Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift 2006; 1(6): 68-70
DOI: 10.1055/s-2006-961791
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Der mit den Pflanzen spricht - Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit Ursel Bühring

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Publication Date:
22 February 2007 (online)

Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit Ursel Bühring

Wolf-Dieter Storl gilt als einer der führenden Ethnobotaniker und Kulturanthropologen. Er ist in den USA aufgewachsen und lehrte dort als Dozent an verschiedenen Universitäten. Seit 1986 lebt er mit seiner Familie sehr zurückgezogen im Allgäu und gibt seine Erfahrungen in Büchern weiter. DHZ-Schriftleiterin Ursel Bühring hat sich mit ihm über seine Laufbahn, das Wesen der Pflanzen und deren Bedeutung für die Therapie unterhalten.

Zu Beginn Ihrer Laufbahn haben Sie eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen. Diese haben Sie später jedoch verlassen. Gab es dafür einen speziellen Auslöser?

Es gab nicht unbedingt einen konkreten Anlass. Vielmehr beschäftigte ich mich oft über lange Zeiträume mit der botanischen Feldforschung, die ich viel aufregender fand, als mich in den Universitätsgebäuden aufzuhalten. Bei der Feldarbeit wurde ich mit anderen Weltbildern konfrontiert, was mich persönlich mehr gereizt hat als die Wissenschaft.

In erster Linie bin ich an die Universität gegangen, um mehr über Pflanzen zu lernen.

Ich war dann sehr enttäuscht von der dort praktizierten „Laborwissenschaft”. Ich hatte eher eine Goetheanische Prägung, in dem Sinne, dass Pflanzen auch ästhetisch und schöne Wesen sind. Mein Eindruck war jedoch, dass sie in der Wissenschaft auf Strukturen, Abläufe und Inhaltsstoffe reduziert wurden. Mich störte die eingeschränkte Sichtweise, die z.B. vermittelt, dass ein Baum nur so viel Wert ist wie sein Holz. Das hat mir schwer zu schaffen gemacht. Deshalb habe ich mich dann für die Ethnologie, also die Völkerkunde, entschieden.

Heißt das, Sie waren damit am entscheidenden Wendepunkt angekommen? War Ihnen das gleich klar?

Das kam graduell und war keine Entwicklung über Nacht. Ganz wichtig war damals, dass ich meine Universitätsstudien in Amerika unterbrochen hatte, um Feldforschung in der Nähe von Genf zu machen. Ich war in einem Camp mit geistig Behinderten, in dem biodynamische Landwirtschaft betrieben wurde. Das Camp umschloss 2 ha Garten und 30 ha Landwirtschaft mit Kühen. Dort wurde mir erst so richtig die Wesenhaftigkeit der Pflanzen bewusst. Ich blieb fast drei Jahre dort und war in der Zeit nicht einmal an der Universität.

War das die Zeit, in der Sie dem Bergbauern und Visionär Arthur Hermes begegnet sind?

Ja, das stimmt. Er hat meiner Entwicklung und Weltanschauung die geistige Dimension geschenkt und mir die Nähe zur Natur vermittelt. Ich habe gelernt, wie wunderbar es sich anfühlt, barfuß über die Erde zu gehen und die Botschaften der Erde wahrzunehmen.

Man sagt, Arthur Hermes sei ein Philosoph und Kräuterpriester gewesen.

Ich nenne ihn gerne einen „Bauern-Philosophen”. Er wurde 1890 in der Lüneburger Heide geboren und wuchs dort in einem Haus mit Strohdach und gestampfter Erde auf. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er eine Art wandernder Künstler mit tiefen Einblicken in die Natur, der durch das Gedankengut Rudolf Steiners beeinflusst war. Bis zu seinem Tod 1986 lebte er auf einem abgelegenen Einsiedlerhof im Schweizer Jura und weihte sein Leben dem Kosmos und der Erde.

Abb. 1 Botaniker und Ethnologe Wolf-Dieter Storl: „Man muss Vertrauen haben in die Pflanze, sie schätzen und kennen.”

