Diabetes aktuell 2007; 5(6): 231
DOI: 10.1055/s-2008-1036437
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Diabetes und Psyche

Antje Bergmann, Peter E. H. Schwarz
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Publication Date:
18 January 2008 (online)

Eine kürzlich publizierte Metaanalyse aus den Niederlanden [1] untersuchte mittels eines kurzen Fragebogens den Effekt von Interventionen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Diabetikern. Die Ergebnisse belegen, dass diese durch sinnvolle Interventionen durchaus gebessert werden kann, dass der Effekt aber abhängig von der jeweiligen Intervention stark variierte. Woran kann es liegen, dass Interventionen im Gruppenvergleich nicht hochsignifikante Verbesserungen der Lebensqualität bei Diabetikern zeigen?

Eine potenzielle Ursache liegt möglicherweise in uns selbst. Wir sind uns nicht jeden Tag und zu jeder Stunde bewusst, dass wir als „Droge Arzt” nach Balint auch ohne die Verordnung von Metformin oder Insulin auf unsere Patienten wirken. Gerade bei chronisch Kranken wird die Arzt-Patienten-Beziehung zum Dreh- und Angelpunkt der Behandlung. Es existiert keine „Nicht-Kommunikation”, alles ist Kommunikation: Wie wir unserem Patienten begegnen, ob wir abgelenkt sind, nebenbei telefonieren oder im Praxiscomputer schon Rezeptformulare oder DMP-Bögen ausfüllen, alles hat eine Wirkung und löst Reaktionen aus. Dessen müssen wir uns aber bewusst sein. Der Artikel von Andreas Schuster in dieser Ausgabe zielt auf dieses wichtige und essentielle Thema: „Die Arzt-Patienten-Beziehung in der hausärztlichen Praxis - Vom Patienten zum Kunden?”

Dass Patienten mit Diabetes mellitus auch andere Erkrankungen aufweisen können, wissen wir. Wir denken an kardiovaskuläre Probleme, diabetische Folgeerkrankungen oder auch degenerative Gelenkerkrankungen. Aber genau so oft müssen wir an seelische Erkrankungen denken. Warum? Depressionen sind bei Diabetikern etwa doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung und stellen ein Hindernis für eine gute Stoffwechseleinstellung dar. Die übersichtliche Arbeit von Norbert Hermanns, Bernhard Kulzer vom Diabetes-Zentrum Bad Mergentheim stellt dies in den Mittelpunkt.

Dass sich Diabetiker mit Mahlzeiten, Kohlehydrateinheiten, Kalorien beschäftigen müssen, steht außer Frage. Dies kann jedoch bei vorbestehenden Essstörungen manchmal zur Lebensbedrohung anwachsen. Allein die Prävalenz von Bulimia nervosa bei Menschen mit Diabetes (etwa 3 bis 6 %) ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Die Mehrzahl davon sind Frauen, welche sich oft bewusst über die Insulinwirkungen oder das Fehlen des Insulins ausagieren, Gewicht reduzieren wollen, Erbrechen induzieren. Dieses Verhalten nennt man Insulin-Purging, es wird von bis zu einem Drittel der Diabetikerinnen angewendet. Diese wichtigsten Essstörungen beleuchtet Kerstin Weidner, Psychosomatikerin aus Dresden.

Eine letzte Arbeit zum Thema: „Haben Patienten mit Diabetes zu viel oder zu wenig Angst?” wurde von Frank Petrak aus Wiesbaden verfasst. Angststörungen können bei Diabetikern natürlich auch unabhängig von der körperlichen Erkrankung auftreten, aber in vielen Fällen auch mit direktem Diabetesbezug einhergehen. Die wichtigsten diabetesbezogenen Ängste beziehen sich auf Folgeerkrankungen und Hypoglykämien. Hier gilt ebenso wie bei allen anderen psychischen und psychosomatischen Erkrankungen: Je früher die Diagnose gestellt ist und je früher eine spezielle Therapie begonnen werden kann, umso besser gelingt es, Chronifizierungen zu vermeiden. Diabetes und Seele, zwei Seiten einer Medaille? Nein, verschiedene Aspekte des ein und desselben Individuums.

„Seelenleiden zu heilen vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit alles”

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Viel Spaß beim Lesen, wir hoffen, Ihr Interesse geweckt zu haben. Für das neue Jahr wünschen wir Ihnen und Ihren Familien persönlich und beruflich Erfolg, Zeit und genug Muße für die wichtigen Dinge im Leben.

Antje Bergmann
Peter E. H. Schwarz