Zahnmedizin up2date 2008; 2(6): 543-569
DOI: 10.1055/s-2008-1038674
Oralmedizin

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Folgen der Strahlentherapie in der Mundhöhle

Wolfgang Dörr, Thomas Herrmann, Bernd Reitemeier, Dorothea Riesenbeck, Knut A. Grötz
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Publication Date:
01 December 2008 (online)

Einleitung

Die infizierte Osteoradionekrose (IORN) des Unterkiefers nach Radio(chemo)therapie von Kopf-Hals-Tumoren zählt zu den schwerwiegendsten und am meisten gefürchteten Nebenwirkungen der onkologischen Therapie im Kopf-Hals-Bereich. Sie wird in der überwiegenden Zahl der Fälle durch unsachgemäße Zahnextraktionen oder anderweitige zahnärztliche Maßnahmen nach der Strahlentherapie ausgelöst, die mit unzureichender Infektionsprophylaxe durchgeführt werden [[1], [2]]. IORN sind damit häufig vermeidbar. Daneben besteht eine Reihe weiterer Nebenwirkungen der onkologischen Therapie, deren Bedeutung für den Zahnarzt, Pathogenese sowie Prophylaxe- und Therapiemöglichkeiten beschrieben werden.

Merke: Unsachgemäße Extraktionen und unzureichende Infektionsprophylaxe führen zur IORN.

Epidemiologische Angaben zum Plattenepithelkarzinom

Die Plattenepithelkarzinome der Mundhöhle und des Oropharynx zählen zu den 10 häufigsten Malignomen weltweit. Daneben werden Kopf-Hals-Bestrahlungen auch bei weniger häufigen Malignomen (Speicheldrüsenmalignome, maligne Lymphome etc.) angewandt. Die Rate an Neuerkrankungen für Tumoren im Kopf-Hals-Bereich liegt bei ca. 7800/Jahr bei Männern bzw. ca. 2600/Jahr bei Frauen [[3]]. Das mittlere Erkrankungsalter liegt derzeit für Männer bei 61, für Frauen bei 69 Jahren. Die Strahlenbehandlung ist bei mehr als der Hälfte dieser Patienten integraler Bestandteil der onkologischen Therapie, alleine oder in Kombination mit chirurgischen Eingriffen und/oder Chemotherapie.

Die Mundhöhle muss im Hinblick auf Strahlenfolgen als „Organ“ mit einer komplexen Interaktion aller individuellen Komponenten, d. h. Schleimhaut einschließlich der Geschmackspapillen, Zähne und Zahnhalteapparate, Weichgewebe und Muskulatur, aber auch der Speicheldrüsen, betrachtet werden [[4]–[6]]. Dennoch sollen im Folgenden aus Gründen der Übersichtlichkeit die einzelnen angesprochenen Gewebe mit ihren speziellen Strahlenfolgen gesondert behandelt werden. In einem weiteren Abschnitt wird auf die Bedeutung und Problematik der Implantatversorgung bei Patienten nach einer Strahlentherapie im Kieferbereich eingegangen.

Nebenwirkungen der Radio(chemo)therapie im Kopf-Hals-Bereich manifestieren sich früh (während der Behandlung bis wenige Wochen nach Therapieende) in Form von Mucositis enoralis, Mundtrockenheit (Xerostomie) und Geschmacksveränderungen. Irreversible Spätreaktionen können sich nach Monaten bis Jahren in Form von Schleimhautatrophie und ‐ulzerationen, Strahlenkaries, dauerhafter Radioxerostomie, Geschmacksbeeinträchtigungen, Trismus (Kieferklemme), und der bereits einleitend erwähnten sekundär infizierten Osteoradionekrose (IORN) zeigen [[5]] (Tab. [1]).

Tabelle 1 Einteilung von Nebenwirkungen der Strahlentherapie Frühkomplikationen Spätkomplikationen Mucositis enoralis Schleimhautatrophie und -ulzerationen Radioxerostomie IORN Geschmacksveränderungen Strahlenkaries Radioxerostomie Geschmacksbeeinträchtigungen Trismus

Literatur

 Wolfgang Dörr Leiter Strahlenbiologisches Labor

Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, TU Dresden

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