Fortschr Neurol Psychiatr 2008; 76(4): 193-194
DOI: 10.1055/s-2008-1038149
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Der Angehörige als Medium in der Rehabilitation von Betroffenen nach Schlaganfall

Relatives as a Means of Stroke RehabilitationC.- W.  Wallesch1
  • 1Universitätsklinik für Neurologie, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Further Information

Publication History

Publication Date:
07 April 2008 (online)

Prof. Dr. C.-W. Wallesch

In der neurologischen Rehabilitation wurde der Einsatz und auch das spontane Engagement von Angehörigen, z. B. in Versuchen der Aphasierehabilitation durch Nachsprechen, Abschreiben, Benennen o. ä. Bemühungen, die nicht durch das jeweilige therapeutische Konzept gedeckt waren, häufig problematisiert oder auch als schädlich empfunden. Die Beziehung zwischen Schlaganfall-Betroffenen und Partner sei ohnehin belastet [1] und die Übernahme der Rolle des „Hilfslehrers” führe zu weiteren Spannungen. Stattdessen wurde den Angehörigen geraten, Zeit und Aufwand in die Kommunikation mit dem Betroffenen zu investieren. Einem guten familiären Rückhalt wurde ein positiver Einfluss auf die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten zugeschrieben [2], wofür sich auch Hinweise aus der Literatur ergeben. Heute kann der Computer den Angehörigen in seiner Funktion als „Hilfslehrer” ersetzen [2].

Mittlerweile wird die Rolle und Bedeutung der Angehörigen für die Rehabilitation chronisch Kranker bzw. Behinderter sehr viel komplexer gesehen. In den letzten Jahren ist es durch die Einführung des ICF und das Sozialgesetzbuch IX zu einer Paradigmenschärfung im biopsychosozialen Modell der Rehabilitation gekommen [3]. In diesem Zusammenhang sind die Wechselwirkungen zwischen Angehörigen und Betroffenen, die Belastungen der Angehörigen und deren Auswirkungen auf die Teilhabe des Betroffenen verstärkt in den Fokus geraten [4]. Eine Rehabilitation, die eine Wiedereingliederung in das soziale Leben zum Ziel hat, muss Bezugspersonen in die Behandlung einbeziehen, da von ihnen positive Unterstützung des Betroffenen erwartet wird. Sobald der Betroffene nach Hause entlassen wird, müssen Angehörige Aufgaben übernehmen, die der Erkrankte nicht mehr erfüllen kann, oftmals auch Pflegetätigkeiten, die zu Lasten ihrer Freizeit und Erholung gehen [5]. Die wahrgenommene Belastung ist für die pflegenden Angehörigen pflegebedürftiger Patienten größer [6]. Im Verlauf entwickeln die mit den Betroffenen zusammenlebenden Angehörigen depressive Verstimmungen [7]. Zunächst vorhandener Optimismus der Angehörigen geht zwischen 6 Monaten und einem Jahr nach Schlaganfall in ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Resignation über [8]. Es müsse den Angehörigen also z. B. ermöglicht werden, sich besser abgrenzen zu können, emotionale und physische Überforderung zu vermeiden und die Beziehungssituation zu klären. Dafür bedürfen sie therapeutischer Begleitung [4]. Die Wirksamkeit psychosozialer [6] [9] und verhaltenstherapeutischer [10] Interventionen für Angehörige ist nachgewiesen [6] [11]. Dennoch nehmen Angehörige Unterstützungsangebote bislang häufig nicht an [12] [13].

Angehörige anderer chronisch kranker bzw. in ihrer Teilhabe beeinträchtigter Menschen sind in ähnlicher Weise belastet, so auch z. B. bei psychiatrischen Erkrankungen [14] [15].

Frau Prof. Wilz hat seit ihrer Forschungstätigkeit im von BMBF und Rentenversicherung geförderten Rehabilitationswissenschaftlichen Forschungsverbund Berlin-Brandenburg-Sachsen die Belastung der Angehörigen von Schlaganfallpatienten zu ihrem zentralen Forschungsthema gemacht. Sie fand in einer Reihe von Untersuchungen, dass

neben dem Geschlecht (Frauen sind stärker belastet) die subjektive Einschätzung der Schwere der Beeinträchtigung des Patienten, nicht jedoch Alter und ärztliche Einschätzung die psychische Belastung von Lebenspartnern beeinflussen 5, langfristige Veränderungen des Alltags und der Paarbeziehung für Partner von Schlaganfallkranken mit gravierenden Dauerbelastungen verbunden sein können 16, die kognitive Erholung und emotionale Stabilisierung der Betroffenen nach Schlaganfall von psychosozialen Faktoren abhängt, insbs. von der Akzeptanz der bestehenden Lebenssituation durch den pflegenden Partner 17.

Vor diesem Hintergrund untersuchten Wilz und Barskova [18] die Effektivität eines kognitiv-verhaltenstherapeutischen Gruppenprogramms für Angehörige von Schlaganfallpatienten (15-90 minütige Sitzungen in zweiwöchigen Abständen) im Vergleich zu Kontrollgruppen. Im Verlauf kam es zur Verbesserung der subjektiven Lebensqualität und Abnahme der Depressivität in der Interventionsgruppe.

Vor dem Hintergrund der Hypothese, dass die Befindlichkeit der Angehörigen sich positiv auf den Rehabilitationserfolg und die Lebensqualität der Betroffenen auswirke [17], untersuchten Wilz und Jungbauer an denselben Interventions- und Kontrollgruppen die Alltagskompetenz und Lebensqualität der Indexpatienten [19]. Ob [10] oder ob nicht [9] eine Angehörigenintervention sich auch auf den Patienten positiv auswirkt, ist umstritten [19]. In der in diesem Heft abgedruckten Arbeit ergaben sich Hinweise, dass die subjektive Lebensqualität derjenigen Patienten, deren Angehörige an einem Interventionsprogramm teilnahmen, sich tendenziell verbesserte, in den Kontrollgruppen jedoch verschlechterte. Statistische Signifikanz erreichten die Unterschiede jedoch nicht. Dies mag daran liegen, dass das verwendete Instrument, der WHOQoL-Bref [20] wenig veränderungssensitiv ist.

Die Ausführungen der Diskussion zum dyadischen Coping dürften auch für andere Erkrankungen, die mit chronischer Behinderung einhergehen, bedeutsam sein. Es scheint, dass Copingstile und -strategien krankheitsunabhängige Persönlichkeitseigenschaften sind [21], um so mehr ist der hier verfolgte Ansatz einer Krankheitsverarbeitung in der Partnerschaftsdyade von Interesse für therapeutische Interventionen. Bislang sind Patienten mit Hirnschäden Stiefkinder psychotherapeutischer Interventionen und der Interventionsforschung, es besteht Forschungsbedarf.

Literatur

Prof. Dr. Claus-Werner Wallesch

Universitätsklinik für Neurologie, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Leipziger Str. 44

39120 Magdeburg

Email: neuro.wallesch@medizin.uni-magdeburg.de