen und gesunden, vorwiegend
sehr alten oder sehr jungen Menschen. Die größten Effekte werden hierbei für Exekutivfunktionen
gezeigt. Aus Tiermodellen weiß man, dass v. a. Ausdauertraining zu diversen neurobiologischen
Anpassungen führt, die in einem direkten Zusammenhang mit der kognitiven Leistungsfähigkeit
stehen. Das wohl prominenteste Beispiel ist eine belastungsinduzierte Erhöhung neurotropher
Faktoren, die ihrerseits u. a. die Neurogenese stimulieren und direkt für eine Volumenzunahme
der Hippocampusformation verantwortlich gemacht werden. Als funktionelle Konsequenz
zeigt sich in Tiermodellen in aller Regel eine verbesserte (räumliche) Gedächtnisleistung.
In Humanstudien ist die o. g. neurobiologische Komponente aufgrund der schlechten
Zugänglichkeit des zentralen Nervensystems nur schwer zu untersuchen. Darüber hinaus
weisen die allermeisten Humanstudien zahlreiche methodische Limitationen auf. Neben
viel zu kleinen Stichproben sowie einer fehlenden Verblindung und Randomisierung werden
relevante konfundierende Variablen außer Acht gelassen. Zu guter Letzt werden häufig
passive Kontrollgruppen gewählt, womit nicht auszuschließen ist, dass supervidierte
Interventionsgruppen hinsichtlich ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit viel mehr von
Placebo-Effekten oder sozialen Interaktionen profitieren als vom Sport selbst.
Auch wenn einige Querschnitts- und Interventionsstudien erste Hinweise liefern, ist
unklar, ob (junge) gesunde Menschen, deren kognitive Leistungsfähigkeit ohnehin nicht
eingeschränkt ist, tatsächlich eine Verbesserung dergleichen erzielen können.
Was wurde gemacht?
Für die Studie wurden 132 unsportliche, rechtshändige, kognitiv gesunde Erwachsene
im Alter von 20–67 Jahren rekrutiert. Nach einer initialen Testung der Ausdauerleistungsfähigkeit,
der kognitiven Leistungsfähigkeit sowie der kortikalen Dicke (als Maß für neuroanatomische
Adaptationen) und des APOE ε4 Status (genetische Variante des Apolipoproteins E, welches
mit einer Prädisposition für kognitive Einschränkungen und Alzheimer assoziiert ist;
positiv: bei Existenz mindestens eines positiven Allels) wurden die Proband*innen
in eine Ausdauertrainings- (IG) und eine Kontrollgruppe (KG) randomisiert. Beide Gruppen
trainierten über einen Zeitraum von 6 Monaten, 4x / Woche für je 40–55 Minuten. Während
die IG ein progressives, Herzfrequenz-kontrolliertes und dokumentiertes Ausdauertraining
absolvierte (55–75 % der HFmax), nahm die KG an einem ebenfalls supervidierten Stretching-
und Kräftigungsprogramm teil. Alle kognitiven Endpunkte wurden 12 und 24 Wochen nach
der Eingangsmessung erneut erhoben. MRT-Aufnahmen wurden zu Beginn und nach 24 Wochen
aufgenommen.
Was war gut?
Zunächst bietet die Studie eine hohe methodische Qualität. Wenngleich die Fallzahlkalkulation
etwas lapidar beschrieben wird, ist die untersuchte Stichprobe mit n = 132 vergleichsweise
groß. Für die Zwischen- und Endauswertung standen noch 96 bzw. 94 Proband*innen zur
Verfügung, wobei sich die Studienabbruchraten zwischen den Gruppen nicht unterschieden.
Im Gegensatz zu vielen anderen Studien begnügt sich die vorgestellte Untersuchung
nicht mit einer passiven Kontrollgruppe, um Placebo- und soziale Interaktionseffekte
auszuschließen. Neben einer sauberen Randomisierung waren die Untersucher gegenüber
der Gruppenzugehörigkeit der Proband*innen verblindet, und das untersuchte Kollektiv
war hinsichtlich seiner sportlichen Vorerfahrung homogen als „unsportlich“ zu bezeichnen.
