Handchir Mikrochir plast Chir 2007; 39(5): 371-372
DOI: 10.1055/s-2007-965821
Leserbrief

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Leserbrief zur Arbeit von G. Maio: Ist die ästhetische Chirurgie überhaupt noch Medizin? Eine ethische Kritik

Handchir Mikrochir Plast Chir 2007; 39: 189 - 194Letter to the Article of G. Maio: Is Aesthetic Surgery Still Really Medicine? An Ethical CritiqueHandchir Mikrochir Plast Chir 2007; 39: 189 - 194M. Markowicz1 , N. Pallua1
  • 1Klinik für Plastische, Hand- und Verbrennungschirurgie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Further Information

Publication History

eingereicht 24.9.2007

akzeptiert 11.10.2007

Publication Date:
05 November 2007 (online)

Einleitend ist zu erwähnen, dass der ausschlaggebende Grund zur Abfassung des Artikels „Ist die ästhetische Chirurgie überhaupt noch Medizin? Eine ethische Kritik“ von Prof. Dr. med. G. Maio das Öffentliche Forum am 1. 10. 2006 im Rahmen des DGPRÄC-Jahreskongresses in Aachen mit dem Thema „Der Mensch im technologischen Wandel der Medizin - wieviel Anspruch auf Schönheit hat der Mensch?“ war.

Neben den grundlegenden Erläuterungen zum „Öffentlichen Forum“ während des DGPRÄC-Jahreskongresses 2006 möchten die Autoren zum Artikel von Prof. Maio Stellung nehmen.

Der Artikel „Ist die ästhetische Chirurgie überhaupt noch Medizin? Eine ethische Kritik“ von Prof. Dr. med. G. Maio beleuchtet die Facetten der ästhetischen Chirurgie aus der Sichtweise eines kritisch ablehnenden Betrachters. Sicherlich stellt er hierbei Thesen auf, die keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben.

War es nicht Aristoteles, der mit seiner Thesen-Antithesen-Theorie eine fruchtbare Diskussion zu philosophischen Fragestellungen einleitete?

Genau dieser aristotelische Gedanke lag den Organisatoren des „Öffentlichen Forums“, Prof. Pallua und Dr. Grandel, bei dem DGPRÄC-Jahreskongress 2006 vor Augen.

Die von Prof. Maio in seinem einleitenden Referat gegebenen provokanten Thesen zur ästhetischen Medizin konnten von den Vertretern der Bundespolitik (Bundesministerin für Gesundheit, Frau U. Schmidt), der Bundesärztekammer (Präsident der Bundesärztekammer, Prof. J.-D. Hoppe), sowie von den Vertretern mehrerer chirurgischer Fachdisziplinen (Präsidentin der DGPRÄC und Generalsekretärin der International Confederation of Plastic, Reconstructive and Aesthetic Surgery, Dr. med. Marita Eisenmann-Klein, Präsident der DGCH, Prof. H.-U. Steinau, Präsident der VDÄPC, Prof. A.-M. Feller, sowie seiner Vorgängerin, Frau Dr. C. Neuhann-Lorenz) diskutiert werden.

In der von Herrn Markus Lanz (RTL) sehr professionell geleiteten Diskussion wurde zunächst der Standpunkt der einzelnen Forumteilnehmer herausgestellt und sodann unter Einbeziehung des Plenums debattiert.

Summa summarum war die Außenwirkung hervorragend. Wir als Plastische Chirurgen konnten zeigen, dass wir uns kritisch dem Themenkomplex ästhetische Chirurgie stellen und uns nicht, dem Diktat des Geldes gehorchend, zu Handlangern von Patientenwünschen deklassieren.

Die Wahl eines die ästhetische Chirurgie nicht lobpreisenden Redners unterstrich die Intention, dass es nicht die Aufgabe einer akademischen Fachgesellschaft ist, unkritisch die Werbetrommel für bestimmte Interessengemeinschaften zu rühren. Vielmehr müssen die Gründe für die Durchführung solcher Operationen kritisch erläutert werden, um letztendlich einen Benefit für den Patienten und für die Glaubwürdigkeit unseres Handelns in der Außendarstellung zu erreichen.

