Zeitschrift für Palliativmedizin 2005; 6 - 59
DOI: 10.1055/s-2005-865453

Wunsch nach aktiver Sterbehilfe am Beispiel der amyotrophen Lateralsklerose (ALS)

C Neudert 1
  • 1Neurologische Klinik der Universität München

Bei der ALS kommt es zu einer unaufhaltsam zunehmenden Schwäche der Extremitäten-, Rumpf-, Sprech-, Schluck- und Atemmuskulatur. Die fortschreitenden Lähmungen und die damit zunehmende Abhängigkeit von Dritten werden in der Regel bei nicht beeinträchtigter kognitiver Leistungsfähigkeit erlebt. Damit stellt diese unheilbare Erkrankung -neben den körperlichen Symptomen – eine extreme psychische Belastung für den Erkrankten dar. Die ALS kann somit als besonders schwerwiegende Ursache von so genanntem „unerträglichem Leid“ betrachtet werden. Das Auftreten von Todeswünschen und Verlangen nach Sterbehilfe bleiben daher nicht aus. Nach Studien aus den Niederlanden sterben dort in etwa 20% der ALS-Patienten durch Euthanasie oder ärztlich unterstütztem Suizid (PAS). Dies ist im Vergleich zu Tumorpatienten, bei denen der Anteil von Todesfällen durch Euthanasie und PAS bei 2,7% liegt, ein deutlich erhöhter Wert. Die Gründe hierfür sind noch unklar. Nach eigenen Untersuchungen besteht bei etwa 9% der ALS-Patienten trotz guter palliativmedizinischer Versorgung der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe, wobei eine höhere Dunkelziffer nicht auszuschließen ist. Die Stärkung der Autonomie der Patienten führte in Deutschland, trotzt der furchtbaren Ereignisse im Dritten Reich, unter anderem auch zu einer vermehrten öffentlichen Diskussion über Euthanasie und PAS bei „unerträglichem Leid“. Auch gibt es Hinweise bei ALS-Patienten auf einen „Sterbe-Tourismus“ in die Schweiz und Euthanasie durch Angehörige. Hieraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit nach systematischer Forschung in diesem Bereich, um so die Betroffenen besser betreuen und eine Diskussion dieser schwerwiegenden Themenbereiche gut begründet führen zu können.