Frakturen im Alter nach einem Sturz
Die meisten Stürze sind auf lokomotorische Ursachen wie Muskelschwäche der unteren
Extremität, Gang- und Gleichgewichtsstörungen zurückzuführen [17]. Die Inzidenz für Personen zwischen 50 und 70 Jahren liegt bei ca. 750 auf 100.000
Personen [8]. In der Altersgruppe der über 70-jährigen Personen liegt die Inzidenz bei 3000 auf
100.000 Personen [12].
Je nach Alter der Person ist eine gewisse Prävalenz hinsichtlich der Frakturlokalisation
zu erkennen. So zeigen sich bei Personen zwischen 65 und 75 Jahren handgelenksnahe
Unterarmfrakturen [16], die für 25 % aller Knochenverletzungen verantwortlich sind [21]. Bei Personen über 70 Jahren steigt die Häufigkeit von Hüftfrakturen exponentiell
auf 90 % an [3]. Diese Tendenz der Frakturverteilung beruht auf einer verminderten Knochendichte,
einer reduzierten Verarbeitungsgeschwindigkeit des Nervensystems [1] und auf einer Abnahme der Muskelkraft der oberen Extremität.
Personen über 75 Jahre sind nicht mehr in der Lage, in einer adäquaten Zeit die Hände
als Schutz z. B. vor den Körper zu bringen.
Stürze geschehen überwiegend zu Hause
Bei Personen, die in den eigenen vier Wänden wohnen, ereignen sich Stürze zur Hälfte
in der häuslichen Umgebung [17]
[2] und überwiegend tagsüber [2]. Allem Anschein nach steht ein Sturz mit bestimmten Aktivitäten in Zusammenhang.
So kann für eine vulnerable ältere Person ein Eilen zur Toilette die Gefahr eines
Sturzes mit sich bringen, wenn die Person ein Aufmerksamkeits-Ressourcen-Defizit aufweist.
Fokussiert sich die Person so stark auf das Urinhalten, ist sie nicht mehr in der
Lage, zusätzlich auf einen sicheren Gang zu achten.
Das Dual-Task-Prinzip in der Therapie
Bewegungen im Alltag beinhalten neben der motorischen Aufgabe eine weitere motorische
und/oder kognitive Aufgabe (siehe unten) [15]. Die Bewältigung solcher Aufgaben erfordert von der Person die Fähigkeit zur Teilung
der Aufmerksamkeit auf simultan ablaufende Prozesse. Besonders jüngere Personen bewältigen
Doppelaufgaben (engl. dual task) mühelos. Ältere Personen hingegen können nicht beide
Aufgaben gleichzeitig gut lösen.
Dual-Task beschreibt die gleichzeitige Ausführung von zwei verschiedenen Aufgaben.
Für die Aufgabenbewältigung werden zwei kognitive Informationsverarbeitungsprozesse
beschrieben [19]: automatisierte und kontrollierte Prozesse. Automatisierte Prozesse sind im Langzeitgedächtnis
gespeichert und verbrauchen keine Ressourcen und benötigen im Gegensatz zu kontrollierten
Prozessen keine Aufmerksamkeit.
Für ältere Personen mit Frakturen am Handgelenk oder handgelenksnahen Frakturen sollte
die Automatisierung von Aufgaben ein Behandlungsziel darstellen. Dadurch können kontrollierte
Prozesse besser verarbeitet und ein Aufmerksamkeits-Ressourcen-Defizit vermieden werden.
Wenn körperliche Grundfunktionen (z. B. Nahrungszubereitung) durch eine Fraktur eingeschränkt
sind, können durch wiederholtes Üben Bewegungsautomatismen eingeschliffen und so die
Grundfunktion optimiert und hergestellt werden. Die Einbindung des Dual-Task-Prinzips
in der Therapie von älteren Patienten mit Handgelenksverletzungen ist daher relevant.
Dual-Task-Übungen
Forschungsergebnisse erbringen die Evidenz, dass Nervenzellen bis ins hohe Alter plastische
Eigenschaften haben [5]
[11]
[20]. In der Praxis und Forschung werden zum einen Dual-Task-Übungen traditionell [6]
[9] und zum anderen mit Technologien [4]
[7]
[14]
[18] durchgeführt. Gerade der Mix aus koordinativem Training mit kardiovaskulärer Beanspruchung
wirkt sich positiv auf die Gehirnfunktion aus. Spezielle Dual-Task-Übungen mit Fokus
auf Hand und Sturz werden in der Literatur explizit nicht erwähnt.
