Zahnmedizin up2date 2008; 2(6): 587-612
DOI: 10.1055/s-2008-1039042
Prothetik

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kombinierter Zahnersatz: Planung und Realisierung

Klaus Böning
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Publication Date:
01 December 2008 (online)

Einleitung

Die Planung und Realisierung des kombiniert festsitzenden/herausnehmbaren Zahnersatzes gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der zahnärztlichen Praxis. Er nimmt eine Mittelstellung zwischen der einfachen gegossenen Teilprothese und implantatprothetischen Optionen ein und ist indiziert, wenn

Patienten erhöhte Ansprüche an die Ästhetik und den Tragekomfort eines herausnehmbaren Zahnersatzes stellen, bei ungünstiger Lückengebisstopografie, aber guter Prognose der Restzähne ein gussklammerverankerter Zahnersatz problematisch zu verankern ist, implantatprothetische Optionen aus gesundheitlichen Gründen, finanziellen Limitationen, ungünstigen Bedingungen des Knochenlagers oder anderen Gründen nicht infrage kommen.

Entscheidungsfindung

Die Weiche für den Erfolg oder den eventuellen Misserfolg einer prothetischen Behandlung stellt sich unter Umständen bereits im ersten anamnestischen Gespräch. Hier muss der Zahnarzt das Problem des Patienten identifizieren, dessen Vorstellungen und Erwartungen bewerten und entscheiden, ob diese Vorstellungen umgesetzt werden können, ohne den Korridor des zahnmedizinisch anerkannten Therapiespektrums (normativer Korridor) zu verlassen.

Merke: Didaktisch hat es sich bewährt, bei der Beratung die drei Parameter Gesundheitsgewinn, subjektiver Bedarf und Gewinn an Lebensqualität zu analysieren, um für den individuellen Patienten die beste Lösung zu finden (Abb. 1). Abb. 1 Entscheidungsfindung zur Planung von Zahnersatz.

Der Zahnarzt beurteilt den Parameter Gesundheitsgewinn. Ähnlich wie bei der Verschreibung eines Medikaments müssen erwünschte Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen gegeneinander abgewogen werden. Der Zahnarzt bewertet, ob ein Zahnersatz zur Verbesserung von Ästhetik, Phonetik und Kaufunktion beiträgt, weiteren Schäden im stomatognathen System vorbeugt, Strukturen erhält und somit mögliche unerwünschte „Nebenwirkungen“ wie Zahnhartsubstanzverlust, Vitalitätsverlust, Risiken der Induktion von Karies, Parodontopathien, Stomatitis prothetica etc. rechtfertigt. Der Patient, der einen Zahnersatz dringend wünscht, sich auf den Rat seines Zahnarztes verlässt oder sich eher skeptisch oder gar ablehnend äußert, zeigt seinen subjektiven Bedarf auf.

Basierend auf dem Patientenwunsch und dem Faktor Gesundheitsgewinn schätzt wiederum der Zahnarzt ab, ob der Patient mit der prothetischen Behandlung an Lebensqualität gewinnt.

Fallbeispiel

Das Wechselspiel dieser drei Parameter sei anhand eines Beispiels erläutert.

Abbildung [2] zeigt die klassische Situation einer verkürzten Zahnreihe. Liegt eine regelrechte Verzahnung vor und sind progredierende Elongationen im Gegenkiefer nicht evident, so ist der Gesundheitsgewinn nach heutigem Wissensstand fraglich, stellt man erwünschte Wirkung und unerwünschte Nebenwirkung eines herausnehmbaren Zahnersatzes gegenüber (Abb. [3]). Werden die vier Prämolaren für die Aufnahme von Kronen oder Doppelkronen präpariert, so hat jeder Zahn die Wahrscheinlichkeit eines Vitalitätsverlustes von 15 % nach 10 Jahren [[1]]. Bei vier Zähnen bedeutet dies eine Wahrscheinlichkeit von ca. 50 % für den Vitalitätsverlust mindestens eines Zahnes. Hier wird der Patientenwunsch den Ausschlag für eine Versorgung oder Nichtversorgung mit einem herausnehmbaren Zahnersatz geben und sein subjektiver Wunsch nach einer Komplettierung der Zahnreihe den Gewinn an Lebensqualität bestimmen.

Abb. 2 Verkürzte Zahnreihe bei vollständiger Prämolarenokklusion. Bringt ein herausnehmbarer Zahnersatz zum Ersatz der Molaren einen Gesundheitsgewinn? Abb. 3 Wirkung und unerwünschte Nebenwirkungen von herausnehmbaren Zahnersatz.

Weitere Kriterien der Entscheidungsfindung zeigt Abbildung [1]. Risiken und Erfolgswahrscheinlichkeit sollten bei der Anfertigung von kombiniert festsitzendem/herausnehmbarem Zahnersatz kritisch geprüft werden. Aufgrund der meist hohen Kosten ist die Prognose und die Belastbarkeit von Pfeilerzähnen besonders sorgfältig zu prüfen.

Finanzieller und zeitlicher Aufwand beeinflussen ebenfalls die Entscheidungsfindung. Bei hinfälligen Patienten kann ein einfacher gussklammerverankerter Zahnersatz vorteilhaft sein, um dem Patienten belastende Sitzungen zu ersparen. Lassen Sehfähigkeit oder manuelle Geschicklichkeit deutlich nach, sollten komplizierte und schwer zu reinigende Verbindungselemente, z. B. mit Verriegelungen, vermieden werden.

Praxistipp Schon beim jungen Patienten ist die herausragende prothetische Schlüsselstellung der Eckzähne zu beachten. Die Verletzung ihrer Integrität durch Präparation sollte durch alternative Planungen (Implantate, adhäsiver Zahnersatz, Extensionsbrücken) vermieden oder zumindest auf einen spätestmöglichen Zeitpunkt verschoben werden. Im Alter erlauben zwei weitgehend intakte Eckzähne eines Kiefers in der Regel eine problemlose Anfertigung von funktionstüchtigem Zahnersatz.

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Prof. Dr. Klaus Böning

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