Tierarztl Prax Ausg K Kleintiere Heimtiere 2017; 45(04): 253-263
DOI: 10.15654/TPK-170322
Übersichtsartikel
Schattauer GmbH

Kastration der Hündin – neue und alte Erkenntnisse zu Vor- und Nachteilen[*]

Neutering of female dogs – old and new insights into Pros and Cons
Sebastian Arlt
1   Tierklinik für Fortpflanzung, Fachbereich Veterinärmedizin, Freie Universität Berlin
,
Axel Wehrend
2   Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Groß- und Kleintiere mit Tierärztlicher Ambulanz, Justus-Liebig-Universität Gießen
,
Iris Margaret Reichler
3   Klinik für Reproduktionsmedizin, Vetsuisse-Fakultät Universität Zürich
› Author Affiliations
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Publication History

Eingegangen: 09 May 2017

Akzeptiert nach Revision: 04 July 2017

Publication Date:
10 January 2018 (online)

Zusammenfassung

Die Beratung von Hundehaltern bezüglich der Vorteile und Nachteile sowie des optimalen Zeitpunktes der Kastration einer Hündin ist komplex und sollte sich auf verlässliche Daten aus der Wissenschaft stützen sowie individuelle Belange berücksichtigen. Bei genauerer Betrachtung der aktuellen Publikationen zu diesem Thema fällt auf, dass einige lange für robust gehaltene Informationen etwas angepasst oder aktualisiert werden müssen. Ein offensichtlicher Vorteil der elektiven Kastration ist, dass Erkrankungen der Ovarien und sexualsteroidabhängige Erkrankungen wie Metropathien nicht auftreten. Weiterhin ist ein gewisser protektiver Effekt einer frühzeitigen Kastration auf die Entstehung von Mammatumoren anzunehmen, wenngleich dafür derzeit eine schwache wissenschaftliche Evidenz besteht und der Effekt vermutlich geringer ausfällt, als in einigen älteren Publikationen angegeben wurde. Die Kastration hat jedoch auch Nachteile. Als häufigste negative Folge wird seit Jahrzehnten die Harninkontinenz beschrieben. Aussagen zur Inzidenz sowie zu weiteren Einflussfaktoren, wie Kastrationszeitpunkt in Bezug zur Pubertät, sind jedoch uneinheitlich. Aktuell werden vor allem das gehäufte Auftreten verschiedener Tumorerkrankungen, die nicht direkt mit dem Reproduktionstrakt in Verbindung stehen, sowie ein höheres Risiko für Erkrankungen des Bewegungsapparats bei kastrierten Tieren diskutiert. Weitere Einflussfaktoren wie der Ernährungszustand des Hundes, Alter und/oder Haltung wurden jedoch häufig nicht erfasst. Die Datenlage zur Auswirkung der Kastration auf den Stoffwechsel und das Immunsystem der Hündin ist derzeit ungenügend. Wünscht der Tierbesitzer eine Kastration, bedarf es in jedem Fall einer eingehenden Beratung, die individuelle, rasse- und haltungsbezogene Aspekte einschließt. Derzeit ist eine Kastration am ehesten zwischen der ersten und zweiten Läufigkeit zu empfehlen, da ein gewisser protektiver Effekt auf die Entstehung von Mammatumoren anzunehmen ist und das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen nach heutigem Wissensstand moderat ausfällt.

Summary

Advice for dog owners regarding the Pros and Cons and optimal time for neutering a female dog is complex and should be based on recent and valid research data as well as individual aspects. After taking a closer look at the literature, it becomes clear that some putative robust information has to be revised or updated. An obvious advantage of neutering a female dog is that ovarian diseases and sexual steroid-dependent diseases, including metropathy, no longer occur. In addition, it is likely that an early neutering reduces the risk to a certain extent of mammary neoplasia, even if the scientific basis for this observation is weak. The effect might be less than some earlier publications suggest. Disadvantages of neutering female dogs include urinary incontinence, which was postulated decades earlier. However, reported incidences and findings regarding factors that influence urinary incontinence, including time of neutering related to puberty, are heterogeneous. Recently, several studies have been published suggesting a significantly higher risk of different forms of neoplasia and musculoskeletal disorders in neutered dogs. However, factors that may bias these findings, including nutritional condition, age and/or housing, were not addressed in most studies. Data on effects on metabolism and the immune system are currently very limited. If owners want their female dogs to be neutered, a thorough counselling is essential that includes individual aspects as well as breed- and housing-specific factors. The optimal time may be between the first and the second heat. It can be suggested, that at this time, a certain reduction of the risk of mammary neoplasia can be achieved with only a moderate potential for undesired side effects.

* Frau Prof. Dr. Anne-Rose Günzel-Apel zum Ausscheiden aus dem aktiven Dienst gewidmet.