Psychiatr Prax 2006; 33(6): 299-300
DOI: 10.1055/s-2006-951398
Fortbildung und Diskussion
Rehabilitation
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Psychiatrische Rehabilitation und Lebensqualität: Einige ökonomische Betrachtungen

Wulf Gaertner
Further Information

Publication History

Publication Date:
30 August 2006 (online)

 

Ausgangslage

Die Ausgaben für Gesundheitsversorgung haben sich während der letzten 30 Jahre in fast allen Industrieländern der westlichen Welt nahezu verdoppelt. Die Gründe hierfür sind allgemein bekannt. Zu nennen sind u.a. die demografische Entwicklung aufgrund der ständig steigenden Lebenserwartung und der medizinisch-technische Fortschritt, der oftmals gerade gegen Ende eines menschlichen Lebens enorme Kosten verursacht.

Um diese Ausgaben nicht unkontrolliert und unreflektiert anwachsen zu lassen, ist neben einer medizinischen und einer sozialen Perspektive eine ökonomische Sichtweise vonnöten. Kosten und Nutzen sind zu erfassen und gegeneinander abzuwägen. Das in der Gesundheitsökonomik vorherrschende Konzept ist der sog. Humankapitalansatz von Becker [[1]] und anderen, der den Wert eines menschlichen Lebens nach dessen Beitrag zum Sozialprodukt bemisst. Dieser Beitrag kann in der herkömmlichen Analyse natürlich nur erbracht werden, wenn alternative Beschäftigungsmöglichkeiten vorhanden sind. Die ökonomische Effizienz z.B. einer rehabilitativen Maßnahme wird dann durch Erfassung der reha-spezifischen Kosten und dem Vergleich dieser Ausgaben mit dem erwirtschafteten Nutzen erfasst. Letzterer beruht auf dem zukünftigen und auf die Gegenwart abdiskontierten Erwerbseinkommen bzw. einem abdiskontierten Differenzeinkommen, wenn der Wiedereintritt ins Berufsleben aufgrund der rehabilitativen Maßnahme zeitlich früher erfolgt, als es ohne eine solche Therapie der Fall wäre.

Häufiger wird argumentiert, dass sich eine Rehabilitation mit dem Ziel einer Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt ökonomisch gesehen gar nicht lohne. Denn die Reintegration gelinge aufgrund der stark verschlechterten Arbeitsmarktsituation in vielen Fällen nicht, und selbst wenn sie erfolgreich sei, würde dadurch womöglich nur einer gesunden Person ein Arbeitsplatz verwehrt. Der Nettoeffekt hinsichtlich einer Erhöhung des Sozialprodukts wäre nahezu Null.

So zwingend dieses Argument auf den ersten Blick erscheinen mag, greift es dennoch zu kurz. Berufliche Wiedereingliederung und gesundheitliche Stabilisierung gehen häufig Hand in Hand. Damit kann eine erfolgreiche berufliche Reinteg"ration, selbst wenn das zusätzlich erwirtschaftete Produkt relativ gering ausfällt, zu einer Verminderung des Verbrauchs an Medikamenten und zu einer Reduzierung der Inanspruchnahme weiterer medizinischer Leistungen, insbesondere einer erneut notwendig werdenden stationären psychiatrischen Behandlung führen. Und dies erhöht die Lebensqualität.

Natürlich würde die ökonomisch orientierte Argumentation bei einer anderen Arbeitsmarktsituation positiver ausfallen. In einer gerade in Großbritannien erschienenen Untersuchung - und im Vereinigten Königreich ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt seit einigen Jahren wesentlich günstiger als in Deutschland - wird argumentiert (LSE Depression Report [[2]]), dass sich Therapiekosten aufgrund der ersparten staatlichen Zahlungen bei Arbeitsunfähigkeit und den bei Beschäftigung anfallenden Steuereinnahmen amortisieren.

Literatur

Prof. Dr. Wulf Gaertner

Universität Osnabrück

Fachbereich Wirtschaftswissenschaften VWL/Mikroökonomische Theorie

49069 Osnabrück

Email: wulf.gaertner@uni-osnabrueck.de