Laryngorhinootologie 2007; 86(12): 867-874
DOI: 10.1055/s-2007-966843
Originalien

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Bedeutung psychosozialer Faktoren bei der Stimmrehabilitation nach Laryngektomie

Relevance of Psychosocial Factors in Speech Rehabilitation after LaryngectomyS.  Singer1 , M.  Fuchs2 , A.  Dietz2 , E.  Klemm3 , U.  Kienast4 , A.  Meyer1 , J.  Oeken5 , R.  Täschner2 , C.  Wulke6 , R.  Schwarz1
  • 1Abt. Sozialmedizin, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin, Universität Leipzig (Prof. Schwarz)
  • 2Universitätsklinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde mit Abteilung für Stimm-, Sprach- und Hörstörungen, Universitätsklinikum Leipzig AöR (Prof. Dietz)
  • 3Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt (Prof. Klemm)
  • 4Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Krankenhaus Martha-Maria, Halle-Dölau (Dr. Neumann)
  • 5Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Klinikum Chemnitz (Prof. Oeken)
  • 6Universitätsklinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde/Kopf- und Halschirurgie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (PD Dr. Neumann)
Further Information

Publication History

eingereicht 26. Januar 2007

akzeptiert 4. Juli 2007

Publication Date:
23 August 2007 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Häufig wird vermutet, dass psychosoziale bzw. soziodemografische Faktoren für das Ge- bzw. Misslingen der stimmlichen Rehabilitation nach Laryngektomien mit verantwortlich sind. Ziel dieser Studie war, diese Zusammenhänge empirisch zu überprüfen.Methode und Patienten: Ausgehend von Klinikdokumentationen und Tumorregistern von 6 HNO-Kliniken wurden 190 Patienten untersucht, die in den vergangenen Jahren laryngektomiert worden waren. Die Sprachverständlichkeit wurde mit dem Postlaryngektomie-Telefonverständlichkeitstest gemessen. Die Erhebung der psychosozialen Variablen erfolgte anhand validierter, standardisierter Instrumente. Mittels multipler logistischer Regression wurde der Einfluss der jeweiligen Parameter ermittelt.Ergebnisse: Die Sprachverständlichkeit hängt mit der Häufigkeit von Gesprächen (OR 0,970) und der sozialen Aktivität (OR 1,049) zusammen. Die Verwendung einer Ruktusstimme ist mit einem hohen Antrieb zum Sprechenlernen assoziiert (OR 7,835) und damit, ob der Patient die individuelle Verfahrensweise des Logopäden als ansprechend und wichtig für seine Motivation ansieht (OR 4,794). Das Risiko, sich überwiegend flüsternd zu verständigen, ist erhöht bei Patienten, die in einer festen Partnerschaft leben (OR 5,293), die sich selten an Gesprächen beteiligen (OR 1,017) und die im außerhäuslichen Bereich wenig sozial aktiv sind (OR 0,966).Schlussfolgerungen: Psychosoziale Faktoren können nur zum Teil erklären, warum die stimmliche Rehabilitation nach Laryngektomie ge- oder misslingt. Dabei ist die Sprachverständlichkeit vor allem mit aktivem Kommunikationsverhalten gekoppelt. Motivationale Faktoren hängen mit der Verwendungshäufigkeit der Ruktusstimme zusammen. Das Erlernen einer Prothesenstimme ist dagegen mit motivationalen und anderen psychosozialen Einflussgrößen kaum assoziiert.

Abstract

Background: Often it is assumed that psychosocial and sociodemographic factors cause the success of voice rehabilitation after laryngectomy. Aim of this study was to analyze the association between these parameters.Methods: Based on tumor registries of six ENT-clinics all patients were surveyed, who were laryngectomized in the years before (N = 190). Success of voice rehabilitation has been assessed as speech intelligibility measured with the postlaryngectomy-telephone-intelligibility-test. For the assessment of the psychosocial parameters validated and standardized instruments were used if possible. Statistical analysis was done by multiple logistic regression analysis.Results: Low speech intelligibility is associated with reduced conversations (OR 0.970) and social activity (OR 1.049). Patients are more likely to talk with esophageal voice when their motivation for learning the new voice was hight (OR 7.835) and when they assessed their speech therapist as important for their motivation (OR 4.794). The risk to communicate merely by whispering is higher when patients live together with a partner (OR 5.293), when they talk seldomly (OR 1.017) and when they are not very active in social contexts (OR 0.966).Conclusions: Psychosocial factors can only partly explain how voice rehabilitation after laryngecomty becomes a success. Speech intelligibility is associated with active communication behaviour, whereas the use of an esophageal voice is correlated with motivation. It seems that the gaining of tracheoesophageal puncture voice is independent of psychosocial factors.

Literatur

1 „Es kann gut sein, dass Unterschiede in Behandlungsmodalitäten eher beeinflusst sind von kulturellen Gegebenheiten … als von Forschung und objektiven Daten.” (Perry 1997, 6).

2 Wir möchten uns bei allen bedanken, die zum Gelingen der Studie entscheidend beigetragen haben: bei den Laryngektomierten für ihre Bereitschaft, sich von uns befragen und testen zu lassen; bei den Interviewern Helge Danker, Carina Ehrensperger, Sabine Fleischmann, Esther Herrmann, Susanne Klötzner, Sonja Schmidt und Dorit Wollbrück; beim Tumorzentrum Leipzig, insbesondere bei Dipl.-Math. F. Gruber. Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert (Förderkennzeichen 7DZAIQTX).

Dr. Dipl.-Psych. Susanne Singer

Universität Leipzig

Selbst. Abteilung Sozialmedizin

Riemannstraße 32

04107 Leipzig

Email: [email protected]