Rehabilitation (Stuttg) 2005; 44(1): 1-13
DOI: 10.1055/s-2004-834622
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wirtschaftlichkeit ambulanter Rehabilitation - Abschließende Ergebnisse eines Projektes in Mecklenburg-Vorpommern

Economic Efficiency of Outpatient Rehabilitation - Final Results of a Study in Mecklenburg-VorpommernH.  E.  Klingelhöfer1 , A.  Timm1
  • 1Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Betriebliche Finanzwirtschaft, insbes. Unternehmensbewertung, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Further Information

Publication History

Publication Date:
25 January 2005 (online)

Zusammenfassung

Der vorliegende Artikel referiert die abschließenden Ergebnisse eines Projektes im Förderschwerpunkt „Rehabilitationswissenschaften” zur wirtschaftlichen Vorteilhaftigkeit ambulanter Rehabilitation in Mecklenburg-Vorpommern. Die verarbeiteten Daten resultieren aus einer Vollerhebung aller für eine ambulante Rehabilitation hinsichtlich aller Kriterien geeigneten Reha-Antragsteller der dortigen Landesversicherungsanstalt mit orthopädisch-traumatologischen Indikationen. In der randomisierten und kontrollierten Studie wurde zunächst geprüft, ob der Rehabilitationserfolg und das Niveau der wiederhergestellten Arbeitsfähigkeit bei ambulanten und stationären Rehabilitationsmaßnahmen zumindest vergleichbar sind. Erst unter Voraussetzung dieser Bedingung sollte die Frage untersucht werden, ob es durch die Wahl einer ambulanten Rehabilitationsmaßnahme zu nach Höhe und Zeit veränderten Beitragsausfällen und/oder Zahlungen für erwerbsminderungsbedingte Lohnersatzleistungen kommt und ob die Maßnahme selbst mit anderen Kosten für die gesetzliche Rentenversicherung verbunden ist. Die abschließenden Ergebnisse bestätigen, dass die ambulante Rehabilitation für dazu geeignete Patienten einen ungefähr vergleichbaren Rehabilitationserfolg mit deutlich weniger Mitteln als stationäre Maßnahmen erzielen kann.

Abstract

This article presents the final results of a project comparing the economic effects of outpatient and inpatient rehabilitation in Mecklenburg-Vorpommern. The data analysed have been derived from the total population of applicants for orthopaedic-traumatologic rehabilitation who are suitable for outpatient rehabilitation in all criteria. The randomized and controlled study at first verified whether the outcome parameters of the two variants of rehabilitation are approximately equal. If this condition is fulfilled the differences between amounts and periods of payments and costs incumbent on the pension insurance agency are analyzed. And in fact, the final results confirm that, in suitable patients, outpatient rehabilitation can achieve approximately the same outcomes as inpatient rehabilitation - but at distinctly lower cost.

