Fortschr Röntgenstr 2006; 178 - WI_PO_81
DOI: 10.1055/s-2006-941133

Zerebrale MRT-Veränderungen in einem Fall von akuter Aceton-Vergiftung?

K Kallenberg 1, P Grötsch 2, A Behrens 1, H Strik 1, M Knauth 1
  • 1Georg-August-Universität, Neuroradiologie/MR-Forschung in der Neurologie und Psychiatrie, Göttingen
  • 2Karlsruhe

Ziele: Toxische Substanzen verursachen, sofern sie Auswirkungen auf das Gehirn haben, typischerweise bilateral symmetrische Veränderungen. Für einige Substanzen sind Prädilektionsstellen bekannt: z.B. das Cerebellum bei Phenytoin. Somit kann das Läsionsmuster wichtige Hinweise auf das auslösende Agens liefern. Methode: 31jährige Frau, seit drei Tagen zunehmender Bewußtseinsverlust, übverwiesen durch ein peripheres psychiatrisches Krankenhaus: anamnestisch bekannter Abbruch einer Alkohol-Entzugstherapie, Borderline-Persönlichkeitsstörung, mehrere Suizidversuchen, Medikamenten-/Alkoholabusus.

Klinische Untersuchung: soporös, erhöhter Muskeltonus, keine fokalen neurologischen Ausfälle, Körpertemperatur 37,7°C.

Blut: Leukozytose, Serum-K+ erniedrigt, Cl- und CK gering erhöht.

Urin: Ketonkörper doppelt positiv, Drogenscreening negativ.

CT: milde globale Hirnatrophie.

Die toxikologische Analyse von Blut und Urin ergibt eine über 200fach erhöhte Aceton-Konzentration sowie erhöhte Werte für Isopropanol, 5fach über dem Grenzwert.

In den folgenden Tagen sinkt die Aceton-Konzentration und die klinischen Symptome bessern sich. Ergebnis: Der MRT-Befund bei Aufnahme zeigte einen überraschenden Befund: in T2w und FLAIR bilateral gut umschriebene Hyperintensitäten in Linsenkern, Thalamus und Substantia nigra. Auf den ADC-Karten entsprechend erleichterte Diffusion, ein Hinweis auf ein vasogenes Ödem.

Die Kontroll-Untersuchung nach einem Jahr zeigte nur noch geringe Veränderungen, korrespondierend zum klinischen Befund. Schlussfolgerung: Andere Intoxikationen erscheinen weitgehend ausgeschlossen und eine Aceton-Vergiftung als wahrscheinlichste Erklärung für die exzessive Erhöhung der Aceton-Werte in Blut und Urin. Insbesondere der Verlauf der gemessenen Konzentrationen deutet stark auf eine primäre Vergiftung mit Aceton hin, da aus Aceton zum Teil Isopropanol entsteht, welches anschließend wieder zu Aceton verstoffwechselt wird.

In Anbetracht der Anamnese der Patientin kann von einer suizidalen Ingestion eines Lösungsmittels ausgegangen werden, wobei vor allem Nagellackentferner oder (Farb-)Verdünner infrage kommen.

Leider kann die Ursache nicht abschließend sicher aufgeklärt werden, da die Patientin als einziges verbliebenes Symptom eine retrograde Amnesie für das Ereignis aufweist!

Korrespondierender Autor: Kallenberg K

Georg-August-Universität, Neuroradiologie/MR-Forschung in der Neurologie und Psychiatrie, Robert-Koch-Str.40, 37075 Göttingen

E-Mail: kai.kallenberg@med.uni-goettingen.de