Im Folgenden werden die Autoren auf einige wichtige Teilaspekte des Artikels von Prof. Maio eingehen (Handchir Mikrochir Plast Chir 2007; 39: 189 - 194):

Entgegen der Darstellung von Herrn Maio ist es nicht die Regel, dass Menschen den ästhetischen Chirurgen aufsuchen, um ihren Körper nach einem Medienidol formen zu lassen. Deshalb ist es ebenso vermessen wie falsch, den ästhetischen Chirurgen zu einem reflexartig agierenden „Wunscherfüller“ ohne medizinischen Bedarf zu degradieren. Auch die Behauptung, der ästhetische Chirurg „schaffe erst eine Nachfrage, die ohne ihn nicht aufgekommen wäre“ überrascht sehr, zumal der Wunsch nach Schönheit ein fester Bestandteil auch alter, noch so verschiedenartiger Kulturkreise ist.

Xenophon (426 - 355 v. Chr.), ein aus Athen stammender Schriftsteller, Politiker und Feldherr, beweist diese Aussage mit seinem philosophischen Leitsatz: „Ich schwöre bei allen Göttern, dass ich, wenn ich zu wählen hätte zwischen der Macht des persischen Königs und körperlicher Schönheit, mich für die Schönheit entscheiden würde.“

Herrn Maios Vorwurf, dass für die plastisch-ästhetischen Chirurgen allein die Kaufkraft des Klienten, die Gewinnoptimierung sowie nur „das Verkaufen und nicht das Heilen - also keine ärztliche Tätigkeit“ im Vordergrund stehen, muss kategorisch abgelehnt werden. Ohne die wenigen schwarzen Schafe zu entschuldigen, muss die Frage erlaubt sein, ob deren Handeln unter dem Strich die Abqualifizierung einer ganzen Berufsgruppe rechtfertigt. Besonders überrascht Herrn Maios simplifizierende Aussage, dass ein ästhetischer Chirurg vorgibt, Probleme mit dem Skalpell lösen zu können. Sofern der Autor nicht ästhetisch den Patienten belastende Probleme anspricht, bedient er sich hierbei fadenscheiniger Klischees.

Die ästhetische Chirurgie verantwortlich zu machen für eine Gesellschaft „der Eitelkeit, der Äußerlichkeit, der Jugendlichkeit und der sinnentleerten Oberflächlichkeit“, die einem unreflektierten Machbarkeitssinn unterliegt, ist für einen ethischen Philosophen erschreckend einfach gedacht. Wo lässt Herr Maio hierbei beispielsweise die Kosmetikindustrie oder die Modebranche?

Die ästhetische Chirurgie als eine Institution zu deklarieren, die das Altsein als etwas Defizitäres betrachtet und alle Menschen durch das Skalpell uniformieren wolle, kann ebenfalls nicht akzeptiert werden. Vielmehr ist das Propagieren einer ewigen Jugend durch die Medien und Werbebranche von ungleich größerer Breitenwirkung als das Handeln einer kleinen Gruppe ästhetischer Chirurgen.

Dieses Fakt sollte auch ein zeitgenössischer Ethiker bei seinen kritischen Auseinandersetzungen mit unserem Fach bedenken, um letztendlich auch für sich den Anspruch auf Glaubwürdigkeit stellen zu können.

Die Autoren möchten dieses Statement mit einem Zitat von Papst Pius XII (1939 - 1958) beenden. Es spiegelt nicht nur dessen Respekt vor Problemen der Patienten, sondern auch dessen beeindruckende Toleranz seinen Mitmenschen gegenüber wider. Gerade ein derartiges Verständnis und eine derartige Toleranz zeichnen den Menschen als intellektuelles Wesen aus.

Papst Pius XII sagte auf dem 10. Kongress der italienischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie vom 4. 10. 1958: „Wenn wir die physische Schönheit in ihrem christlichen Licht betrachten, und wenn wir die von der Sittenlehre vorgeschriebenen Bedingungen achten, dann steht die ästhetische Chirurgie nicht im Widerspruch zum Willen Gottes, indem sie die Vollkommenheit des größten Werkes der Schöpfung, des Menschen, wiederherstellt.“

Dr. med. M. Markowicz

Klinik für Plastische, Hand- und Verbrennungschirurgie
Universitätsklinikum der RWTH Aachen

Pauwelsstraße 30

52057 Aachen

Email: mmarkowicz@ukaachen.de