Literatur

  • 1 AG Reha-Ökonomie im Förderschwerpunkt Rehabilitationswissenschaften (Hessel F, Kohlmann T, Krauth C, Nowy R, Seitz R, Siebert U, Wasem J) .Ökonomische Evaluation in der Rehabilitation. Teil I: Prinzipien und Empfehlungen für die Leistungserfassung. In: Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (Hrsg) Förderschwerpunkt „Rehabilitationswissenschaften”, Empfehlungen der Arbeitsgruppen „Generische Methoden”, „Routinedaten” und „Reha-Ökonomie”. DRV-Schriften, Band 16.  Frankfurt/Main; VDR 1999: 106-194
  • 2 Bühl A, Zöfel P. SPSS 11. Einführung in die moderne Datenanalyse unter Windows. 8., überarb. und erweit. Aufl. München; Pearson Studium 2003
  • 3 Bührlen B, Jäckel W H. Modellprojekt der LVA Rheinland-Pfalz zur teilstationären Rehabilitation: erste Ergebnisse.  Rehabilitation. 1999;  38, Suppl 1 S61-S67
  • 4 Bührlen B, Jäckel W H. Teilstationäre orthopädische Rehabilitation: Therapeutische Leistungen, Behandlungsergebnis und Kosten im Vergleich zur stationären Rehabilitation.  Rehabilitation. 2002;  41 (2/3) 148-159
  • 5 Bürger W, Dietsche S, Morfeld M, Koch U. Ambulante und stationäre orthopädische Rehabilitation. Ein Vergleich von Strukturmerkmalen, Wirksamkeit und Kosten. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung im Rahmen der Empfehlungsvereinbarung von Kranken- und Rentenversicherung zur ambulanten/teilstationären Rehabilitation für den Indikationsbereich Orthopädie. Hamburg; 2002
  • 6 Bürger W, Koch U. Wie groß ist der Bedarf für ambulante Formen der Rehabilitation im Bereich der Orthopädie? - Ergebnisse eines Mehrperspektivenansatzes.  Rehabilitation. 1999;  38, Suppl 1 S12-S23
  • 7 Hax H. Investitions- und Finanzplanung mithilfe der linearen Programmierung.  Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung. 1964;  16 430-446
  • 8 Hering T. Investitionstheorie aus der Sicht des Zinses. Wiesbaden; Gabler 1995
  • 9 Klingelhöfer H E. Investitionsbewertung auf unvollkommenen Kapitalmärkten unter Unsicherheit.  Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis. 2003;  55 (3) 279-305
  • 10 Klingelhöfer H E, Lätzsch A. Wirtschaftliche Aspekte der ambulanten Rehabilitation - Methodische Ansätze und Zwischenergebnisse aus einem Projekt zur Wirtschaftlichkeit ambulanter Rehabilitation in Mecklenburg-Vorpommern.  Rehabilitation. 2002;  41 (2/3) 201-208
  • 11 Klingelhöfer H E, Lätzsch A. Wirtschaftlichkeit ambulanter Rehabilitation. In: Burchert H, Hering T (Hrsg) Gesundheitswirtschaft. Aufgaben und Lösungen. München, Wien; Oldenbourg 2002
  • 12 Maier-Riehle B, Schliehe F. Aktuelle Entwicklungen in der Rehabilitation.  Rehabilitation. 1999;  38, Suppl 1 S3-S11
  • 13 Matschke M J, Klingelhöfer H E, Lätzsch A. Wirtschaftlichkeitsparameter beim Auf- und Ausbau von Einrichtungen ambulanter Rehabilitation für die gesetzliche Rentenversicherung - Das Projekt A3 im Forschungsverbund Sachsen-Anhalt/Mecklenburg-Vorpommern. Greifswald; Unveröffentl. Projektabschlussbericht 2003
  • 14 Muthny F A, Bullinger M, Kohlmann T. Variablen und Erhebungsinstrumente in der rehabilitationswissenschaftlichen Forschung - Würdigung und Empfehlungen. In: Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (Hrsg) Förderschwerpunkt „Rehabilitationswissenschaften”, Empfehlungen der Arbeitsgruppen „Generische Methoden”, „Routinedaten” und „Reha-Ökonomie”. DRV-Schriften, Band 16. Frankfurt/Main; VDR 1999: 53-79
  • 15 Quade E S. Kosten-Wirksamkeits-Analyse. In: Recktenwald HC (Hrsg) Nutzen-Kosten-Analyse und Programmbudget. Tübingen; J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1970: 235-242
  • 16 Rürup B. Die Nutzwertanalyse.  Wirtschaftswissenschaftliches Studium. 1982;  11 (3) 109-113
  • 17 Schöffski O, Uber A. Grundformen gesundheitsökonomischer Evaluationen. In: Schöffski O, Glaser P, Schulenburg JM von der (Hrsg) Gesundheitsökonomische Evaluationen. Berlin u. a.; Springer 1998: 69-78
  • 18 Törne I von. Ergebnisse der Evaluation der ambulanten orthopädisch/traumatologischen Rehabilitation. München; I + G Gesundheitsforschung GmbH 1998, verfügbar unter URL: http://zat-deutschland.de/sond/jour/index.htm (aufgerufen 4.6.2004)
  • 19 Weingartner H M. Mathematical programming and the analysis of capital budgeting problems. Englewood Cliffs; Prentice Hall 1963

1 Formal sind dafür Methoden der Investitionsrechnung anzuwenden, d. h. streng genommen das Hax-Weingartner-Modell, ggf. erweitert um Unsicherheitsaspekte (vgl. [19], S. 16 ff., [7], S. 435 ff., [9], S. 288 ff.). In praktischen Anwendungen wird freilich zumeist die Kapitalwertmethode schon ausreichen, die sich durch Abzinsung künftiger Zahlungen wegen entgangener oder zu zahlender Zinsen auszeichnet (vgl. dazu etwa [8], S. 48 f., 55, 58 - 60, 130 - 132, [9], S. 292 ff.). Ihr Prinzip lässt sich auch auf Verbesserungen der Lebensqualität übertragen, sofern man davon ausgeht, dass diese vergleichsweise umso weniger wert sind, je später sie eintreten.

