intensiv 2007; 15(4): 166-179
DOI: 10.1055/s-2007-963388
intensiv-Pflegepreis

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Erfahrungen, Erlebnisse und Erleben des analgosedierten, beatmeten Patienten[1]

Andrea Brunke1
  • 1DRK-Krankenhaus Clementinenhaus, Hannover
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Publikationsdatum:
10. September 2007 (online)

Einleitung

Meine Erfahrung als Krankenschwester auf einer interdisziplinären Intensivstation zeigt mir immer wieder, wie abhängig der analgosedierte, beatmete Patient von den Behandelnden, den Maschinen und der Umwelt der Intensivstation ist. Seine Körperlichkeit steht meist im Vordergrund. Er ist hilflos. Möglichkeiten zur Autonomie sind ihm oftmals versagt. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, eine Facharbeit zu den ‚Erlebnissen, Erfahrungen und dem Erleben des analgosedierten, beatmeten Intensivpatienten‘ zu schreiben.

Die Situation des analgosedierten, beatmeten Patienten

Der beatmete Patient auf der Intensivstation ist in den meisten Fällen analgosediert. Die Tiefe bzw. der Grad der Analgosedierung ist in der Regel abhängig von der Schwere der Erkrankung. Um den Wachheitsgrad und somit das ‚Bewusstsein‘ des Patienten zu beurteilen, werden verschiedene ‚Scores‘ eingesetzt, z. B. die Glasgow Coma Scale. Hier wird gemessen, wie der analgosedierte Patient auf äußerlich gesetzte Reize reagiert, das heißt wie er mit der Außenwelt in Kontakt tritt. Durch die Reaktionen des Patienten wird auf den Zustand seines ‚Bewusstseins‘ geschlossen. Die Unfähigkeit des Patienten, Reaktionen für uns verständlich zu machen, wird mit ‚Bewusstlosigkeit‘ gleichgesetzt. In Abhängigkeit von dem Krankheitsbild des analgosedierten, beatmeten Patienten lassen sich in der Intensivstation verschiedene Situationen beobachten. Zwei davon stelle ich exemplarisch in meiner Arbeit dar.

Erste Situation Der Patient wirkt auf den ersten Blick ‚bewusstlos‘. Es scheint, als ob der Patient schläft und sich und seine Situation nicht wahrnimmt. Erfahrungen zeigen, dass auch der analgosedierte, beatmete Patient Formen der Wahrnehmung hat 1. Zweite Situation Der analgosedierte, beatmete Patient wirkt viel wacher als der in der ersten Situation beschriebene Patient. Er hat viele unkoordinierte Eigenbewegungen. Diese lassen ihn häufig quer im Bett liegen, die Füße hängen durch die Bettgitter und der Patient versucht, nach etwas zu greifen. Oftmals ziehen sich diese Patienten auch ihre Zugänge. Ärzte und Pflegepersonal wirken diesen Prozessen oftmals mit Medikamenten und/oder Fixierungen entgegen. Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich mit einem Überblick auf die Wahrnehmungsdefizite der analgosedierten, beatmeten Patienten aufmerksam machen. Es soll aufgezeigt werden, dass Wahrnehmung stattfindet, welchen Einfluss die Qualität der Behandlung auf die Wahrnehmung hat und welches Ausmaß das Erleben der Intensivstation auf die analgosedierten, beatmeten Patienten hat. Die Situationen der analgosedierten, beatmeten Patienten haben in mir folgende Frage aufgeworfen, an der sich meine Arbeit orientiert:

Kann ich durch wahrnehmungsfördernde Maßnahmen einen Benefit für die analgosedierten, beatmeten Patienten erwirken?

Die Fragestellung nach dem Benefit ist so komplex, dass mir eine vollständige Beantwortung in dieser Arbeit unmöglich gewesen wäre. Zur Erläuterung des Gesamtkontextes beschränke ich mich deshalb auf die Beantwortung folgender Teilfragen:

  1. Durch welche wahrnehmungsfördernden Maßnahmen kann der Patient Orientierung erlangen?

  2. Welchen Nutzen und welche Erfolge bewirken diese Maßnahmen bei dem analgosedierten, beatmeten Patienten?

  3. Kann ein posttraumatisches Stresssyndrom (PTSD) vermieden werden, wenn orientierungsfördernd mit dem Patienten gearbeitet wird?

Da dieses Themengebiet sehr groß und weit gefächert ist, erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Ausarbeitung.

1 Artikel im Rahmen eines Vortragwettbewerbes am 15.2.2007, auf dem 17. Symposium für Intensivmedizin + Intensivpflege in Bremen, vorgetragen.

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1 Artikel im Rahmen eines Vortragwettbewerbes am 15.2.2007, auf dem 17. Symposium für Intensivmedizin + Intensivpflege in Bremen, vorgetragen.

Andrea Brunke

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