Wie begegneten Sie Arthur Hermes?

Wir Botaniker wollten uns an Weihnachten von der Arbeit erholen und zwölf Tage einfach einmal etwas anderes machen. Es hieß, dort würde ein weiser Alter, der schon Mitte Achtzig sei, mitten in den Bergen leben. Als wir ihn dann das erste Mal sahen, standen wir einem großen „Bären” mit riesigen Händen, einer unglaublichen Energie und viel Einsicht gegenüber. Und gerade für uns junge Leute war er wie ein Anker. Nach dieser Zeit haben wir ihn oft besucht und wurden seine begeisterten Schüler. Er hat uns von den Wirkkräften und der planetarischen Zugehörigkeit der Pflanzen berichtet. Und er konnte das so darstellen, dass es Sinn machte. Er hat mir ein ganz neues, archaisches und lebendiges europäisches Weltbild vermittelt.

Abb. 2 DHZ-Schriftleiterin Ursel Bühring im Gespräch mit Wolf-Dieter Storl

Gab es noch andere Persönlichkeiten, die Ihren Weg geprägt haben?

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis auf meinem Lebensweg war eine Bekanntschaft mit Bill Tallbull, einem Indianer. Wir haben damals eineinhalb Jahre in Wyoming zusammen verbracht. In diesem Zusammensein lernte ich eine neue Sichtweise. Die Einstellung dieser Indianer den Pflanzen gegenüber war weniger humanistisch oder anthropozentrisch. Sie gehen auf die Pflanzen zu und begegnen ihnen mit viel Demut. Sie reden mit ihnen wie mit einem anderen Wesen und bitten um Hilfe.

Die Indianer befinden sich oftmals in einem meditativen Zustand, wenn sie den Pflanzen begegnen. Sie sitzen und verweilen lange mit einer Pflanze, wenn sie erstmals Kontakt zu ihr aufnehmen. Wenn sie dann einmal eine Beziehung zu einer Pflanzenart hergestellt haben, existiert eine Basis, und im weiteren Umgang (also z.B. bei der Ernte) mit der Pflanze ist man vertraut.

In der Auseinandersetzung mit den Indianern konnte ich die Verbindung zu meinen eigenen kulturellen Wurzeln entdecken, der keltisch-germanischen Medizin, die auch das Ansprechen der Pflanzen kannte. Im angelsächsischen Kräuterschatz z.B. spielte der Beifuß eine wichtige Rolle. Auch er wurde angerufen. So hieß es: „Beifuß! Du bist die älteste der Heilpflanzen, die älteste der Wurzeln. Wir kennen deinen Namen. Du heißt Unna. Du hast Macht gegen dreißig, Du hast Macht über die Leitkraft, die über das Land hinwegfegt.” Die Pflanzen wurden auch als wesenhaft gesehen. Eine solche Sichtweise wird in der Wissenschaft heute leider ausgeklammert.

Abb. 3 „In der Wissenschaft werden Pflanzen auf Strukturen, Abläufe und Inhaltsstoffe reduziert.”

Sie haben viele unterschiedliche Medizinsysteme kennengelernt, unter anderem auch in Indien. Gibt es ein System, das Sie besonders beeinflusst hat? Und gibt es Verbindungen zwischen den einzelnen Systemen?

Jedes System ist ein System für sich. Und es ist nicht unproblematisch, wenn man sich Aspekte eines Systems borgen will, so wie das heute im Bereich Ayurveda bei uns geschieht.

Abb. 4 „Indianer reden mit Pflanzen wie mit einem anderen Wesen.”

Inwiefern?

Die Inder haben z.B. einen ganz anderen Bezug zu ihren Pflanzen als wir. Sie dürfen nicht vergessen, dass jede Kultur ein eigenes Verhältnis zu ihren Heilkräutern hat, eingebettet in ein eigenes Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Denken Sie an morphogenetische Felder nach Sheldrake. Sie werden immer wieder erleben, dass die Erwartungen an die Heilkraft einer Pflanze mindestens ebenso wichtig sind wie die eigentliche Wirkkraft ihrer Inhaltsstoffe. Und diese Erwartungshaltung ist natürlich kulturell eingebunden.