2 Dazu muss sichergestellt werden, dass in der Interventionsgruppe wie in der Kontrollgruppe die Mischung der Patienten keine systematisch bedingten Einseitigkeiten aufweist.

3 Er setzte sich zusammen (vgl. Tab. [1]) aus Fragebogen zum allgemeinen Gesundheitszustand (SF-12), zum Reha-Status (IRES-2), zur körperlichen Funktionsfähigkeit (FFbH) und zu den Kontrollüberzeugungen (KKG). Ergänzend fanden sich im Zeitpunkt t0 Fragebogen zur sozialen Unterstützung (F-SOZU) und zu den rehabilitationsbezogenen Erwartungen und Motivationen (FREM-17) sowie in t1 und t2 zur Zufriedenheit (ZUF-8). Auf diese Weise sollten nicht nur Erfolgsindikatoren abgefragt werden, sondern gleichzeitig die für deren Beurteilung wichtigen Erfolgsdeterminanten, um sicherzustellen, dass das Ergebnis nicht etwa aufgrund falscher Erwartungen seitens des Patienten (Stichwort: Reha = „Kurlaub”), Motivationen oder sonstiger Voraussetzungen verfälscht wird (vgl. [13], S. 11 - 14). Alle eingesetzten Bogen wurden u. a. auch von der Arbeitsgruppe „Generische Methoden”, Unterarbeitsgruppe „Variablen und Instrumente” empfohlen (vgl. [14]).

4 Sie enthalten u. a. die an die Einrichtungen zu zahlenden Kosten für die therapeutischen Leistungen, die Fahrt- und sonstigen Nebenkosten, das Übergangsgeld und die damit verbundenen übernommenen oder entgangenen Sozialversicherungsbeiträge sowie die während der Projektlaufzeit anfallenden Renten wegen Erwerbsminderung.

5 Im Endeffekt beschränkte sich der Einsatz des Funktionsfragebogens Hannover (FFbH) indikationsbezogen auf die Ausprägungen R für Rückenerkrankungen und OA für Erkrankungen der großen Gelenke, da der einzige tatsächlich infrage kommende Patient mit polyartikulären Gelenkerkrankungen (P) seine Maßnahme nicht antrat.

6 Für die Varianzanalyse wurden gemischte lineare Modelle gewählt, weil diese aufgrund des verwendeten Algorithmus bei wiederholten Messungen auch dann funktionieren, wenn nicht alle Messwiederholungen besetzt sind (vgl. [2], S. 428), während allgemeine lineare Modelle nur diejenigen Fälle auswerten können, für die zu keinem Zeitpunkt Werte fehlen.

7 Während unter „Nebenkosten” im Text alle Kosten außerhalb der Kosten für die therapeutischen Leistungen verstanden werden, gelten in den Konten der LVA M-V nur die beim Versicherten anfallenden erstattungsfähigen Kosten als Nebenkosten, also etwa Fahrtkosten, Verpflegungskosten, Kosten für eine Haushaltshilfe etc. Die Patienten dieser Studie beantragten allerdings Erstattungen - außer für die Fahrtkosten - nur für nicht näher spezifizierte so genannte „sonstige Kosten”.

8 Der Betrag von 920,31 € ist nur in zwei irregulären Fällen unterboten worden.

9 Dieser Einfluss der Kosten auf die Clusterbildung ließ sich nicht einmal durch eine - zwecks besserer Vergleichbarkeit der verschiedenen Dimensionen vorgenommene - Transformation aller Werte auf einer Skala von 0 - 1 (niedrigste Kosten werden als Nullpunkt festgelegt, höchste als 1) beseitigen.

10 Unterschiede zu den vorher beschriebenen Anteilen an Kostengruppen ergeben sich daraus, dass dieser Abbildung nur der Teil der Fälle zugrunde liegt, der für den IRES zu den Zeitpunkten t0 und t1 Ergebnisse hatte.

PD Dr. habil. Heinz Eckart Klingelhöfer

Universität Greifswald

Friedrich-Loeffler-Straße 70

17489 Greifswald

Email: [email protected]