intensiv 2006; 14(4): 195-196
DOI: 10.1055/s-2006-926541
Literaturkommentar

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Erregungszustände bei Patienten auf der Intensivstation: Was sind die Ursachen und wie ist der Verlauf?

Hardy-Thorsten Panknin1
  • 1Berlin
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Publication Date:
17 August 2006 (online)

Unmotivierte Erregungszustände von Patienten sind jedem klinisch tätigen Arzt und Pflegekräften vor allem auf Intensiv- und Überwachungsstationen geläufig. Nicht selten kommt es im Rahmen eines so genannten „Durchgangssyndroms” nach größeren Operationen oder nach Schädel-Hirn-Traumata zu derartigen Phasen verstärkter motorischer Unruhe und Agitiertheit. Bisher wurden jedoch weder die exakte Häufigkeit, noch die Ursachen und Folgen von Erregungszuständen auf Intensivstationen im Einzelnen untersucht.

In einer prospektiven Studie aus dem Krankenhaus St. Elio in Montpellier, Frankreich, einem akademischen Lehrkrankenhaus der Universität von Montpellier, wurden daher über einen achtmonatigen Zeitraum (von Juni 1999 bis Juni 2000) 211 Patienten in eine prospektive Beobachtungsstudie aufgenommen. Wegen vorbestehender neurologisch-psychiatrischer Probleme wurden einige Patienten ausgeschlossen, sodass sich die Analyse auf 182 Patienten beschränkte. Ein Erregungszustand (Agitation) wurde definiert als ein unmotiviertes, heftiges und häufiges Bewegen von Kopf, Armen oder Beinen oder ein Ankämpfen gegen das Beatmungsgerät, trotz beruhigenden Zuspruchs vonseiten des Pflegepersonals. Das Vorliegen eines Erregungszustandes wurde durch einen klinischen Pharmakologen bestätigt, der die Patienten täglich morgens evaluierte und hierbei auch die Pflegeberichte der vorangegangenen Nacht beurteilte. Auch bei einer täglichen Besprechung der Intensivmediziner wurden die Fälle besprochen und das Vorliegen eines Erregungszustandes bestätigt. Insgesamt trat bei 95 Patienten (52 %) ein Agitationszustand bzw. eine längere Agitationsphase auf, während sich 87 Patienten in dieser Hinsicht unauffällig verhielten. Die Erregungszustände traten im Mittel 4,4 Tage nach Beginn der Intensivbehandlung auf und dauerten durchschnittlich 3,9 Tage. Lag ein Erregungszustand vor, so verlängerte sich hierdurch die Intensivbehandlungsdauer auf 16 Tage (ohne Erregungszustand 6 Tage).

Der Vergleich der beiden Patientengruppen mit und ohne Erregungszustand zeigte, dass bei den agitierten Patienten wesentlicher häufiger ein Alkohol- und Psychopharmakakonsum in der Anamnese eine Rolle spielte. Chirurgische Patienten waren seltener als internistisch Kranke von Erregungszuständen betroffen (Tab. [1]). Trat bei postoperativen chirurgischen Patienten ein Erregungszustand auf, so war er nicht selten der Vorbote einer gravierenden Komplikation wie beispielsweise einer Nahtinsuffizienz mit Peritonitis und/oder Sepsis. Auch Elektrolytstörungen wie z. B. eine Hyper- oder Hyponatriämie korrelierten mit Agitiertheit (Tab. [1]).

Tab. 1 Risikofaktoren in den beiden Gruppen Variable Gruppe mit Erregungszustand (n = 95) Gruppe ohne Erregungszustand (n = 87) p-Wert Alter 58 ± 18 62 ± 14 0,098 Männer/Frauen 66/29 52/35 0,211 Alkoholabusus 40 (42 %) 15 (17 %) 0,001 anamnestisch Einnahme von Psychopharmaka 32 (34 %) 6 (7 %) 0,001 vorangegangener Gebrauch von Sedativa - Benzodiazepine 54 (57 %) 20 (23 %) 0,001 - Opiate 46 (48 %) 18 (21 %) 0,001 vorangegangener Gebrauch von Neuroleptika 17 (18 %) 2 (2 %) 0,001 Körpertemperatur (°C) 38,5 ± 0,9 37,7 ± 0,8 0,0001 Nachweis einer Sepsis 70 (74 %) 33 (38 %) 0,001 höchster Natriumwert (mmol/L) 143,0 134,5 0,001 tiefster Natriumwert (mmol/L) 132,5 134,5 0,016

Im weiteren Verlauf waren Erregungszustände zwar nicht mit einer erhöhten Mortalität assoziiert, es traten jedoch signifikant häufiger unerwünschte Ereignisse auf. Beispielsweise kam es bei agitierten Patienten häufiger zur Selbstextubation oder zur unerwünschten Entfernung von Venenkathetern (Tab. [2]). Nosokomiale Infektionen wurden signifikant häufiger in der Gruppe der agitierten Patienten beobachtet.

Tab. 2 Folgen von Erregungszuständen Variable Gruppe mit Erregungszustand (n = 95) Gruppe ohne Erregungszustand (n = 87) p-Wert Selbst-Extubation 13/79 (16,5 %) 1/58 (1,7 %) 0,003 Entfernung zentralvenöser Katheter 14/88 (15,9 %) 1/82 (1,2 %) 0,001 Entfernung von Blasenkathetern 2/87 (2,3 %) 0/77 (0,0 %) 0,498 Dauer der maschinellen Beatmung 14,1 ± 18,7 Tage 3,5 ± 5,2 Tage 0,0001 nosokomiale Infektionen 33,7 % 6,9 % < 0,01 - Beatmungspneumonien 18/79 (22,8 %) 3/59 (5,1 %) 0,001 - Pneumonierate/1 000 Beatmungstage 16,2 14,7 0,06 - Bakteriämien 9/95 (9,4 %) 2/87 (2,3 %) 0,06 - Bakteriämierate/1 000 ICU-Tage 5,7 3,7 0,001 chirurgischer Zweiteingriff 15/51 (29,4 %) 2/76 (2,6 %) < 0,0001 Dauer des Intensivaufenthaltes 16 ± 19 6 ± 6 0,0001 Mortalität 11/95 (12,2 %) 7/87 (8,0 %) 0,466

Literatur

Hardy-Thorsten Panknin

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