Das solide, im Vordergrund stehende kognitive Assessment zur Erhebung der kognitiven
Leistungsfähigkeit wurde sinnvoll durch eine Magnetresonanztomographie (MRT) zur Beurteilung
der kortikalen Dicke und durch einen Test auf eine genetische Prädisposition für kognitive
Einschränkungen (APOE ε4, s. o.) ergänzt.
Die allermeisten Studien im Kontext von Trainingsinterventionen und der kognitiven
Leistungsfähigkeit untersuchen spezifische Zielgruppen (Kranke, Kinder, Jugendliche
oder alte Menschen). Für das Alter wird in diesen Untersuchungen allenfalls adjustiert.
Eine wesentliche Stärke der vorgestellten Studie ist, dass die Teilnehmer*innen ein
breites Altersspektrum (20–67 Jahre) aufwiesen, das als Faktor in die statistischen
Modelle aufgenommen wurde und somit erstmalig untersucht werden konnte, ob potenzielle
Trainingseffekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit altersabhängig sind. Die aerobe
Leistungsfähigkeit in der IG stieg bereits nach 12 Wochen signifikant an und blieb
bis zur 24-Wochen-Messung erhöht. Im Gegensatz dazu war in der KG keine Veränderung
zu verzeichnen, was eine erfolgreiche Manipulation durch das Ausdauertraining belegt.
Erwähnenswert ist auch, dass die gesamte Darstellung der Arbeit sich bis auf eine
fehlende Beschreibung der APOE ε4 Analysen im Methodenteil strickt an die CONSORT
Richtlinien hält, was leider bei sportwissenschaftlichen Manuskripten bislang eher
die Ausnahme ist.
Was ist neu?
Ein zentraler Befund der Studie ist, dass sich durch die Ausdauertrainingsintervention
die Exekutivfunktionen nach 24 Wochen verbesserten und dass diese Verbesserung abhängig
von der Altersgruppe war. Je älter die Proband*innen waren, desto ausgeprägter war
der beschriebene Effekt. Pro Lebensjahr ergab sich innerhalb der untersuchten Altersspanne
eine statistische Verbesserung um 0,0184 Standardabweichungs-Einheiten (SD-Einheiten).
So war eine Verbesserung der Exekutivfunktionen bei einem 50-Jährigen im Vergleich
zu einem 30-Jährigen um 20 x 0,0184 SD-Einheiten, sprich 0,368 SD-Einheiten erhöht.
Der Zuwachs der Ausdauerleistungsfähigkeit (angegeben als maximale Sauerstoffaufnahme)
in der IG war unabhängig vom Alter. Eine Mediationsanalyse zeigte, dass der Zuwachs
der Ausdauerleistungsfähigkeit den positiven Effekt auf die Exekutivfunktionen vermittelte.
Diese Befunde sind insofern besonders bemerkenswert, als dass sie erstmalig im Rahmen
einer Sportinterventionsstudie den Einfluss des Alters auf die kognitive Leistungsfähigkeit
genauer beleuchten. Die bisherige Annahme, dass ältere Menschen hinsichtlich der kognitiven
Leistungsfähigkeit stärker profitieren, wird durch die Ergebnisse untermauert. Trotzdem
ist anzumerken, dass auch junge Erwachsene einen Benefit hinsichtlich der Exekutivfunktionen
haben. Eine Veränderung der kortikalen Dicke wurde in der IG lediglich für den kaudalen
medialen frontalen Kortex der linken Hemisphäre beschrieben, wobei das Alter bei diesen
Veränderungen keine Rolle spielte. Die beobachteten neuroanatomischen Adaptionen standen
in keinem Zusammenhang zu kognitiven Veränderungen. Für den APOE ε4 Status konnte
gezeigt werden, dass innerhalb der Ausdauergruppe Träger*innen mindestens eines positiven
Allels weniger stark von der Intervention hinsichtlich einer Verbesserung der Exekutivfunktionen
profitierten.
