Gastroenterologie up2date 2005; 1(2): 100-101
DOI: 10.1055/s-2005-921048
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Endoskopie - kein Risikofaktor für Hepatitisübertragung

Michael  Jung, Ulrich  Heil, Thomas  Rösch
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Publication Date:
29 December 2005 (online)

Kommentar zu:

Die digestive Endoskopie ist kein relevanter Risikofaktor für die Übertragung des Hepatitis-C-Virus

Digestive endoscopy is not a major risk factor for transmitting hepatitis C virus

Ciancio A, Mancini P, Castagno F, D’Antico S, Reynaudo P, Coucourde L, Ciccone G, Del Piano M, Ballare M, Peyre S, Rizzi R, Barletti C, Bruno M, Caronna S, Crucci P, De Bernardi Venon W, De Angelis C, Morgando A, Musso A, Repici A, Rizzetto M und Saracco G

Ospedale Molinette, Banca del Sangue e del Plasma della citta di Torino, Torino, Italy

Zusammenfassung

Hintergrund: Die potenzielle Rolle der gastrointestinalen Endoskopie als möglicher Übertragungsweg des Hepatitis-C-Virus (HCV) wird kontrovers diskutiert.

Ziel: Analyse der Rolle der gastrointestinalen Endoskopie in der Übertragung von HCV durch den Vergleich der Inzidenz der HCV-Infektion bei einer Kohorte endoskopierter Patienten und einer Kohorte von Blutspendern.

Design: Prospektive Kohortenstudie.

Setting: 3 Endoskopieeinheiten und 2 Blutbanken im nordwestlichen Italien.

Patienten: Die potenziell exponierte Kohorte bestand aus 9188 ambulanten Patienten, die konsekutiv in 3 Endoskopie-Einheiten rekrutiert wurde. Von 9008 HCV-negativen Patienten (anti-HCV-negativ) wurden 8260 (92 %) 6 Monate nach der Endoskopie erneut auf denselben Antikörper getestet. Die nicht exponierte Kohorte bestand aus 51 230 gesunden, anti-HCV-negativen Personen, die bei 2 Blutbanken in derselben Gegend und während derselben Zeit Blut spendeten; 38 280 von ihnen (75 %) wurden 6 - 48 Monate nach der ersten Blutspende erneut auf anti-HCV getestet (95 317 Personen-Jahre Nachbeobachtung).

Messungen: Unterschiede in der anti-HCV-Serokonversionsrate zwischen der exponierten Kohorte (Patienten nach Endoskopie) und der nicht exponierten Kohorte (Blutspender). Die Serokonversion wurde analysiert durch einen anti-HCV-Enzym-Immunoassay der 3. Generation; anti-HCV-positive Personen wurden mit der HCV-RNA-Polymerase-Kettenreaktion getestet.

Ergebnisse: Alle 8260 endoskopierten Personen blieben 6 Monate nach der Endoskopie anti-HCV-negativ (Risiko pro 1000 Personen, 0 [95 % CI, 0 bis 0,465]). Insbesondere zeigte keiner der 912 Patienten eine anti-HCV-Serokonversion, die mit demselben Instrument untersucht wurden, mit dem vorher ein HCV-Träger untersucht worden war (Risiko pro 1000 Personen, 0 [CI, 0 bis 4,195]). 4 Blutspender wurden anti-HCV- und HCV-RNA-positiv (mittleres Follow-up: 2,49 Jahre; 0,042 Fälle pro 1000 Personen-Jahre [CI, 0,011 bis 0,107 Fälle pro 1000 Personen-Jahre]); jeder der 4 hatte sich vor dem zweiten Test einem kleineren chirurgischen Eingriff unterzogen.

Limitationen: In der Endoskopie-Kohorte gingen 8,3 % der Patienten dem Follow-up verloren.

Schlussfolgerungen: Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass eine sachgemäß durchgeführte Endoskopie kein relevanter Risikofaktor für eine Hepatitis-C-Übertragung ist.

Ann Intern Med 2005; 142: 903 - 909

Nach einem Fallbericht der Hepatitisübertragung durch Koloskopie im New England Journal vor Jahren [1] schlugen die Wellen hoch: Die Endoskopie als potenzieller Überträger von Hepatitisviren und anderen Keimen wurde in einigen Ländern wie Frankreich und Italien auf die Liste der Ausschlusskriterien für eine Blutspende (6-12 Monate nach Endoskopie) gesetzt. Auch in Deutschland werden nach Empfehlung der Bundesärztekammer Patienten nach gastrointestinaler Endoskopie 6 Monate von der Blutspende ausgeschlossen.

Dieses Vorgehen wurde noch durch die Ergebnisse einer retrospektiven Studie gestützt, die aber nur als Abstract erschien [2]. Eine retrospektive epidemiologische Studie über Risikofaktoren der Hepatitisübertragung beschrieb 2001 neben zahlreichen chirurgischen und zahnärztlichen Eingriffen auch die Endoskopie als Risikofaktor für Hepatitis C (nicht B), allerdings mit relativ niedrigem Faktor (2,1) [3]. Darüber hinaus zeigte der Fallbericht im New England Journal nur die Hepatitisübertragung durch unsachgemäß aufbereitete Biopsiezangen. Zwei weitere Studien, eine als Abstract [4], die andere als Brief in einem lokalen Journal [5], haben diese These nicht gestützt. Doch zeigen die Mitteilungen, wie dünn das publikatorische Eis ist (kaum originalveröffentlichte Studien!). Deswegen ist die vorliegende prospektive Analyse hochwillkommen und räumt mit dem - wie man jetzt sagen kann - Vorurteil auf.

Die dokumentierten Endoskopie-assoziierten Erregertransmissionen waren alle mit unzureichend aufbereiteten Endoskopen und Zubehör verbunden. Die sachgerechte maschinelle Aufbereitung ist Voraussetzung für größtmögliche Patientensicherheit. Dass es hier noch Nachbesserungsbedarf gibt, hat die Münchner Hygea-Studie [6] gezeigt. Nachfolgende Abstracts auf der Datengrundlage der bayerischen KV 2003/4 konnten dies zunächst bestätigen, aber auch zeigen, wie Qualitätssicherungsmaßnahmen greifen können, die mit einem Lizenzentzug drohen. Die im letzten Jahr auf dem amerikanischen Gastroenterologenkongress vorgestellten Daten zeigten, dass Beanstandungen an initial 74 % der untersuchten Koloskope auf 9 % gesenkt werden konnten [7].

Literatur

Prof. Dr. med. Thomas Rösch

Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum

Email: thomas.roesch@charite.de