Dialyse aktuell 2020; 24(01): 16-17
DOI: 10.1055/a-1085-5142
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Kommentar

Leiharbeit in der Dialyse
Hans-Martin Schröder
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Publication Date:
14 February 2020 (online)

 

    Seit 5 Jahren bin ich nun als Leiharbeiter in den Dialysezentren Deutschlands unterwegs, und ich finde es immer noch interessant und abwechslungsreich. Es ist erstaunlich, festzustellen, wie unterschiedlich Dialysezentren organisiert sind und wie unterschiedlich die Arbeitsabläufe doch sein können, obwohl das Gleiche gemacht wird. Sicher ist es anstrengend, sich ständig auf neue Begebenheiten und neue Patienten einzustellen, aber es ist eine Herausforderung, die ich gerne bewältige.


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    Der häufige Wechsel der Einsatzorte ist sehr interessant. Auch wenn es an einem Einsatzort mal schlecht läuft, ist der Wechsel ein wesentlicher Vorteil, da ich weiß, dass ich bald wieder gehen und einen anderen, besseren Arbeitsplatz haben werde. Auch die psychische Belastung durch die Langzeitpatienten ist viel geringer, da ich immer wieder neue Patienten kennen lerne. Dadurch, dass ich meist frei von administrativen Tätigkeiten ausschließlich am Patienten arbeite, kann ich mehr für die Patienten tun, weshalb diese oft zufriedener sind. Die persönliche Motivation wird an jedem neuen Einsatzort wieder aufgefrischt. Eine spannende Aufgabe ist es auch, sich immer wieder in ein neues Team einzubringen und einzufügen. Und nebenbei lerne ich viele Gegenden und Städte kennen, die ich sonst vielleicht nicht besucht hätte.

    Es wird zurzeit viel diskutiert über Leiharbeit in der Pflege. Die Meinungen reichen von positiver Zustimmung bis hin zu einem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angestrebten Verbot der Leiharbeit in der Pflege. Ich denke nicht, dass ein Verbot der Leiharbeit zielführend sein wird, da sich viele Leiharbeitskräfte aus den oben genannten Gründen nicht wieder in eine Festanstellung begeben, sondern eher der Pflege endgültig den Rücken kehren werden. Leiharbeitskräfte haben sich i. d. R. ganz bewusst für die Leiharbeit entschieden, denn eine Festanstellung könnten sie bei dem derzeitigen Pflegekräftemangel jederzeit und überall bekommen. Und es werden auch nicht mehr Pflegekräfte dadurch zur Verfügung stehen, dass man Leiharbeit verbietet. Denn die Leiharbeitskräfte arbeiten ja zurzeit schon alle in der Pflege.

    Wollte Herr Spahn nicht eigentlich alle Pflegekräfte besser bezahlen? Stattdessen will er nun die Leiharbeit in der Pflege verbieten, weil sie teuer ist und Leiharbeitskräfte etwas mehr verdienen. Das kann nicht die Lösung sein. Denn nach einer Erhebung der Bundesagentur für Arbeit befinden sich zurzeit gerade mal 2 % der in Deutschland tätigen Pflegekräfte in einem echten Leiharbeitsverhältnis. Das sind 34 240 von 1 686 004 Pflegekräften. Wenn das Gesundheitswesen angeblich schon zusammenbricht, wenn gerade einmal 2 % der Pflegekräfte etwas besser bezahlt werden, dann kann man sich ausrechnen, wie es um das Versprechen von Herrn Spahn bestellt ist. Von den 34 240 Leiharbeitskräften werden sicher eine große Zahl für die Pflege verloren gehen, wenn die Leiharbeit verboten wird. Für viele ist Leiharbeit nämlich die letzte Option, unter der sie überhaupt noch bereit sind, in der Pflege zu arbeiten. Das gilt auch für die wenigen Leiharbeitskräfte, die im Bereich der Dialyse unterwegs sind. Kaum einer wäre bereit, wieder in einer Festanstellung zu arbeiten. Aber warum ist das so?

    Jahrelang hat man aus Gründen der Gewinnoptimierung mit Arbeitsverdichtung und Personalabbau dafür gesorgt, dass die Arbeitsbedingungen in den Dialysezentren immer schlechter wurden und aus den einst so begehrten und gut bezahlten Arbeitsplätzen in der Dialyse ein Job geworden ist, den kaum einer mehr machen will.

