Aktuelle Neurologie 2007; 34 - P759
DOI: 10.1055/s-2007-988028

Intraoperative direkt kortikale und transkranielle elektrische Stimulation zur Evozierung motorischer Potentiale: Kombinierte Anwendung bei supratentoriellen neurochirurgischen Eingriffen

A Szelényi 1, V Seifert 1
  • 1Frankfurt

Die Aktivierung kortikaler Pyramidenzellen durch transkranielle elektrische Stimulation (TES) zur Evozierung Motorischer Potentiale (MEPs) ist stimulationsintensitätsabhängig. Bei hohen Intensitäten (1500V) wurde eine Aktivierung des kortikospinalen Trakts (KST) in Höhe des Hirnstamms beschrieben. Es können falsch positive MEPs abgeleitet werden: trotz MEPs entwickelt sich ein motorisches Defizit (MD). Die direkt kortikale Stimulation (DCS) ermöglicht eine „kortikalere“ i.e. im Übergang grau/weisse Substanz Aktivierung kortikospinaler Neurone. TES- und DCS-MEPs wurden bzgl. gleichsinniger Veränderungen und postoperativer MD zur Beurteilung von TES-MEPs bei supratentoriellen Eingriffen analysiert.

MEPs wurden mit einem anodalen Train-of-5 Pulsen (0,5ms Einzelpulsbreite, Interstimulusintervall 4ms, Konstantstrom <220mA (TES; Positionen an C4, C2, Cz, C3, C1 und Cz/6cm) bzw. <25mA (DCS; 4-Kontaktstreifenelektrode)) evoziert. MEPs wurden bds. vom Abd. poll. brevis und Tib. ant. und kontralateraler Muskeln je nach Prozesslokalisation abgeleitet. Analysiert wurden temporäre bzw. permanente Veränderungen: >50% Amplitudenverlust, Stimulationsintensitätsanstiege (>15% DCS, >30% TES) und postoperative MD (transient, >7 Tage=permanent).

Ergebnisse: MEPs von 196 Pat. (97w, 99m, 48±15 Jahre; 170 intrazerebrale Tumoren, 26 Aneurysmen) wurden analysiert. 177/196 (90%) der Patienten hatten unveränderte MEPs, davon erlitten 3% ein permanentes MD. 19/196 (10%) boten MEP-Veränderungen: 11 traten nach DCS; 1 nach TES und 7 nach TES & DCS auf. Permanente MEP-Verluste waren immer von permanenten MD gefolgt (alle DCS-MEPs 5/18 (28%); DCS & TES MEPs 4/7 (57%)). Der positive prädiktive Wert für permanente MD war 80% (DCS-MEPs) bzw. 100% (TES MEPs). Die Sensitivität von DCS-MEPs war 0,4, die Spezifität 0,96; die Sensitivität der TES MEPs 0,2, die Spezifität 0,98.

Schlussfolgerung: TES-und DCS-MEPs sind für eine verlässliche intraoperative Überwachung motorischer Funktion geeignet. Permanente parallele TES- und DCS-MEP Verluste bedingen immer permanente MD. MEP-Änderungen führen zur Adaptation des chirurgischen Vorgehens, um MD zu verhindern, dies erklärt die relativ geringe Sensitivität. Erstaunlich ist die fehlende Diskrepanz von erloschenen DCS-MEPs bei vorhandenen TES-MEPs. Dies kann mit der fokalen und schwellennahen Anwendung der TES, die eine KTS-Aktivierung am Hirnstamm unwahrscheinlich macht, oder der kleinen Fallzahl von MEP Veränderungen erklärt werden.