Klinische Neurophysiologie 2007; 38(2): 155-156
DOI: 10.1055/s-2007-980182
Nachruf

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Nachruf auf Prof. Dr. Rudolf Max Hess aus Zürich

Orbituary: Professor Rudolf Max Hess, ZurichBernhard Neundörfer
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Publication Date:
18 March 2008 (online)

Am 10.03.2007 ist Prof. Dr. emerit. Rudolf Max Hess, ehemaliger Direktor des EEG-Instituts am Kantonsspital in Zürich, im Alter von 93 Jahren verstorben. Damit hat uns einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der klinischen Elektroenzephalographie für immer verlassen.

R.M. Hess wurde am 04.09.1913 als Sohn des berühmten Physiologen W.R. Hess, der 1949 den Nobelpreis für die Beschreibung der Funktion des Dienzephalons, insbesondere in Bezug auf die Schlafregulation erhalten hatte, in Zürich geboren. Nach dem Studium der Humanmedizin in Lausanne, Zürich und Kiel erfuhr er zunächst eine Weiterbildung in Physiologie (1938 und 1939), Innerer Medizin (1940-1942) sowie in Psychiatrie (1942-1945). Er promovierte über die Lokalisation des Atemzentrums in der Medulla oblongata bei seinem Vater während seiner Tätigkeit am Züricher Physiologischen Institut.

1945 trat er dann eine Stelle als Assistenzarzt an der Neurochirurgischen Klinik des Kantonspitals Zürich unter Prof. H. Krayenbühl an, der ihn auf die damals noch in der Entwicklung befindliche Methode des klinischen EEGs ansetzte. Er erhielt eine entsprechende Ausbildung am National Hospital for Nervous Diseases, Queen Square in London durch E.A. Carmichael und W.A. Cobb, sowie bei G. Walter in Bristol. 1948 übernahm er die Leitung der EEG-Abteilung am Kantonsspital in Zürich, die zunächst der Neurochirurgischen Klinik und ab 1954 der Neurologischen Klinik zugeordnet war. 1953/1954 hospitierte er ein halbes Jahr in bedeutsamen EEG-Abteilungen in den USA und vor allem für mehrere Monate am Montreal Neurological Institute unter H. Jasper. Dort konnte er neben experimentellen Studien Erfahrungen in der Lokalisationsdiagnostik epileptischer Phänomene zur Vorbereitung epilepsie-chirurgischer Eingriffe bei therapieresistenten fokalen epileptischen Anfällen sammeln. 1958 habilitierte er sich mit Studien zur Bedeutung des EEGs für die Hirntumordiagnostik, die in dieser Zeit, in der noch keine der modernen bildgebenden Verfahren wie CT oder NMR zur Verfügung standen, wichtige Hinweise zur Lokalisationsdiagnostik dieser Prozesse erbrachten. 1972 wurde die EEG-Abteilung ein unabhängiges Institut für Elektroenzephalographie. 1978 wurde Prof. Hess ein persönliches Ordinariat verliehen.

R.M. Hess war einer der Pioniere des klinischen EEGs im deutschsprachigen Raum, der seine Forschungsergebnisse in ca. 110 wissenschaftlichen Arbeiten niedergelegt hat. In seiner bescheidenen Art publizierte er nur dann, wenn seine Ergebnisse neu und wissenschaftlich gut belegt waren. Bezeichnend für seine Denkweise war, dass er - obwohl Jasper ihn dazu drängte - die Ergebnisse seiner experimentellen Studien in Montreal nie veröffentlicht hat, weil er der Auffassung war, dass sie wissenschaftlich nicht gut genug fundiert waren.

Prof. Hess war für alle Weiterentwicklungen des EEGs aufgeschlossen und in vorderster Linie daran beteiligt: Methoden der Frequenzanalyse, Schlaf-EEG, Elektrokortikographie und Stereoelektroenzephalographie. Neben den schon erwähnten Studien zur EEG-Diagnostik von Hirntumoren haben er und seine Mitarbeiter v. a. auch wesentliche Beiträge zur Bedeutung des EEGs für die Diagnose epileptischer Anfälle und epileptischer Syndrome erbracht (z. B. EEG bei BNS-Krämpfen, EEG bei der rolandischen Epilepsie, EEG bei Epilepsie und Kopfschmerzen, Schlaf und Epilepsie).

Während ich nach einer Ausbildung in klinischer Elektroenzephalographie 1964 in der Neurologischen Universitätsklinik in Freiburg unter R. Jung noch der Meinung war, man käme in der Regel in der EEG-Diagnostik mit einer 8-kanäligen Ableitung zurecht, lernte ich während einer mehrmonatigen Hospitierung in der Neurologischen Universitätsklinik in Zürich mit halbtägiger Tätigkeit an der EEG-Abteilung unter R.M. Hess die Vorzüge 12-, 16- und mehrkanäliger Ableitungen zur Lokalisationsdiagnostik v. a. epileptischer Aktivität kennen und schätzen.

R.M. Hess war ein hervorragender Lehrer, von dem viele herausragende EEGisten und Professoren in Neurologie profitiert haben, wie u. a. C.H. Bernoulli und H.G. Wieser in Zürich, K. Karbowski in Bern, A. Matthes in Kork, H. Lechner in Graz und G. Bauer in Innsbruck. Prof. Hess bestach durch seine immer außerordentlich freundliche, in der Sache jedoch unmissverständlichen und korrekten Art. Für mich wurden diese Züricher Monate entscheidend mitbestimmend für meinen weiteren Werdegang in der Klinischen Neurophysiologie und Neurologie.

R.M. Hess erhielt im Laufe seines wissenschaftlichen Lebens zahlreiche Ehrungen und hatte viele Ehrenämter inne, die aufzuzählen den Rahmen dieses kurzen Nachrufs sprengen würden. Hervorzuheben sind aber v. a. die Überreichung des Hans Berger Preises der Deutschen EEG-Gesellschaft im Jahre 1962, sowie die Ehrenmitgliedschaften der Deutschen, Schweizerischen und Französischen EEG-Gesellschaften. Alle seine Schüler, denen ich mich auch im weiteren Sinne zuordnen möchte, werden zusammen mit allen, die sich der klinischen Elektroenzephalographie verpflichtet fühlen, ein ehrendes Andenken bewahren.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Bernhard Neundörfer

Platenstraße 56

91054 Erlangen

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