Frauenheilkunde up2date 2008; 2(5): 441-458
DOI: 10.1055/s-2008-1076964
Geburtshilfe und Perinatalmedizin

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart ˙ New York

Physiologische Veränderungen des mütterlichen Organismus in der Schwangerschaft

P. G. Brockerhoff
Further Information

Publication History

Publication Date:
23 October 2008 (online)

Kernaussagen

In der Schwangerschaft verändern sich die physiologischen Vorgänge im mütterlichen Organismus auf vielfältige Weise. Dies liegt nicht allein an den zusätzlichen respiratorischen und nutritiven Erfordernissen, sondern basiert ebenfalls auf hormonellen und metabolischen Umstellungsreaktionen. Überdies verändert sich die Topografie des Bauchraums der Schwangeren, was entsprechende physiologische Anpassungen erfordert.

Herz und Kreislauf

Gestationsbedingt erhöhen sich das Kontraktionsvermögen und die Auswurfleistung des Herzens. Damit kann der gesunkene periphere Widerstand kompensiert werden. Zeitgleich mit dem gesteigerten Auswurf steigt die Herzfrequenz an. Dies führt zu einer Steigerung des Herz-Zeit-Volumens (HZV) um bis zu 40 %. Weitere Veränderungen des Kreislaufsystems können zu orthostatischen Dysregulationen führen.

Lungenfunktion

Am Ende der Schwangerschaft ist der Sauerstoffverbrauch gegenüber demjenigen einer Nichtschwangeren um etwa 20 % erhöht. Zudem vermindern sich das inspiratorische Reservevolumen und die Totalkapazität, sodass es trotz signifikanter Zunahme des Atem-Zeit-Volumens und des Atem-Zug-Volumens zu Belastungsdyspnoen kommen kann.

Blutelemente und Gerinnung

Während der Schwangerschaft nimmt das Gesamtblutvolumen – v. a. Plasmavolumen und Erythrozyten – zu. Da das Plasmavolumen vergleichsweise stärker vermehrt ist als die Erythrozytenmenge, erniedrigt sich dadurch der Hämatokritwert; es resultiert eine Schwangerschaftshydrämie.

Nierenfunktion und Wasserhaushalt

Für die Schwangerschaft charakteristisch ist eine Dilatation der ableitenden Harnwege, vermutlich infolge der erhöhten peripheren Gestagenspiegel. Zeitgleich nehmen Nierendurchblutung und glomeruläres Filtrat um bis zu 40 % zu. Die gestationsbedingte Gewichtszunahme beruht zu einem großen Teil auf einer Flüssigkeitsaufnahme in die verschiedenen fetoplazentaren und mütterlichen Kompartimente.

Gastrointestinaltrakt

Sodbrennen und Refluxbeschwerden gehören zu den häufigsten gastroenterologischen Symptomen schwangerer Patientinnen. Ursache hierfür ist die reduzierte Kontraktion des unteren Ösophagussphinkters. Verstärkt wird die Refluxsymptomatik durch den unter das Zwerchfell gedrängten Magen. Eine verzögerte Magen-Darm-Passage während der Schwangerschaft gewährleistet eine bessere Nährstoffverwertung. Die häufig beobachtete Obstipation basiert v. a. auf einer vermehrten Wasserresorption im Kolon.

Endokrines System

Im mütterlichen Kompartiment dominieren die Steroidhormone im Schwangerschaftsverlauf zunehmend die Regulationsvorgänge. Insbesondere betrifft dies die Gestagene, die für zahlreiche physiologische und metabolische Einstellungsreaktionen des mütterlichen Organismus verantwortlich sind. Eine vermehrte TSH-Sekretion in der Schwangerschaft kommt zustande durch das verschobene Gleichgewicht zwischen freien und gebundenen Schilddrüsenhormonen.

Ebenfalls in der Gravidität erhöht sind die Werte für das in der Hypophyse gebildete ACTH, das zu einer gesteigerten Freisetzung von Hormonen der Nebenniere (u. a. Cortisol) führt, sowie für Aldosteron als wichtigem Hormon zur Regulation des Natrium- und Wasserhaushaltes.

Metabolismus

Schwangerschaftsbedingte Veränderungen quantitativer und z. T. auch qualitativer Art finden sich gleichermaßen beim Kohlenhydrat-, Lipid- und Proteinstoffwechsel. In den meisten Fällen sollen diese Veränderungen die optimale Versorgung des Feten mit Nährstoffen gewährleisten – auch entgegen des Konzentrationsgradienten.

Klinisch-chemische und hämatologische Laborparameter

Bei der Festlegung von Normbereichen klinisch-chemischer und hämatologischer Parameter ist zu berücksichtigen, dass die Übergänge vom Normalen zum Pathologischen fließend sind. Schwierig gestaltet sich dementsprechend auch eine methodische Standardisierung der Laborparameter.

Literatur

  • 1 Friedberg V, Rathgen G H. Physiologie der Schwangerschaft. Stuttgart: Thieme; 1980
  • 2 Hytten F E, Leicht I. The Physiology of Human Pregnancy. 2. Auflage. Oxford: Blackwell; 1971
  • 3 Brockerhoff P. Die Schwangerschaftshyperlipoproteinämie.  Fortschr Med. 104 277-279

Dr. med. Univ.-Prof. P. G. Brockerhoff

Universitätsfrauenklinik Mainz · Klinikum der Johannes-Gutenberg-Universität

Langenbeckstraße 1

55101 Mainz

Email: [email protected]