ZWR - Das Deutsche Zahnärzteblatt 2006; 115(9): 361
DOI: 10.1055/s-2006-954594
Thema des Monats

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Ab wann empfehlen Sie pflegeleichten Zahnersatz?

Christoph Benz
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
25. September 2006 (online)

Unsere Gesellschaft altert. Diese Entwicklung ist weder neu (seit 1970 wird die Reproduktionsrate in Deutschland unterschritten), noch bald vorbei (mindestens bis 2030 fehlen schon die Mütter der benötigten Kinder). Nicht der Trend selbst entscheidet darüber, ob diese Entwicklung positiv oder negativ sein wird, sondern wie die Gesellschaft damit umzugehen lernt. Auch die Zahnmedizin muss Veränderungen akzeptieren. Sich um alte und auch pflegebedürftige Menschen zu kümmern, wird immer weniger Ausdruck einer besonderen Praxisethik sein, sondern schlicht wirtschaftliche Notwendigkeit. Jetzt werden manche einwenden: So viele Pflegebedürftige gibt es nicht, und der gesunde Alte ändert nichts an meiner Praxisstruktur. Aber wie so oft steckt der Teufel im Detail: 3. Stock ohne Aufzug? Kleines WC? Vorurteile im Team? Patientin, die von der Praxis erwartet, sich auch um ihre demente Mutter im Heim zu kümmern? Gut auf medizinische Zwischenfälle vorbereitet? Ein „altenkompatibles” Prophylaxekonzept? Keine Angst! Die Entwicklung gibt uns noch etwas Zeit - aber handeln müssen wir bald.

Handeln muss auch die Industrie: Prophylaxe trägt in der Werbung junge Gesichter, Haftcreme und Prothesenreiniger tragen alte. Zahnpastatuben haben Frischesiegel, die alte Hände nicht öffnen können, und Aufdrucke, die alte Augen nicht lesen können. Gerade die Prophylaxe wird immer wichtiger, denn Individualprophylaxe in der Jugend und danach „drill and fill” kann nicht die Lebenspanne abdecken, die wir heute brauchen. Die Zahnmedizin und die Industrie müssen der Generation „60+” viel klarer sagen, dass strukturerhaltende Prävention weder „primär” noch „tertiär”, noch jung oder alt, sondern immer sinnvoll und wirksam ist.

Der Umgang mit Pflegebedürftigen wird zu einem besonderen Prüfstein. Gerne pflegen wir die Vorstellung von hochwertiger Versorgung bis zu einem Stichtag, dann folgt der pflegeleichte Zahnersatz. Das schöne Bild hat 2 Risse: Wann ist der Stichtag - ab 60? Ab 70? Bei leichter Demenz? Wenn der Ehepartner gestorben ist? Und was ist eigentlich „pflegeleicht”? Die Natur hat schon immer die besten Wege gewählt, und Zahnersatz war noch nie pflegeleicht. Frühere Generationen durften länger üben, mit den Unzulänglichkeiten ihrer Prothesen umzugehen, der Generation „Brücke und Implantat” fehlt diese Übung. Für die Zahnmedizin gibt es in der Pflege keine einfachen Lösungen. Wir müssen unsere Patienten entweder, so wie es Prothetiker der alten Schule empfahlen, mit 60 an die totale Prothese gewöhnen, oder mit allen modernen Mitteln erhalten, was wir „angerichtet” haben. Hier brauchen wir nicht die „Ich geh mal zwischen 2 Veneers mit dem Köfferchen los”-Attitüde, sondern hochspezialisierte Kolleginnen und Kollegen, die gelernt haben, mobil zu arbeiten. Von der Existenz dieser Kollegen wird abhängen, ob die Zahnmedizin noch mit gutem Gewissen Implantate bei alten Menschen planen darf.

Noch ein Wort zu der häufigen Vorstellung: „Baut einen Behandlungsstuhl in Eure Einrichtung, dann komme ich”. Wenn wir das flächendeckend fordern, lassen wir gerade die liebevoll geführten kleinen Heime sterben und reden der Masseneinrichtung das Wort. Und was ist mit der häuslichen Pflege? Nein, wir müssen lernen, „special-care-dentistry” mobil zu betreiben. Nicht alle werden gebraucht, aber schon heute kommen auf jeden Zahnarzt 32 Patienten mit Pflegestufe. Aufgabe der Universitäten wird es sein, die Grundlagen in Forschung und Lehre zu legen. Hier werden nach internationalem Vorbild Abteilungen und Zentren entstehen müssen.

Prof. Christoph Benz

München

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