Handchir Mikrochir plast Chir 2007; 39(5): 373-374
DOI: 10.1055/s-2007-989204
Erwiderung

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Erwiderung auf den Leserbrief von J. von Finckenstein et al. zur Arbeit von G. Maio: Ist die ästhetische Chirurgie überhaupt noch Medizin? Eine ethische Kritik

Handchir Mikrochir Plast Chir 2007; 39: 369 - 370Reply to the Letter of J. von Finckenstein et al. on the Article of G. Maio: Is Aesthetic Surgery Still Really Medicine? An Ethical CritiqueHandchir Mikrochir Plast Chir 2007; 39: 369 - 370U. Schmidt-Tintemann
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eingereicht 18.9.2007

akzeptiert 23.9.2007

Publication Date:
05 November 2007 (online)

Ich danke der Zeitschrift Handchirurgie, Mikrochirurgie, Plastische Chirurgie, dass sie den Text von Dr. J. von Finckenstein et al., trotz der im wissenschaftlichen Disput unüblichen Form, veröffentlicht. Er zeigt die von mir kritisierte negative Entwicklung drastischer, als ich sie darstellen konnte. Und er bestätigt, dass ich den neuralgischen Punkt getroffen habe.

Von Finckenstein und seine Mitunterzeichner belegen und verteidigen den von mir kritisierten Wandel eines Teils der plastisch-chirurgischen Praxis zum schönheitschirurgischen Kundendienst. Dabei vergleichen sie chirurgische Eingriffe mit dem Gebrauch von Schminke und hübschen Kleidern und unterschlagen damit die begrenzte Reversibilität und das unvergleichbare Risiko eines jeden derartigen Eingriffs.

Ich frage mich, warum die Verfasser mein Plädoyer für die wirklichen Interessen unserer Patienten und das Anliegen der Plastischen Chirurgie so in Rage bringt, dass sie zynische Zitate erfinden und mir unterstellen (man habe früher schließlich auch schiefe Zähne als natürlich empfunden), dass sie unzulässige Zusammenhänge fabrizieren, niederträchtige Äußerungen von Dritten in meine Nähe rücken und mir jede Erfahrung in Chirurgie und Plastischer Chirurgie absprechen: „So viel Ahnung von Chirurgen wie ein Blinder von der Farbe“ (von Finckenstein).

Was ist eigentlich für Herrn von Finckenstein so unerträglich an meiner Forderung, dass Plastische Chirurgie nur von gut ausgebildeten Plastischen Chirurgen ausgeführt werden sollte, um Patienten vor Schaden zu bewahren? Was so ungeheuerlich an meiner Forderung nach einer korrekten Indikationsstellung, um überflüssige, sinnlose oder nicht nur im Verhältnis zum Ergebnis riskante Eingriffe zu vermeiden? Und was schließlich ist denn so empörend daran, dass Giovanni Maio es wagt, an ethische Maßstäbe zu erinnern, die seit Jahrhunderten ärztliche Prinzipien bestimmen? Von Finckenstein meint: „Maßstäbe der Ethiker und Moralisten haben da (nämlich in der so genannten Schönheitschirurgie, d. V.) nichts zu suchen.“

Der Schlüsselbegriff meines Beitrags zu Giovanni Maio, der Herrn von Finckenstein um seine Kontenance bringt, ist eine verantwortliche Indikationsstellung, die operative Eingriffe ärztlich legitimiert und auch Risiken (ja, auch die des Misslingens) als redlicher Anwalt des Patienten abzuwägen hat. Der Chirurg K. H. Bauer: „Ein guter Techniker kann ein hervorragender Chirurg sein. Die Indikationsstellung aber macht ihn erst zum Arzt.“ Bei Herrn von Finckenstein kommt der Begriff Indikation kein einziges Mal vor. Stattdessen werden Operationen als Dienstleistungen für mündige Kunden propagiert. Für Kunden, deren Wünsche aber nicht nur den übermächtigen Zwängen der Mode, des Zeitgeistes und nicht zuletzt auch der Reklame von Operationsanbietern in sämtlichen Medien wehrlos ausgesetzt sind. Ich habe nichts dagegen, dass sich mit der so genannten Schönheitschirurgie Geld verdienen lässt. Wenn diese spezielle Chirurgie aber die ärztliche Indikation, also die Frage, ob eine Operation sinnvoll, notwendig oder zu riskant ist, dem Wunsch des Kunden unterordnet und dem Interesse des Operateurs, dann allerdings finde ich, sollten sich operierende Dienstleister nicht auch noch auf einen ärztlichen Status berufen.

Ich hätte gedacht, dass mir Herr von Finckenstein dabei zustimmen würde.

Zwischen 1998 und 2002 kam es bei knapp 200 000 Fettabsaugungen zu 67 lebensbedrohlichen Infektionen, Lungenembolien oder durchstochenen Organen und zu 19 Todesfällen [[1]]. Wir alle kennen den Katalog von unerwünschten Folgen, unbeabsichtigten Nebenwirkungen und gesundheitlichen Schäden, den Patienten bevor sie sich einem Eingriff unterziehen, per Unterschrift akzeptieren müssen. Er ist zwar von einem neuen Juristizismus in der Medizin erzwungen, aber dennoch alles andere als ein bloßes Hirngespinst.

2001 wurden in Deutschland schätzungsweise 400 000 Eingriffe unter dem Marketingbegriff Schönheitschirurgie durchgeführt. Zwei Jahre später wurde diese Zahl bereits auf über eine Million geschätzt.

Man muss kein Hellseher sein, um zu vermuten, dass sich darunter auch nicht indizierte oder sogar kontraindizierte Eingriffe verbergen.

Herr von Finckenstein beantwortet das mit der Beteuerung, dass doch schließlich, „… eine Mehrzahl der OPs gut geht“. Offenbar merkt er gar nicht, wie verräterisch so ein Argument ist. Denn es geht, wohlgemerkt, nicht immer um unvermeidliche Operationen, bei denen Patient und Chirurg Risiken in Kauf nehmen müssen, sondern auch um Eingriffe, die man bleiben lassen kann.

Schließlich wirft mir Herr von Finckenstein vor, „polemisch alle Kollegen über einen Kamm zu scheren“. Das Gegenteil ist der Fall. In meinem Kommentar, der ihn so empört, heißt es nämlich: „Die Zahl der Plastischen Chirurgen, die sich nicht dem Zeitgeist unterwerfen, die sich der Vereinnahmung durch den Schönheitsmarkt entschieden verweigern, die Widerstand leisten und im Interesse ihrer Patienten Ärzte bleiben, lässt hoffen.“

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Hans-Ulrich Steinau, hat mir in diesem Jahr zur 124. Tagung Gelegenheit für ein Referat mit dem Titel „Plastische Chirurgie - zwischen Therapie und Tiraden“ gegeben. Dieses Referat war eine einzige Würdigung der ärztlichen und chirurgischen Leistungen meiner Kollegen.

Literatur

Prof. Dr. med. Ursula Schmidt-Tintemann

Möschenfelder Straße 66

85591 Vaterstetten