Wenn man im Allgäu aufwächst, verbindet man z.B. mit der Sanikel bestimmte Heilungserwartungen, die einem Inder nicht vertraut sind - und umgekehrt. Oder nehmen Sie zum Beispiel unsere alte Kamille. Sie ist umrankt von Märchen und Sagen, und unser Verständnis von ihr hat viel mit unserer Kultur zu tun. Sie war auch in England lange Zeit eines der wichtigsten Heilmittel und wurde erst später unter dem Namen „Maithen” als „German Camomille” bekannt. Dann kam der Erste Weltkrieg, und die Deutschen gerieten in Misskredit. Also wurde die Kamille erst umbenannt, und später riet Mrs. Grieve, die ein hervorragendes Kräuterbuch herausgegeben hat, aus Ressentiments den Deutschen gegenüber, man möge doch die „römische Kamille” verwenden. Diese besitzt jedoch andere Wirkstoffe.

Der Holunder ist auch ein schönes Beispiel. Schon die Kelten kannten seine therapeutische Wirkung. Die leicht toxische Wirkung, besonders der Rinde des Holunders, bewirkte ein Unbehagen und der Patient schwitzt und neigt zu Erbrechen oder Durchfall. Der Therapeut kann dabei je nachdem wie die Rinde geschabt wurde, vorhersagen, ob es zum Erbrechen oder Durchfall kommt. Die Innenrinde nach oben geschabt, führt zu Erbrechen, nach unten geschabt gibt es Durchfall. Das klingt zwar nach Aberglauben, lässt sich aber leicht selbst beobachten.

Zeitliche „Übergangszonen” zur Einnahme, morgens, mittags und abends, sind für die Kelten ganz wichtig, da zu diesen Zeiten Wechsel und Wandel möglich sind. Das gehört alles mit zum Heilen.

Denken Sie nur an die Doshas (Pita, Kapha und Vata) im Ayurveda. Sie spiegeln den Zustand des Makrokosmos im Jahreslauf. Der Mensch ist für die Inder ein Mikrokosmos. Er hat die Vormonsun-Hitze (Pitta: Feuer, Wasser), wenn alles trocken ist. Dann kommt Kapha (also Wasser und Erde), wenn alles plötzlich grün wird und blüht. Im Spätherbst, wenn es erneut zu trocknen beginnt und Wind aufkommt, herrscht das Vata, das für Bewegung und Veränderung steht. Der Makrokosmos entspricht dabei dem Mikrokosmos. Dieses tiefe Verständnis fehlt vielen hierzulande.

Wie stehen Sie den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Phytotherapie gegenüber?

Sie sind ein Teil des kulturellen Prozesses. Es handelt sich dabei um eine materialistische Anschauung, bei der nur berücksichtigt wird, was mess- und wägbar ist und was sich in logische Zusammenhänge bringen lässt. Man glaubt sich so in Sicherheit. Heilen ist aber vor allem Kunst und nicht nur Wissenschaft, und es geht weit über diesen engen Ausschnitt des wissenschaftlich Messbaren hinaus. Was nicht heißen soll, dass ich die wissenschaftlichen Entwicklungen nicht verfolge oder deren Bedeutung anerkenne. Aber die wissenschaftliche Komponente ist eben nur eine unter vielen. Ich betrachte sie als eine Ergänzung.

Für die Indianer heilt z.B. der Geist. Man geht in die Meditation und wechselt die Bewusstseinsebene, und die Pflanzen können dann wesenhaft erscheinen. Die Indianer können so mit den Pflanzen kommunizieren. In unserem kulturellen Kontext wird Pflanzen gerne diese geistig-seelische Komponente abgesprochen, und sie werden auf Wirkstoffe reduziert. Das Gleiche könnte man ja auch mit dem Menschen tun. Aber kann man dann sagen, ob er ein guter Klavierspieler ist?

