Hintergrund: Die „Erbforschung“ der 1920er bis 1940er Jahre hatte eine als vererbt angenommene
Erkrankung als „Minderwertigkeit“ bezeichnet. Der Ausschluss von gesundheitlicher
Versorgung und die massenhaft angewandte Sterilisationspraxis im Nationalsozialismus
dokumentierten die Folgen derartiger Diagnosen auf dramatische Weise. Angesichts der
Warnung vor weiter steigenden Gesundheitsausgaben und einer gleichzeitig zunehmenden
medizinischen wie auch öffentlichen Erwartung an die Voraussehbarkeit von Erkrankungen
stellt sich die Frage, zu welchen Konsequenzen die Zunahme und Vorverlegung der Risikoprognosen
in Zukunft führen. Ziel: Analyse des historischen und aktuellen Stigmatisierungspotentials. Methoden: Historische Analyse, Auswertung aktueller Literatur. Ergebnisse: Im Unterschied zu historischen Aussagen der Medizin finden sich in der aktuellen
medizinischen Diskussion keine Diffamierungen genetischer Risiken, sondern der Verweis
auf individuelle Prävention, Enhancement und Risikomodifikation. Die damit verbundenen
positiven, bisher aber nicht validierten Erwartungen richten sich auf das individuelle
Risikomanagement. Gleichzeitig ist im ökonomischen Kontext von Privatversicherungen
Leistungsausschluss und Beitragserhöhung bei bekannten Risiken bereits gängige Praxis.
Diskussion: Schlagen die Erwartungen an die Prävention genetischer Risiken fehl, besteht die
Gefahr der Stigmatisierung nicht aufgrund genetischer Fakten, sondern der Unfähigkeit,
sie zu managen. Zudem führt die ökonomische Benachteiligung bei bekannten Risiken
zu einer Vergrößerung der sozialen Ungleichheit, die ihrerseits kontraproduktiv für
den Erfolg von Präventionsmaßnahmen sein dürfte. Schlussfolgerungen: Die „politisch korrekte“ Bezeichnung genetischer Dispositionen, die die von ihr Betroffenen
nicht stigmatisiert, ist nicht gleichzusetzen mit ihrer ökonomischen und damit faktischen
Gleichberechtigung. Die erwarteten Präventionspotentiale enthalten angesichts ihrer
fehlenden Validierung und der zu erwartenden Vergrößerung sozialer Ungleichheit ihrerseits
sozialen Sprengstoff.