Zeitschrift für Sexualforschung 2004; 17(4): 312-322
DOI: 10.1055/s-2004-832437
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Kindersexualität

Konturen eines dunklen Kontinents[*] G. Schmidt
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Publication Date:
11 January 2005 (online)

Übersicht:

Ohne die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich verschiebende Diskursivierung der Sexualität, mit der diese psychologisiert und biographisiert wurde, sei, so betont der Autor einleitend, das Interesse an der Sexualität von Kindern nicht zu denken. Beeinflusst seien unsere Auffassungen der Sexualität von Kindern bis heute von zwei zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts erschienenen Werken, nämlich Sigmunds Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” und Albert Molls Studie „Das Sexualleben des Kindes”. In diesen wurden paradigmatisch unterschiedliche Sichtweisen entwickelt, die Schmidt als homologe (Moll) und heterologe (Freud) Konzepte bezeichnet. Während die Vertreter des homologen Modells strukturelle Ähnlichkeiten von Kinder- und Erwachsenensexualität betonten, bestünden die Vertreter des heterologen Modells auf der Besonderheit und der strukturellen wie qualitativen Unterschiedlichkeit der Sexualität von Kindern. Der Autor stellt die wichtigsten Ergebnisse der beiden Positionen dar und erörtert ihre Probleme. Insgesamt, so meint er, seien die Ansichten der homologen Position zu wenig differenziert und würden dem komplexen Phänomen der sexuellen Sozialisation nicht gerecht. Relevanter für das Verständnis der frühkindlichen sexuellen Sozialisation seien die Theoreme der heterologen Position, zu der auch jene soziologischen Konzepte gehören, die die Bedeutung sexueller Wünsche, Phantasien und Gewohnheiten betonten und diesen sexualisierende, also sexuell motivierende Kräfte zusprächen.

1 Nach einem Vortrag auf der 8. Arbeitstagung der Wiener Child Guidance Clinic zum Thema Die Sexualität des Kindes vom 2. bis 4. Juni 2004 in Wien

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1 Nach einem Vortrag auf der 8. Arbeitstagung der Wiener Child Guidance Clinic zum Thema Die Sexualität des Kindes vom 2. bis 4. Juni 2004 in Wien

Prof. Dr. phil. G Schmidt

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