Hebamme 2005; 18(3): 137
DOI: 10.1055/s-2005-918606
Editorial

© Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Seltene, aber dramatische Alltagssituationen

Michael Krause
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
05. Dezember 2006 (online)

Liebe Leserinnen,

dieses Heft befasst sich schwerpunktmäßig mit einem wichtigen klinischen Thema: den kritischen Kreißsaalsituationen. Wir alle kennen die sehr seltenen, jedoch dramatischen Situationen aus unserem Alltag, zum Beispiel eine Schulterdystokie. Sie tritt meist unvorhersehbar auf. Es existieren zwar einige bekannte Risikofaktoren, sie stellen jedoch kein zuverlässiges Prognosekriterium dar. Eine Schulterdystokie ist nicht vermeidbar. Jedoch können die möglichen schweren kindlichen Folgeschäden durch beständiges mentales und manuelles Training am Phantom minimiert werden. Hilfreich dafür ist ein schriftlich fixiertes »Krisenmanagement«, welches einheitlich und verbindlich für Hebammen und Geburtshelfer gültig ist und im Kreißsaal schnell griffbereit liegen sollte.

Eine sich vor Schmerz krümmende Schwangere bzw. Gebärende betritt die Kreißsaalaufnahme. Sie ist unruhig, ihre Haut blass und kaltschweißig, ihr Puls ist tachykard. Durch ruhiges und umsichtiges Handeln muss sofort und zielgerichtet die Diagnose gestellt werden. Handelt es sich um eine vorzeitige Plazentalösung oder besteht eventuell eine Uterusruptur? Zwei Beiträge befassen sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Notfälle, der Diagnostik und Differenzialdiagnostik sowie ihrer adäquaten Therapie.

Eine Fruchtwasserembolie zählt zu den außerordentlich seltenen geburtshilflichen Notfällen und ist mir bisher nur aus episodischen Literaturmitteilungen bekannt. Die plötzlich einsetzende Schocksymptomatik, assoziiert mit einer schweren Gerinnungsstörung führt schnell zur Diagnose einer Fruchtwasserembolie. Trotz schnell begonnener und adäquater intensivmedizinischer Therapie des Notfalls endet dieser meistens für die Mutter letal.

Mit dem Krankheitsbild einer schweren Präeklampsie bzw. eines HELLP-Syndroms werden wir uns zukünftig häufiger auseinander setzen müssen. Der Anteil später Erstgebärender und Frauen, die durch verschiedene artefizielle Reproduktionstechniken schwanger geworden sind, steigt weiter. Eine aktive oder konservative Behandlung der Erkrankung, der Zeitpunkt und die Art und Weise der Entbindung werden heute hauptsächlich von der Schwere der Erkrankung und dem Gestationsalter bestimmt. Die besten Chancen für ein günstiges perinatologisches Outcome bestehen für Mutter und Kind in einem Perinatalzentrum mit einem entsprechend erfahrenen und interdisziplinär zusammenarbeitenden Team.

Von einem »geburtshilflichen Notfall« ganz anderer Art berichtet eine Hebamme. Die Konstellation: erfahrene Hebamme trifft auf unerfahrenen Arzt. Aber auch der umgekehrte Fall - erfahrener Facharzt trifft auf unerfahrene Hebamme - kann jeweils zu einer Über-, aber auch Unterschätzung einer kritischen Situation im Kreißsaal mit den entsprechenden therapeutischen Konsequenzen führen. Nur durch ein vertrauens- und respektvolles Miteinander im geburtshilflichen Team, welches durch gegenseitige Achtung und Anerkennung der fachlichen Kompetenz und der Fähigkeit einer kritischen und selbstkritischen Reflexion des geburtshilflichen Handels geprägt ist, können Situationen, wie die geschilderte, für Mutter und Kind vermieden werden.

Nicht zuletzt beschäftigt sich das Heft mit einem weiteren wichtigen Thema: der Umgang mit Frauen aus einem anderen soziokulturellen Umfeld. Das Wissen um die Ursachen der Andersartigkeit, die Akzeptanz fehlender Sprachkenntnisse und verschiedener gesellschaftspolitischer Integrationsprobleme helfen uns im Umgang mit Migrantinnen. Die Beiträge beleuchten die Vielfältigkeit der Problematik und geben Anregungen für die tägliche Arbeit. Nach dem großen Anklang, den unser »Türkisches Mini« im letzten Jahr gefunden hat, liegt diesem Heft ein Mini-Lexikon »Russisch für Hebammen und Geburtshelfer« bei.

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