Z Gastroenterol 2005; 43 - P466
DOI: 10.1055/s-2005-920255

Sind bessere Angemessenheitskriterien für die diagnostische Koloskopie im Zeitalter der Vorsorge-Koloskopie erforderlich?

A Adler 1, S Roll 2, B Marowski 3, R Drossel 4, HU Rehs 5, B Wiedenmann 1, T Rösch 6
  • 1Charité, Campus Virchow Klinikum, Universitätsmedizin Berlin, Med. Klinik m.S. Hepatologie und Gastroenterologie, Berlin
  • 2Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin, Berlin
  • 3Endoskopiepraxis Dr. Bernhard Marowski, Berlin
  • 4Endoskopiepraxis Dr. Rolf Drossel, Berlin
  • 5Endoskopiepraxis Dr. Hans-Ulrich Rehs Berlin, Berlin
  • 6Charité Campus Virchow Klinikum, Med. Klinik m.S. Hepatologie und Gastroenterologie, Berlin

Hintergrund: Nachdem die Vorsorge-Koloskopie in Deutschland eingeführt wurde, entstand die Befürchtung, dass die Arbeitslast der Praxen durch diese Untersuchungen zu einer geringeren Inanspruchnahme der diagnostischen Koloskopie bei symptomatischen Patienten führt. Eine bessere Patientenauswahl wird daher als unabdingbar angesehen. Kriterien für die Angemessenheit der Koloskopie sind verfügbar, aber noch nie in einer realistischen Situation in Endoskopiepraxen getestet worden.

Patienten und Methoden: Die Daten aller konsekutiv durchgeführten Koloskopien aller 39 Berliner Endoskopiepraxen wurden während einer 6-tägigen Periode prospektiv gesammelt. Ein detaillierter Fragebogen wurde zur Definition der Indikationen und Symptome benutzt. Die Befunde aller Koloskopien wurden in der Vorsorge- und der Diagnostikgruppe registriert. In der Diagnostikgruppe wurden die Indikationen entsprechend den aktuellen Richtlinien für die Angemessenheit der ASGE und der EPAGE bewertet. Die Ergebnisse wurden dem Prozentsatz der relevanten Befunde (Neoplasien, Entzündungen) korreliert.

Ergebnisse: Während der Studienperiode wurden 1397 Koloskopien (57% Vorsorge, 43% Diagnostik) analysiert (39% männlich, 61% weiblich, mittleres Alter: 61 Jahre). Das Zökum bzw. terminale Ileum wurde in 92% erreicht. Entsprechend den ASGE und den EPAGE-Kriterien wurden 14% bzw. 37% der diagnostischen Koloskopien als unangemessen bewertet. Der Prozentsatz der relevanten Befunde war 10% höher in der angemessenen im Vergleich zu der unangemessenen Gruppe. Ein hypothetisches Modell zur Auswahl angemessener Indikationen wurde entwickelt: Wenn Schmerz, Blutung und Diarrhoen bei über 50-Jährigen, nicht aber Obstipation als angemessene Indikationen gelten, werden 20% der Koloskopien eingespart bei einer Verlustrate von 5% an relevanten Befunden.

Schlussfolgerungen: In einer durchschnittlichen multizentrischen Privatpraxisgruppe haben die Vorsorge- und die Diagnostikgruppe gleich viele relevante Befunde. Aktuelle Angemessenheitskriterien erscheinen nicht adäquat, da sie zu einer Verlustrate an relevanten Befunden von bis zu 15% führen. Einfachere Auswahlkriterien, die auf Alter und Symptomen basieren, sind geeigneter und sollten in einem größeren Patientenkollektiv getestet werden.

Keywords: Vorsorge-Koloskopie. Angemessenheitskriterien. Diagnostische Koloskopie