Zentralbl Gynakol 2006; 128(3): 123-128
DOI: 10.1055/s-2006-933372
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Chancen und Risiken der Vorsorge bei älteren Menschen bezogen auf die großen Drei: Mammakarzinom, Prostatakarzinom und kolorektale Karzinome

Chances and Risks of Prevention in Elderly People for the Three Major Cancers: Breast-, Prostate- and Colorectal CancersG. F. Kolb1
  • 1 Med. Klinik, Fachbereich Geriatrie mit der Abteilung für physikalische und rehabilitative Medizin, St. Bonifatius-Hospital, Akademisches Lehrkrankenhaus der Med. Hochschule Hannover, Lingen (Ems)
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Publication Date:
06 June 2006 (online)

Zusammenfassung

Prävention und Vorsorge: „Die großen Drei”, Mammakarzinom, Prostatakarzinom und kolorektales Karzinom sind die häufigsten bösartigen Erkrankungen weltweit und sind ebenso typische Tumoren des höheren Lebensalters. Die Frage des Tumor Screenings - ob und wie - im Fall der Älteren ist deshalb eine zentrale Frage für die Reduktion der „Gesamt-Tumorlast” und Tumormortalität bei westlichen Staaten. Mammakarzinom: Das altersabhängige Risiko an einem Mammakarzinom zu erkranken, steigt von rund 1 : 2 500 im Alter 30+ zu > 1 : 10 für 80-Jährige an. Nichtsdestotrotz enden die meisten nationalen Mammakarzinom-Screening-Programme mit dem 60. Lebensjahr oder sogar früher. Deshalb wird die Mehrheit aller fortgeschrittenen Stadien, d. h. z. B. T4-Stadien des Mammakarzinoms bei älteren Frauen über 60 Jahren gefunden. Häufig wird angenommen, dass es die altersabhängige Komorbidität den evtl. Vorteil einer regelrechten und frühzeitigen Behandlung im Alter eliminiere. Zwei kürzlich publizierte Studien [1] [2] [3] haben jedoch gezeigt, dass eine saubere und stadiengerecht durchgeführte Chirurgie in Verbindung mit einer erforderlichen adjuvanten Chemotherapie bei älteren Frauen ebenso wirksam ist wie bei jüngeren Frauen. Die Komorbidität spielt nicht die Rolle, die man ihr früher beigemessen hat. Per Mammographie konnte gezeigt werden, dass die Mamma-CA-Mortalität signifikant abfällt in Abhängigkeit von einer regelmäßigen Durchführung eines Mammographie-Screenings aller Altersgruppen [4]. Es konnte sogar gezeigt werden, dass sowohl die Spezifität und Sensitivität der Mammographie speziell bei den älteren Frauen über 70 Jahren am höchsten ist. Prostatakarzinom: Die Screening-Situation für das Prostatakarzinom ist vom Mammakarzinom deutlich verschieden. Dies liegt auch daran, dass die Risikoprofile nicht klar definiert werden können im Hinblick eines Vorteils nach einer radikalen Prostatarektomie. Zumindest für die frühen, asymptomatischen Stadien trifft dies derzeit noch zu [5]. Auf der anderen Seite konnte auch gezeigt werden, dass beobachtendes Zuwarten („watchfull waiting”) führt zu einer erhöhten Zahl von Inkontinenz und auch Harnverhalten [6] [7]. Zwei Studien sind derzeit noch in der Rekrutierungsphase, von denen man sich frühestens 2008 die entscheidenden Ergebnisse erwartet, um ein Votum für oder gegen ein Tumor-Screening mit der Konsequenz einer frühzeitigen Diagnostik und einer Frühoperation zu ziehen. Bis dahin kann lediglich die Information und ggf. die Unterstützung bei der individuellen Entscheidungsfindung des Patienten für oder gegen eine Operation empfohlen werden. Kolorektale Karzinome: Das typische Risiko des älteren Patienten ist ein mittleres Risiko und beträgt etwa 500 : 100 000 um das 75. Lebensjahr. Die Screening-Empfehlungen basieren weitgehend auf Expertenempfehlungen. Unbeantwortete Fragen und Probleme: Komplikationsraten der anerkannten Screening-Verfahren i. e. Koloskopie und Test auf okkultes, fäkales Blut sog. Hämo sowie Kolon-Doppelkontrast-Röntgen sind nicht ausreichend untersucht. Immerhin, die Effektivität eines regelmäßigen Kolonoskopie-Screenings ohne oder in Kombination mit Stuhlproben auf okkultes Blut, sind klar dokumentiert in 3 randomisierten Studien, die eine Reduktion der spezifischen Mortalität um 15-33 % bei einer Beobachtungsperiode von 8 bis 13 Jahren nachweisen konnten [8] [9]. Klar ist aber auch, dass nicht unerhebliche Ressourcen durch die Gesellschaft für derartige Programme mobilisiert werden müssen. Die Finanzierung von Hämokulttesten für 10 Jahre und für 1 000 Personen ist notwendig, um ein Leben zu retten.

Abstract

The big three, breast cancer (BC), prostate cancer (PC) and colorectal carcinoma are the most frequent malignancies world wide and also typical tumors of advanced age. Therefore the question to screen and how to screen for these tumors in the elderlies is the main question for reduction of the total cancer burden and mortality in all western countries. Breast cancer (BC): The age related risk of BC increases from 1 : 2 500 at age 30+ to > 1 : 10 at age 80. Nevertheless, most of the national BC-Screening-Programs stop at age 60 or earlier. Therefore the majority of all advanced i. e. T4 stages of BC are found in women age > 60. Frequently it is suggested that age related comorbidity should eliminate the benefit of treatment. Recently two longitudinal studies [1] [2] [3] have clearly shown thar correct standard treatment is as effectiv in elderly as in younger indivuduals. Mammography (MG) has been shown to reduce mortality of BC significantly with best results for specifity and sensitivity at age 70+. Prostate cancer (PC): The screening situation of PC is quite different to BC, because risk profiles are poorley defined and the benefit of radical prostatectomy is not clearly demonstrated in the early non sympthomatic stages of PC [5]. At the other side watchful waiting leads to an elevated frequency of incontinence and anuresis as well [6] [7]. Two studies are now under progress and may possibly change the situation; but the final results are expected 2005-2008 at the earliest. Therefore an assisted individual decision making is the only recommendation at this time. Colorectal cancer (CC): Risk groups are clearly defined. Risk of the elderly (> 60) is the average risk. The incidence increases from < 50/105 to more than 500 at age 75+(male) and 500 (female). When to start and when to stop screening? Experts give the advice to begin at age 50 and to end at age 80; but this is not really evidence based. There are several unanswered questions and open problems: We are not exactly informed about complication rates of colonoscopy during the screening programs. There is a lack of data according accuracy of barium enema, virtual colonoscopy and genetic stool test in comparison to colonoscopy in combination with fecal occult blood test (FOBT). And adherence to screening is not well documented among informed patients. However, effectiveness of CC-screening (FOBT alone or in combination with colonoscopy) has been documented in three high randomised trials which have shown a disease specific mortality reduction of 15-33 % over a period of 8-13 years [8] [9]. But it must be clear that the economic resources must be mobilised individually or by insurances: Offering the testing of only FOBT for ten years to one thousand persons can save one life.

Literatur

Prof. Dr. Dr. G. F. Kolb

Med. Klinik · Fachbereich Geriatrie mit Abteilung für physikalische und rehabilitative Medizin · St. Bonifatius-Hospital · Akademisches Lehrkrankenhaus der Med. Hochschule Hannover

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