Krankenhaushygiene up2date 2018; 13(02): 119-120
DOI: 10.1055/a-0601-5051
Editorial
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Die Hysterie um MRSA – es ist Zeit, damit aufzuhören!

Sebastian Lemmen
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Publication Date:
29 June 2018 (online)

 

In den letzten 10 Jahren hat sich in Deutschland die MRSA-Rate von initial ca. 25% auf zuletzt 15% reduziert [1]. Hierbei hat sich der Anteil nosokomialer Fälle konstant verringert: in 2016 betrug dieser bei ca. 76 000 Fällen nicht einmal mehr 8% [2]. Für die meisten Häuser mit 200 – 600 Betten bedeutet dies, dass dort jährlich ca. 10 – 80 MRSA-positive Patienten vorkommen. In derselben Dekade nahm gleichzeitig die MRSA-Screening-Rate von ca. 5% in 2006 auf ca. 40% in 2016 um das 8-Fache zu. Die Detektionsrate hat daher konstant abgenommen und lag zuletzt nur noch im Promillebereich. Hinzu kommt, dass mit ca. 90% die allermeisten Patienten mit diesem Erreger kolonisiert sind und dies auch während ihres gesamten stationären Aufenthalts bleiben.

Anders ausgedrückt: Wir suchen immer häufiger nach etwas, was immer weniger vorkommt und finden es entsprechend immer seltener. Und das mit dem Ziel, eine Transmission im Krankenhaus zu vermeiden bei einem Erreger, der mit über 90% längst in der Bevölkerung angekommen ist und zudem nur selten eine Infektion verursacht. Für kleinere bis mittlere Krankenhäuser bedeutet dies, dass es hier nur insgesamt sehr wenige Patienten mit einer MRSA-Infektion im Jahr gibt – meist im kleinen einstelligen Bereich. Man muss sich also die Frage nach dem realistischen Präventionspotenzial stellen – und die primäre Aufgabe von Krankenhaushygienikern ist es ja, nosokomiale Infektionen zu vermeiden. Dann kommt noch hinzu, dass die meisten nosokomialen Infektionen endogenen Ursprungs sind und somit nur schwer bis fast gar nicht vermeidbar sind. Staphylococcus aureus wird offensichtlich gar nicht so häufig im Krankenhaus übertragen, wie bisher angenommen: So betrug im Rahmen einer aktuellen Untersuchung mit modernsten molekularbiologischen Differenzierungsmethoden (NGS) in England die Staphylococcus-aureus-Transmissionsrate zwischen Personal, unbelebter Umgebung und Patienten bei über 1800 Isolaten nur 1,3% [3].

Erste Publikationen, die Infektionen mit MRSA wie z. B. Pneumonie, Sepsis oder Wundinfektionen mit den jeweiligen Infektionsentitäten mit MSSA verglichen haben, zeigten ein eindeutig schlechteres Outcome für MRSA-Infektionen. Neuere Daten belegen jedoch, dass, wenn nach Komorbiditäten und Risikofaktoren adjustiert wird, kein Unterschied mehr zwischen MRSA- und MSSA-Infektionen bez. Letalität besteht [4].

Mein letzter Punkt: MRSA-positive Patienten werden in einem Einzelzimmer isoliert und es wird der Versuch der Eradikation begonnen.

In keiner einzigen Studie wurde bisher belegt, dass so die Transmissions- oder gar die Infektionsrate gesenkt werden konnte – der menschliche, medizinische und ökonomische Kollateralschaden wurde jedoch schnell offensichtlich [5]. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt ganz im Gegenteil, dass nach Beendigung der Isolierung und Verstärkung der Compliance mit der Händehygiene sowie Ganzkörperwaschung mit Antiseptika die Transmissions- und die Infektionsrate reduziert werden konnten, sodass die Autoren schlussfolgern, dass ein Stopp dieser Isolierungsmaßnahmen nicht zu einem Anstieg der MRSA- und übrigens auch VRE-Infektionsraten führt [6].

Es ist daher m. E. dringend an der Zeit, das Paradigma eines anlasslosen Screenens, Isolierens und Eradizierens von MRSA im Sinne einer modernen Infektionsprävention zu verlassen und dafür verstärkt Basishygienemaßnahmen zu predigen und erwiesene Ansätze wie antiseptische Ganzkörperwaschungen und ABS-Strukturen verstärkt einzuführen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Sebastian Lemmen


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Prof. Dr. med. Sebastian Lemmen

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