Traditionelle Übungen: Während der Übungen soll zusätzlich eine Konversation stattfinden oder es können
Rechenaufgaben, Wortfindungsaufgaben (z. B. Stadt, Land, Fluss), Assoziationsaufgaben
durchgeführt werden. Übungen können im Sitzen, beidbeinigem Stand, Einbeinstand oder
im Gehen durchgeführt werden.
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Gesellschaftsspiele wie „Spitz pass auf“: Ein Spieler würfelt und hat einen Becher,
mit dem er die Spielfiguren seiner Mitspieler fangen muss, wenn der Würfel eins oder
sechs zeigt. Die anderen Spieler versuchen das zu verhindern, indem die Spielfiguren
so schnell wie möglich an einem Faden weggezogen werden, wenn diese Zahlen fallen.
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Laurel and Hardy mit Kneesy-Earsey-Nosey aus dem Film „The Devil’s Brother“ (Hände
hoch – oder nicht). Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=DiFEFL6ThRI: Mit beiden flachen Händen wird auf die Oberschenkel geklopft und dann wird die rechte
Hand zum linken Ohrläppchen und die linke Hand zur Nase geführt. Dann erfolgt wieder
ein Klapps auf die Oberschenkel. Anschließend wird die linke Hand zum rechten Ohrläppchen
und die rechte Hand zur Nase geführt. Dies sollte nun in einem Rhythmus einstudiert
werden. Das Tempo kann allmählich gesteigert und die Anzahl des Abklatschens auf den
Oberschenkeln kann erhöht werden.
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Jonglieren: mit mindestens drei Bällen üben, mit der Größe und dem Gewicht von Mandarinen
[Abb. 1].
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Hochhalten eines Balls: Mit einem Tischtennisschläger (Vorhandseite), im Wechsel Vorhand-
und Rückhandseite, Einbeziehen des Bodens, Wand, Vorhand- und Rückhandseite nach Ansage,
Hochhalten mit zwei, drei Bällen. Übungen können im beidbeinigen Stand, Einbeinstand,
im Gehen durchgeführt werden.
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Fang-Ansagen: Zwei Personen mit einem Ball/Pezziball stehen sich gegenüber und der
Werfer gibt beim Wurf an, mit welcher Hand der Mitspieler den Ball auffangen soll.
Übungen mit kleinen Bällen können im beidbeinigen Stand, Einbeinstand oder im Gehen
durchgeführt werden. Bei der Übung mit dem Pezziball soll vor dem beidhändigen Fangen
eine der folgenden Übungen ausgeführt werden: Einbeinstand, in die Hände klatschen,
Hände in die Höhe strecken, eine Drehung um die eigene Achse usw. [Abb. 2].
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Sortieren von Gegenständen: Im Gang können Spielkarten, Geldmünzen etc. sortiert werden.
Steigerung der Aufgabe erfolgt durch Zeitvorgabe oder durch Bewältigung eines Hindernisparcours
[Abb. 3].
Abb. 1a und b Jonglieren mit drei Bällen. (Quelle: S. Rogan)
Abb. 2a und b Fang-Ansagen mit Pezziball und Einbeinstand. (Quelle: S. Rogan)
Abb. 3 Sortieren von Münzen beim Gehen. (Quelle: S. Rogan)
Übungen mit Technologien: Videospiele werden nicht mehr sitzend gespielt. Videospiele sind heutzutage eher
als Fitnessprogramm konzipiert. Sie wirken motivierend und fördern den Spaßfaktor.
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Handelsübliche Videospiele wie Nintendo Wii oder Xbox können als Dual-Task-Training
benutzt werden.
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Dance Dance Revolution: Auf einem Bildschirm laufen im Takt einer Musik Pfeile. Die
Person steht auf einer Tanzmatte und muss im richtigen Moment auf entsprechende Pfeile
treten. Um die Schwierigkeit zu steigern, kann das Tempo der Pfeile auf dem Bildschirm
erhöht werden.
Zusammenfassung
In unserem Alltag werden vom Menschen neben Single-Task- auch Dual-Task-Bedingungen
gefordert. Diese Situation muss in der Rehabilitation nach einer Handgelenks- oder
distalen Radiusfraktur mitberücksichtigt werden. Aus diesem Grund sollten Dual-Task-Übungen
mit Fokus auf Sturzprävention in die Therapie eingebaut werden.