Limitationen
Wie jedes Forschungsprojekt hat auch die hier vorgestellte Studie Schwächen. Formal
ist der Titel irreführend, da er vermuten lässt, dass sich die Studie auf junge Erwachsene
konzentriert.
Hinsichtlich des Studiendesigns kann man die fehlende Doppelverblindung kritisieren,
wobei fraglich ist, ob diese wirklich etwas bringen würde (1); formal in jedem Fall.
Der primäre Endpunkt der Studie wird mehrfach mit „kognitiver Leistungsfähigkeit“
angegeben und ist damit nicht klar definiert. Vor dem Hintergrund, dass zahlreiche
kognitive Domänen getestet wurden, erscheint die zunächst große Stichprobe wieder
sehr klein, da bei der Fallzahlberechnung vermutlich keine alpha-Fehler-Korrektur
vorgenommen wurde. Die Autoren hätten diese Schwäche, die letztlich auch die Aussagekraft
der Ergebnisse einschränkt, umgehen können, indem sie von vornherein die Exekutivfunktionen
als primäre Zielgröße definiert hätten. Alle anderen getesteten Domänen hätten als
sekundäre Zielgrößen dargelegt werden können. Die Rationale für ein solches Vorgehen
liefern die Autoren eigentlich selbst, indem sie zu Recht in der Einleitung darauf
hinweisen, dass Exekutivfunktionen vermutlich die belastungssensitivste kognitive
Domäne darstellen. Gleichzeitig wirft das Vorgehen ein klassisches Dilemma sportwissenschaftlicher
Kognitionsforschung auf. Populärer wäre es natürlich zu zeigen, dass sich die positiven
Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit eher global äußern. Aus wissenschaftlicher
Sicht wäre eine höhere Auflösung einer einzelnen kognitiven Domäne zunächst aussagekräftiger.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Exekutivfunktionen auch einen Sammelbegriff
darstellen, welcher mehrere kognitive Subdomänen umfasst.
Die statistischen Analysen sind nicht nur sinnvoll gewählt gewesen, sondern ergänzen
viele andere Studien um einen wichtigen Punkt. Die Autoren führten bei positiven Befunden
(hier der Einfluss des Ausdauertrainings auf die Exekutivfunktionen) Mediationsanalysen
durch, um neben den Kovarianzanalysen auch eine direkte Vermittlung der beschriebenen
Effekte nachzuweisen. Ein kleines Manko der korrekt durchgeführten „intention to treat“-Analyse
ist, dass die Autoren nicht transparent darlegen, wie mit fehlenden Werten (von denen
es durchaus einige gab; Baseline: n = 132, Baseline + 12 Wochen: n = 96, Baseline + 24
Wochen: n = 94) umgegangen wurde. Zu Recht weisen die Autoren darauf hin, dass die
Studie hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Ergebnisse von einer Follow-up-Messung
profitiert hätte.
Letztlich bleibt anzumerken, dass die Autoren sehr viele methodische Aspekte berücksichtigt
haben. Eine Kovariate, die allerdings in kaum einer Studie eingebracht wird und die
auch hier fehlt, ist eine Messgröße zur (sozialen) Eingebundenheit der Proband*innen.
Im Tiermodell würde man von einem „enriched evironment“ sprechen, von dem bekannt
ist, dass es sich ähnlich wie Sport positiv auf die Hirngesundheit und die kognitive
Leistungsfähigkeit auswirkt. Ein potenzielles Instrument zur Erhebung stellten Berkman
et al. (2) vor.
Fazit
Die vorgestellte Arbeit von Stern und Kolleg*innen wurde aufgrund ihrer hohen methodischen
Qualität und guten Darstellung zu Recht hoch publiziert. Die Einordnung der Untersuchung
der Herausgeber des Journals Neurology in die Kategorie „Class of Evidence“ unterstreicht dessen Aussagekraft. (Ausdauer-)Sport
verbessert über die gesamte Lebensspanne Exekutivfunktionen – auch bei Gesunden!