Klinische Neurophysiologie 2007; 38(2): 95-96
DOI: 10.1055/s-2007-981684
Vorwort

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Methodenfortschritte in der neurologischen Funktionsdiagnostik

Functional Diagnostic in Neurology: New Methodological DevelopmentsH. Hinrichs 1 , D. Claus 2
  • 1Klinik für Neurologie II, Universitätsklinikum Magdeburg
  • 2Neurologische Klinik, Klinikum Darmstadt
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Publication Date:
23 July 2007 (online)

Die vorliegende Ausgabe der klinischen Neurophysiologie widmet sich thematisch neuen Anwendungen bzw. Weiterentwicklungen neurophysiologischer Methoden. Dabei ist hier unter „Methoden” im wesentlichen das von der DGKN vertretene Spektrum klassischer elektrophysiologischer Verfahren zu verstehen, das unverändert zum Alltag der neurophysiologischen Praxis gehört.

Oft sind es Details, die an sich bekannte neurophysiologische Verfahren zu sensitiveren bzw. diagnostisch sichereren Aussagen befähigen. So zeigen Bischoff und Schulte Mattler, wie der Nachweis des Axonreflex (A-Welle), der im Kontext einer F-Wellen-Untersuchung gleichsam als Nebenergebnis abfällt, die Diagnose generalisierter Neuropathien verbessern kann. Ferner erläutern beide Autoren am Beispiel fokaler Nervenläsionen, dass für deren Diagnose oftmals die Bewertung durch intraindividuellen Vergleich mit nicht betroffenen Nervenabschnitten einer Bewertung mittels Normwerttabellen überlegen ist.

Galazky und Mitarbeiter hingegen widmen sich neuen elektrophysiologischen Methoden zur Beurteilung der Ätiologie neuropathischer Prozesse. Darunter sind Parameter wie die „Unit Number Estimation (MUNE)” und die „Latent Addition” zu nennen. Sie gestatten - ohne die Notwendigkeit neuer Geräte - bereits im frühen Erkrankungsstadium den sensiblen Nachweis pathologischer Veränderungen am Nerven sowie die unabhängige Beurteilung axonaler Schädigung und kollateraler Aussprossung.

Qualitätssicherung und standardisierte Untersuchungsprotokolle erlangen zunehmende Bedeutung auch in der neurophysiologischen Ambulanz. Vor diesem Hintergrund skizzieren Buchner und Mitarbeiter mögliche Fehlerquellen und deren Vermeidung bei der Erhebung evozierter Potentiale. Ergänzend haben Sie eine Liste klassischer Indikationen für dieses Untersuchungsverfahren zusammengestellt. Schließlich zeigen sie anhand neuer klinischer Anwendungen, welches Potential dieses Verfahren unverändert hat, wenn man die technischen Ableitparameter erweitert (z. B. hochfrequente Oszillationen) oder komplexere Untersuchungs- und Auswerteverfahren anwendet.

Dass selbst nach jahrzehntelanger Etablierung von Routineverfahren wiederum Details zu einer erweiterten Aussagekraft führen können zeigen Franke et al. in ihrem Beitrag zur Verwendung einer nonzephalen Referenzelektrode in der Elektroenzephalographie. Speziell im Kontext der Epilepsiediagnostik gestattet diese Variante eine prägnantere Charakterisierung der topografischen Orientierung des elektrischen Feldes und kann dadurch zur Differenzierung von Spikes mesiobasalen, latero-temporalen und extratemporalen Ursprungs beitragen.

Auch ohne sprunghafte Entwicklungsschritte entwickelt sich die Polysomnografie kontinuierlich weiter. Penzel und Fietze geben einen kompakten Überblick über den Stand der Technik. Daraus ist zu entnehmen, auf welche Weise heutzutage computerbasierte flexible Signaldarstellung samt Reporterstellung möglich sind, wobei die existierenden Empfehlungen mittlerweile über das klassische Regelwerk von Rechtschaffen und Kales hinausgehen. Dennoch steht ein allseits akzeptierter Standard für eine automatische Schlafstadienklassifikation aus.

Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) führt abhängig von der Stromflussrichtung (anodal versus kathodal) zu einer Erhöhung oder Absenkung der kortikalen Erregbarkeit. Nachdem die zugrundeliegenden physiologischen Mechanismen weitgehend verstanden sind, steht das Verfahren nun an der Schwelle klinischer Nutzung. Liebetanz und Mitarbeiter geben einen Überblick über die tDCS-Methodik und erläutern die physiologischen Mechanismen einschließlich ihrer Ähnlichkeit mit neuroplastischen Effekten. Schließlich skizzieren die Autoren mögliche klinische Indikationen, darunter die Therapie chronischer Schmerzen mittels anodaler tDCS oder der Einsatz der kathodalen tDCS bei pharmakoresistenten fokalen Epilepsien.

Neben der Weiterentwicklung von Methoden kann auch die Kombination mehrerer Verfahren zu neuen diagnostischen Möglichkeiten führen. Ein Beispiel ist die kombinierte EEG-Doppler-Methode zur Beurteilung der neurovaskulären Kopplung. Dabei wird die unter repetitiver, z.B. visueller, Stimulation mittels Doppler-Sonographie gemessene Änderung der regionalen Hirndurchblutung mit Kenngrößen des entsprechenden evozierten Potentials korreliert. Der Beitrag von Rosengarten und Kaps beschreibt methodische Grundlagen dieses multimodalen Ansatzes . Erste praktische Erfahrungen werden am Beispiel der Differentialdiagnose von M. Alzheimer versus vaskuläre Demenz illustriert.

Als CME-Artikel führen von Rohden und Kollegen in die Technik der Myosonografie ein. Obgleich bislang nur wenig gebräuchlich, eignet sich dieses bildgebende Verfahren zur frühen Erkennung, Differentialdiagnose und Verlaufsbeobachtung von Muskelerkrankungen bei Erwachsenen und Kindern. Nach den Erfahrungen der Autoren ist die Myosonografie dem derzeitigen Gold-Standard MRT an Aussagekraft ebenbürtig, ohne auf eine vergleichbar aufwendige Gerätetechnik angewiesen zu sein. Entsprechend der CME-Standardstruktur umreißt der Artikel medizinischen und technischen Grundlagen des Verfahrens, führt in die Untersuchungstechnik ein, nennt wesentliche Indikationen und grenzt den Stellenwert gegenüber diagnostischen Alternativen ab.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. -Ing H. Hinrichs

Klinik für Neurologie II

Universitätsklinikum

Magdeburg

Leipziger Straße 44

39120 Magdeburg

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