Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2007; 42(7/08): 494-499
DOI: 10.1055/s-2007-985499
Fachwissen
Notfallmedizin
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Der intraossäre Zugang. Eine wichtige Alternative im Notfall

Role of intraosseous access in emergencyLuc Aniset, Jürgen Meinhardt, Harald Genzwürker
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Publication Date:
30 July 2007 (online)

Zusammenfassung

Als Alternative zur Medikamentenapplikation bietet der intraossäre Zugang eine wichtige Option, die in der Notfallmedizin dem intravenösen Zugang im Hinblick auf erreichte Wirkspiegel der applizierten Medikamente, Sicherheit und Schnelligkeit der Anwendung und Rate von Komplikationen vergleichbar ist. Diese Erkenntnisse spiegeln sich auch in den aktuellen Empfehlungen zur kardiopulmonalen Reanimation wieder, bei der als Alternative zum periphervenösen Zugang der intraossäre Zugangsweg für Medikamente auch beim Erwachsenen empfohlen und die endotracheale Route nur noch als Notbehelf eingestuft wird. Der notfallmedizinisch Tätige sollte entsprechende Kenntnisse über sichere Techniken zur Anlage eines intraossären Zugangs erlernen. Die Ausstattung von Rettungsmitteln mit geeigneten Systemen für Kinder und Erwachsene sollte Standard sein.

Absract

As alternative for drug administration, the intraosseous access is an important option in emergency medicine. Plasma concentrations of drugs, safety and rapidity as well as rate of complications are comparable to the intravenous access. These findings are reflected in the recent resuscitation guidelines, which recommend intraosseous access as an alternative to intravenous access both in children and adults, considering the tracheal route as backup only if the other two options fail.

Rescuers should learn safe techniques of establishing an intraosseous access. Equipment of rescue vehicles with adequate devices for children and adults should be considered standard.

Kernaussagen

  • In Notfallsituationen lässt sich nicht immer schnell und sicher ein periphervenöser Zugang legen. Wenn Umgebungsfaktoren oder patientenspezifische Aspekte eine Venenpunktion scheitern lassen, ist die intraossäre Injektion die Alternative der Wahl.

  • Das Knochenmark ist sehr gut durchblutet, und so lässt sich die intraossäre Injektion mit der intravenösen vergleichen. Studien belegen: Der intraossäre Zugang ist eine sichere Option für Infusions- und Medikamententherapie sowie für Blutentnahmen.

  • Bevorzugt wird an der Tibia intraossär punktiert. Alternative Punktionsorte sind der distale Femur, der mediale Malleolus, der Humerus und die Spina illiaca anterior superior. Die Punktion des Sternums spielt in Notfallsituationen keine Rolle.

  • Idealerweise wird unter aseptischen Kautelen punktiert um eine Keimverschleppung zu vermeiden. Trotzdem sollte die Punktion im Notfall rasch erfolgen.

  • Kontraindikationen für die intraossäre Punktion sind Osteogenesis imperfecta, lokale Infekte, Fraktur und Vorpunktionen am zu punktierenden Knochen.

  • Über den intraossären Zugang lassen sich alle im Notfall gebräuchlichen Substanzen und alle gängigen Infusionslösungen und Blutprodukte (23) applizieren. Im Tierversuch wirkten Vasopressoren, Antiarrhythmika und Infusionslösungen über den intraossären Zugang so schnell wie bei der peripher- oder zentralvenösen Applikation. Zur intraossären Applikation von Thrombolytika liegen bisher keine Daten vor.

  • Komplikationen sind selten. Zu ihnen zählen die Fehllage der Nadel, Frakturen, Kompartmentsyndrom, Osteomyelitis und Embolien.

  • Von den auf dem Markt angebotenen Punktionssystemen eignet sich nur eines zur sternalen Punktion. Mit geringen Unterschieden zwischen den einzelnen Systemen wiesen Untersuchungen für alle Produkte eine hohe Erfolgsrate bei geringem Zeit- und Trainingsaufwand nach.

  • Nachteile aller intraossären Produkte sind die Kanülendurchmesser, welche kleiner als bei großlumigen periphervenösen Zugängen sind, und die Abhängigkeit von der Vaskularisation des Knochenmarks. Bei aggressiver Volumentherapie im Schock kann die Kapazitätsgrenze intraossärer Kanülen erreicht werden.

  • Als wichtige Alternative sollte der intraossäre Zugang für Notfälle mit Patienten aller Alterstufen standardmäßig vorgehalten werden. Das Training der Punktionstechnik sollte Bestandteil der Ausbildung von Fachpersonal sein.

Literatur Genzwürker

Luc Aniset

PD Dr. med. Jürgen Meinhardt

Dr. med. Harald Genzwürker