Fortschr Neurol Psychiatr 2008; 76(2): 106-113
DOI: 10.1055/s-2007-996172
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Am Rande sozialpsychiatrischer Versorgungsstrukturen - eine Untersuchung zur „Systemsprengerproblematik” in Mecklenburg-Vorpommern[1]

At the Border of Social Psychiatric Care Systems - A Study of “High Utilizers” in Mecklenburg-VorpommernH.  J.  Freyberger1 , I.  Ulrich1 , S.  Barnow1 , I.  Steinhart2 in Zusammenarbeit mit Torsten Benz, Josef Claassen, Manuela Dudeck, Kathrin Großklaus, Kordula Kleinwort, Guido Krüssel, Frank Lehmann, Annett Peck, Sabine Pyreck, Rüdiger Vogel
  • 1Modellprojekt „Systemsprenger” des Instituts für Sozialpsychiatrie der Universität Greifswald an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
  • 2Modellprojekt „Kommunale Psychiatrie”, Landesverband Psychosozialer Hilfsvereine Mecklenburg-Vorpommern e. V.
Further Information

Publication History

Publication Date:
06 February 2008 (online)

Zusammenfassung

In der sozialpsychiatrischen Forschung ist die sog. „Systemsprengerproblematik”, d. h. der Shift von besonders verhaltensauffälligen bzw. „unangenehmen” Klienten aus dem Versorgungssystem in die Obdachlosigkeit, in die geschlossene Unterbringung oder in andere desintegrierte Bereiche eher vernachlässigt worden. Vor diesem Hintergrund wurde in Mecklenburg-Vorpommern eine systematische Befragung aller klinischen und komplementären Einrichtungen vorgenommen. An der Befragung nahmen 83,5 % der Einrichtungen teil, wobei mit 137 Klienten ein Anteil von 5,21 % als Systemsprenger identifiziert wurde. 59,4 % der Einrichtungen gaben an, in den letzten 12 Monaten Systemsprenger betreut zu haben, wobei diese am häufigsten in therapeutischen Wohngruppen beschrieben werden. Soziodemografisch zeichnen sich die über unsere Befragung „identifizierten” Systemsprenger durch einen geringen Anteil bestehender Partnerschaften und einen hohen Arbeitslosen- bzw. Berentungsgrad aus. Faktorenanalytisch lassen sich bei der Beschreibung der Systemsprengerproblematik 4 Merkmalsgruppen trennen: Faktor 1: Aggressivität, Unangepasstheit und Impulsivität, Faktor 2: Suizidalität, Faktor 3: Delinquenz und Konsum sowie Faktor 4: Manipulation und Belästigung. Legt man hohe Merkmalsausprägungen auf den Faktoren als Indikator für Systemsprengerverhalten zugrunde, lassen sich lediglich 51 Personen dem „harten Kern” der so ermittelten Systemsprenger zuordnen. Für das Bundesland mit 1,7 Mio. Einwohnern ist die Anzahl der so ermittelten Systemsprenger bei konservativer Schätzung mit etwa 61 zu spezifizieren.

Abstract

Research in social psychiatry has partly neglected the problem of comparatively disturbed persons, who are characterized by a shift from the regular social psychiatric care system into homelessness, closed psychiatric treatment or other desintegrated areas. Against this background in Mecklenburg-Vorpommern, an evaluation of all clinical and complementary institutions engaged in psychiatry was realized. 83.5 % of the institutions took part in the study and 137 (5.21 %) persons were identified as critical. 59.4 % of the institutions, especially therapeutic living groups, remarked that they had treated critical persons during the last year. Sociodemographically, the critical persons could be characterized by comparatively limited interpersonal relationships und a high unemployed status. A factor analysis has resulted in 4 factors characterizing the problematical behaviour: (i) aggression, low social adjustment and impulsivity; (ii) suicidal behaviour; (iii) delinquency and substance use; (iv) manipulative behaviour and pestering. Defining a comparatively high of disturbed behaviour, 51 persons could be identified.

1 Diese Untersuchung wird als Modellprojekt „Systemsprenger” des Instituts für Sozialpsychiatrie der Universität Greifswald seit dem 01.10.2002 aus Mitteln des Sozialministeriums des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert.

Literatur

1 Diese Untersuchung wird als Modellprojekt „Systemsprenger” des Instituts für Sozialpsychiatrie der Universität Greifswald seit dem 01.10.2002 aus Mitteln des Sozialministeriums des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert.

Prof. Dr. Harald J. Freyberger

Institut für Sozialpsychiatrie des Landes M-V an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald

Ellernholtzstr. 1 - 2

17487 Greifswald

Email: freyberg@uni-greifswald.de