Dtsch med Wochenschr 2005; 130(39): 2228
DOI: 10.1055/s-2005-916371
Leserbriefe

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Multiples Myelom

Zum Beitrag aus DMW 6/2005W. Herzog
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Publication Date:
27 September 2005 (online)

Der Artikel gibt einen sehr guten, differenzierten Überblick über das Multiple Myelom, die Klinik und die Therapiemöglichkeiten [10-12]. Allerdings heißt es in dem Diagnostik-Abschnitt auf Seite 279 [11]: „Der Urin ist stets zu untersuchen, da die Leichtkettenproteine bei intakter Nierenfunktion nahezu komplett über die Niere ausgeschieden werden und im Serum nicht als monoklonale Komponente nachgewiesen werden können.“

Diesen Satz möchte ich gerne kommentieren: Pro Tag sekretieren die Plasmazellen eines gesunden Menschen ca. 500 mg überschüssige freie Leichtketten-Moleküle ins Blut. Diese Proteine werden von der Niere glomerulär filtriert und weitgehend vollständig in den proximalen Tubuli resorbiert, so dass bei intakter Nierenfunktion nur Spuren in den Urin ausgeschieden werden. Gesunde Nieren sind in der Lage, 10 - 30 g Protein pro Tag zu metabolisieren [1]. Bei Multiplem Myelom und anderen Plasmazellerkrankungen werden in den meisten Fällen erhöhte Mengen an freien Leichtketten (FLC) ins Blut sekretiert. Im Urin treten die FLCs erst auf, wenn die Konzentration auf ein Vielfaches ansteigt und die Resorptionskapazität der Nierentubuli überschritten wird.

Erst zu diesem Zeitpunkt des Krankheitsverlaufs können mit den herkömmlichen Methoden (z. B. Urin-Immunfixationselektrophorese (IFE) oder Urin-Proteinelektrophorese) monoklonale FLCs nachgewiesen werden. Besonders für Patienten, die sich z. B. nach einer Chemotherapie in der Remission befinden, ist es allerdings wichtig, bereits einen geringfügigen Anstieg der FLC-Produktion detektieren zu können. Zudem birgt der Urintest auch klare methodische Nachteile: zum einen ist die Laboranalyse durch das Sammeln über 24h, Konservieren und Konzentrieren des Urins sehr aufwändig und fehleranfällig; außerdem können Hintergrundphänomene (z. B. bei Patienten mit Proteinurie) die Interpretation des IFE-Gels erschweren.

Seit einigen Jahren gibt es einen hochsensitiven immunologischen Test, mit dem sich spezifisch die FLC im Serum bestimmen lassen [2]. Damit kann erstmals eine direkte quantitative Aussage über dieses Tumorprodukt getroffen werden, die nicht erst indirekt den „Überlauf“ der proximalen Nierentubuli widerspiegelt. Dieser Test lässt mit einer Sensitivität von 1,5 - 3 mg/l eine quantitative Aussage sogar bis unter den Normalbereich der FLC-Konzentration im Serum zu [3]. Da die Halbwertszeit der freien Leichtkettenproteine mit 2 - 6 Stunden sehr viel kürzer ist als die der intakten Immunglobuline (z. B. IgG: 21Tage), kann bereits nach wenigen Stunden oder Tagen das Ansprechen des Tumors auf ein Medikament geprüft werden. Dadurch sind eine frühzeitige Therapiekontrolle sowie eine bessere Prognose des Multiplen Myeloms möglich [4] [5].

In den Richtlinien des „British Committee for Standards in Haematology“ (BCSH) ist der immunologische Serumtest bereits zur Diagnose von AL Amyloidose aufgenommen worden [6]. Für Diagnose, Verlauf und Prognose des Multiplen Myeloms und verwandten Erkrankungen ist der FLC-Test bereits von vielen Hämatologen und Onkologen weltweit etabliert und in die Routine integriert worden [7-9]. Die bisher verwandten Urintests können somit in den meisten Fällen durch den Serumtest ersetzt werden.

Literatur

Dr. Wilhelm Herzog

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