    Durch Krankheit und Abwanderung von Pflegekräften kommt es bei den heute sehr dünn gehaltenen Personaldecken immer wieder zu gefährlichen personellen Lücken, die dann schnell irgendwie (durch sehr hohe Patienten-Personal-Schlüssel und Zusatzschichten) geschlossen werden müssen.

    Leiharbeitskräfte sind hier eine mögliche Lösung, aber diese sind im Bereich der Dialyse dünn gesät. Ein Grund dafür ist, dass sie sofort einsetzbar sein müssen. Das erfordert gut ausgebildete, langjährig erfahrene, examinierte Pflegekräfte, die sicher und umsichtig arbeiten, neue Situationen sowie Arbeitsabläufe schnell und gut erfassen sowie sich darauf einstellen können. Was die Notfallsituationen betrifft, so sind auch diese von einer Leiharbeitskraft selbstverständlich genauso zu beherrschen wie vom Stammpersonal. Ob die Leiharbeitskraft weiß, wo welches Material gelagert ist und wie welche Formulare auszufüllen sind, ist meiner Meinung nach zweitrangig und hat nichts mit schlechterer Qualität der Patientenversorgung zu tun. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass Leiharbeitskräfte meist frei von administrativen Aufgaben ausschließlich am Patienten arbeiten, verbessert die Qualität der Patientenbetreuung und ist ein wesentlicher Grund dafür, dass sie die Leiharbeit für sich gewählt haben. Meiner Meinung nach gehören alle Pflegekräfte ausschließlich ans Patientenbett und nicht an den Schreibtisch oder ins Lager.

    Ein weiterer Grund, sich als Pflegekraft für Leiharbeit zu entscheiden, sind die immer wechselnden Einsatzorte, die eine ständig neue Herausforderung darstellen. Immer wieder muss das eigene Wissen aufgefrischt und die eigenen Handlungsweisen hinterfragt und auf ihre Aktualität hin überprüft werden. Ständig neue Arbeitsabläufe und Pflegestandards lassen zusätzlich zu dem schon vorhandenen Wissen einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz entstehen. Jahrelange Alltagsroutinen mit immer gleichen Patienten und immer gleichen Abläufen können sehr zermürbend sein. Demgegenüber steht die Leiharbeit, die keine Routine aufkommen lässt. Dies ist ein Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist, denn gerade Routine lässt im Bereich der Dialyse oft Gefahren aufkommen.

    Was ansonsten die Qualität der Patientenversorgung in diesem Arbeitsgebiet betrifft, so darf ich mir aus meiner Sicht als Fachpflegekraft für Nephrologie die Frage erlauben, wie es denn generell um die Qualität der Versorgung der Patienten in den Dialysezentren bestellt ist. Die Tatsache, dass ich schon öfter feststellen durfte, dass ich an einem Einsatzort die einzige examinierte Pflegekraft/Fachpflegekraft war und dass vereinzelt sogar ungelernte Kräfte ohne jegliche medizinische Ausbildung für die Patientenversorgung eingesetzt wurden, spricht da wohl für sich. Auch wenn kein Personalmangel herrscht, ist es so, dass nur noch ganz wenige Fachpflegekräfte und examinierte Pflegekräfte in Dialysezentren arbeiten. Tätigkeiten, die nach dem Dialysestandard der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) ausschließlich Fachpflegekräften vorbehalten sind, werden im täglichen Betrieb von Medizinischen Fachangestellten, die bekanntlich keine pflegerische Ausbildung haben, und sogar von ungelernten Kräften ausgeführt. Dies basiert auf einer leider fehlenden gesetzlichen Regelung. Hier sollte der Dialysestandard 2016 (A.4 Anforderungen an die Qualifikation des Pflegepersonals) und der quantitative Personalbedarf unbedingt vom Gesetzgeber als verbindlich festgeschrieben werden, um die Versorgungsqualität in den Dialysezentren wieder zu verbessern.

    So gesehen darf ich sagen, dass Leiharbeiter in der Dialyse kein Qualitätsrisiko in der Patientenversorgung darstellen, sondern für eine qualitativ gute Versorgung stehen, da es sich i. d. R. um langjährig in der Dialyse erfahrene examinierte Pflegekräfte und Fachpflegekräfte handelt.

    Hans-Martin Schröder, Neuwied


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