Abb. 5 „Wenn man nur einen Patienten am Tag hätte, ließe sich problemlos eine andere Medizin umsetzen.”

Was würden Sie unseren Lesern konkret für den Umgang mit Pflanzen an die Hand geben?

Das persönliche Verhältnis des Heilers zur Pflanze spielt eine besondere Rolle. Man muss Vertrauen haben in die Pflanze, sie schätzen und kennen. Dazu gehört natürlich, dass man diese Pflanzen auch in der freien Natur erlebt und ihre Bedeutung in unserem Kulturkreis kennt. Man sollte sich immer vor Augen halten, dass es sich um eine Erfahrungsmedizin handelt. Ich empfehle, nicht nur das Pflanzenwissen aus Büchern auswendig zu lernen und dabei auch noch zu versuchen, alle Pflanzen auf einmal zu erfassen. Ich würde raten, sich nach und nach einzelne Pflanzen herauszugreifen und diese zu studieren. Das kann ausgelöst werden durch einen Patienten, der eine bestimmte Pflanze gerade benötigt oder einen persönlichen Bezug zu einer Pflanze.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die meisten Pflanzen im Gegensatz zu vielen Medikamenten heilen und nicht nur „reparieren”. Pflanzen greifen stärker ein und bedingen biologische Prozesse. Manchmal wirken sie langsamer, was natürlich auch ein wenig Vertrauen und Geduld erfordert. Oftmals sind die milden Mittel die wirksamsten. Ich kann nur raten, auch einmal abzuwarten und dem Körper die Zeit zur Regeneration zu lassen bzw. dem Mittel, die Zeit zu geben, seine Wirkung zu entfalten.

Wie kann man diesen Anspruch in der heutigen Praxis umsetzen?

Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie man das unter den gegebenen Umständen in den Praxen leicht umsetzen könnte. Man kann sicherlich auf Kräutermittel zurückgreifen, statt andere Medikamente zu verabreichen. Aber letztlich ist der heutige Praxisalltag auch sehr durch finanzielle Zwänge bestimmt. Wenn man nur einen Patienten am Tag hätte, ließe sich problemlos eine andere Medizin umsetzen. Aber so sieht die Realität nicht aus.

Was unterscheidet Schamanen vor allem von modernen Therapeuten?

Für jeden Patienten werden individuell die Pflanzen gesammelt. Schamanen sind selten hauptberuflich Heiler. Sie haben eine bestimmte Fähigkeit und sind zum Heiler berufen. Sie üben dies aber nicht acht Stunden am Tag aus. Sie jagen, sammeln und gehen ihren Alltagspflichten nach. In Notfällen werden sie gerufen und schauen sich den Patienten an. Sie nehmen auch keine Patienten an, die sie nicht heilen können. Sie sagen dann klar: „Ich habe nicht die Kraft, Dich zu heilen. Gehe zu einem anderen.” Oder sie geben zu, dass sie mit bestimmten Symptomen keine Erfahrung haben. Auf der anderen Seite ist es tatsächlich so, dass sie fast immer heilen können, wenn sie einen Patienten annehmen.

Lieber Herr Storl, wir danken Ihnen sehr für dieses Interview.

Weiterführende Literatur

  • 1 Storl WD. Streifzüge am Rande Midgards. Geschichten aus meinem Leben. Burgrain: Koha 2006
  • 2 Storl WD. Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor. Zürich:AT 2005
  • 3 Storl WD. Ich bin ein Teil des Waldes. „Der Schamane aus dem Allgäu” erzählt sein Leben. Stuttgart: Kosmos 2005
  • 4 Storl WD. Mit Pflanzen verbunden. Meine Erlebnisse mit Heilkräutern und Zauberpflanzen. Stuttgart: Kosmos 2005
  • 5 Storl WD. Pflanzendevas - Die Göttin und ihre Pflanzenengel. Heilkunde, Kulturgeschichte, Mythologie und Religion der Völker. Zürich: AT 2004

Dr. Wolf-Dieter Storl

URL: http://www.storl.de

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