PPH 2007; 13(6): 305
DOI: 10.1055/s-2007-963737
Editorial

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Editorial

U. Villinger
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
10. Dezember 2007 (online)

Die Abteilung Seelische Gesundheit und Substanzmissbrauch der WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem ICN (International Council of Nursing) innerhalb ihrer Reihe von Atlanten den „Atlas: Nurses in Mental Health 2007” (Pflegekräfte in der Psychiatrischen Versorgung) herausgebracht (auf englisch), dessen Daten von den Beteiligten in den Jahren 2004 - 2006 zusammengetragen wurden. Die Daten stammen aus 171 Mitgliedsstaaten der WHO und sechs weiteren Regionen und decken 98,5 % der Weltbevölkerung ab.

Der verwendete Erhebungsbogen fragt zuerst nach der Zahl der Pflegekräfte eines Landes insgesamt, wie viele davon eine psychiatrische Qualifikation besitzen und wie sich die vorhandenen personellen Ressourcen auf psychiatrische Fachkrankenhäuser, psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern und die gemeindepsychiatrische Versorgung verteilen. Der zweite Abschnitt fragt nach dem Umfang der Ausbildung in Theorie und Praxis, der sich auf psychische Gesundheit und seine diversen pflegerischen Aufgaben bezieht. Der dritte Abschnitt befasst sich mit den Aufgabenfeldern der Pflegekräfte im jeweiligen Land: Gesundheitsförderung, Gesundheitserziehung der Öffentlichkeit, Prävention seelischer Erkrankung, primäre Gesundheitsversorgung, Medikation, Nachbetreuung, Tagesstrukturierung, Forschung, Lehre, Arztassistenz etc., um wenigstens einige zu nennen. Der vierte Teil fragt nach der Beteiligung von psychiatrischen Pflegekräften an politischen Entscheidungsprozessen, ihrem Einfluss auf nationale Gesetzgebung auf dem Gebiet der psychiatrischen Versorgung und ob es überhaupt derartige nationale Pläne und Vorhaben gibt. Zuletzt konnten die Kontaktpersonen ihre Beurteilung der Situation im eigenen Land kommentieren.

Befragt wurden Kontaktpersonen des ICN in allen Mitgliedsländern der WHO und der nationalen Pflegeverbände. Führte dies nicht zum Erfolg, versuchte die eingesetzte Arbeitsgruppe mithilfe der regionalen Berater für seelische Gesundheit der WHO nach geeigneten Kontaktpersonen.

Die Ergebnisse sind auf ca. 45 Seiten dargestellt und jeweils in Bezug gesetzt zu entweder den sechs Regionen der WHO, den Zahlen der Bevölkerung oder der Einstufung des Wohlstands bzw. der Armut eines Landes nach den Zahlen der Weltbank. Viele Weltkarten in verschiedenen Farben, um die Verteilung zu demonstrieren, und noch mehr Balken- oder Säulendiagramme - viel trockene Lektüre und Zahlen über Zahlen. Was ich jedoch spannend finde, und das ist sehr gut gemacht, sind die vielen Zitate der Kontaktpersonen aus den verschiedenen Ländern, mit denen der Atlas regelrecht gewürzt ist. Nachfolgend einige Beispiele (Übers. durch die Autorin): „Die Dienste für seelische Gesundheit werden nicht ausreichend anerkannt und sind zu wenig etabliert in unserem Land. Die Menschen in Führungspositionen müssen den Ernst und die Auswirkungen von seelischer Gesundheit auf die Gesellschaft als Ganzes verstehen. Sowohl das Gesundheitsministerium als auch die Regierung als Ganzes müssen sich in aller Ernsthaftigkeit den Problemen der seelischen Gesundheit widmen. Der Mangel an Ressourcen an Arbeitskräften könnte verringert werden, wenn man schon zu Beginn der Ausbildung die Pflegekräfte für das Thema seelischer Gesundheit motivieren würde (Chile).” „Seelische Gesundheit und Psychiatrie ... erhalten nur wenig finanzielle Unterstützung. Als Ergebnis davon werden die meisten Aktivitäten unterlassen. Stigma ist das Hauptproblem. Es besteht ein Mangel an Teilnahme der Kommunen. Die meisten wichtigen Psychopharmaka sind nicht verfügbar (Malawi).” „Der Mangel an Psychiatern führt dazu, dass psychiatrische Pflegekräfte mehr Verantwortung übernehmen. In der Praxis bedeutet dies, dass sich die Verantwortlichkeiten und die pflegerischen Vorgaben im Konflikt befinden. Diese Situation muss verbessert werden (Finnland).” „Pflegekräfte übernehmen heute Aufgaben, die früher Ärzten vorbehalten waren (Botswana).”

Bei den Weltkarten fällt auf, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz häufig mit der Farbe für „Keine Information” gekennzeichnet sind.

Im Ausblick stellt der Bericht drei Forderungen auf:

Anerkennung der psychiatrischen Pflege als wesentliche Ressource an Arbeitskräften für die seelische Gesundheit einer Bevölkerung. Sicherstellung einer angemessenen Zahl gut ausgebildeter psychiatrischer Pflegekräfte. Psychiatrische Pflege ist in alle Ausbildungsgänge der allgemeinen Pflege mit theoretischen und praktischen Anteilen zu integrieren, sowohl in der Grundausbildung als auch in allen weiterführenden Bildungsgängen.

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