Pneumologie 2005; 59(3): 165-166
DOI: 10.1055/s-2004-830235
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Bronchialkarzinom-Screening revisited - Kämmen wir Giraffen?

Lung Cancer Screening Revisited - Are we Merely Combing a Giraffe?R.  Merget1 , G.  Johnen1 , B.  Pesch1 , T.  Brüning1
  • 1Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin (BGFA), Bochum
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Publication Date:
08 March 2005 (online)

„Giraffenkämmen” wurde in einer kürzlichen „Editor's Note” zur Geschichte des Asbestverbots in Frankreich und Deutschland synonym mit „unnützer Verschwendung” gebraucht [1]. Die Autoren geißeln darin die halbherzigen Bemühungen der Politik zur Primärprävention asbestinduzierter Karzinome. Die Forderungen nach verstärkten Bemühungen zur Einschränkung des Zigarettenrauchens - seit 1950 als Hauptursache von Lungenkrebs bekannt - erinnerten uns ans Giraffenkämmen, deshalb - die Autoren mögen es uns verzeihen - haben wir dieses Bild aufgegriffen. Hunderttausende Zigarettenautomaten hängen bundesweit zugänglich für jedermann und jedes Kind - denn sie hängen greifbar niedrig. Die Überlebenschancen sind nach einer Lungenkrebsdiagnose auch heute noch gering, die Diagnose wird in der Regel erst im Spätstadium gestellt. Hilft uns hier eine bessere Sekundärprävention?

Vor vier Jahren haben wir uns skeptisch geäußert [2]. Nowak u. Mitarb. stellen in ihrer Übersichtsarbeit die neuen Entwicklungen des Instrumentariums ausführlich dar [3]. Was hat sich geändert seit 2001? Es wurden inzwischen umfangreiche randomisierte, kontrollierte Studien (ohne deutsche Beteiligung) aufgelegt. Ein belastbares Ergebnis wird erst in vielen Jahren verfügbar sein. Was sollen wir zwischenzeitlich tun, insbesondere mit den Kollektiven, die beruflich gegenüber Asbest (oder Quarz) langjährig belastet waren? Unsere Antwort: Wir wissen es nicht. Welche Methoden sind geeignet: low-dose-Computertomographie, Sputumzytologie, Bestimmung von molekularen Tumormarkern oder gar invasive Verfahren wie Fluoreszenzbronchoskopie?

Unser Wissen über die Mechanismen der Krebsentstehung ist durch die neuen molekular-biologischen Methoden, z. B. durch „FISH & CHIPS'” (Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung und DNA-Chipanalyse) rapide gewachsen. Sie erlauben nicht nur neue Therapieansätze [4], sondern bieten möglicherweise auch Instrumente für die Früherkennung. So wurden Testsysteme entwickelt, die Marker für typische Prozesse der Krebsentstehung detektieren. Ein solches Testsystem ist gerade für das Mesotheliom entwickelt worden [5]. Es ist notwendig, die prädiktiven Eigenschaften dieser Marker in großen Kollektiven wissenschaftlich zu prüfen. Die Hoffnungen sollten jedoch nicht zu hoch gesetzt werden, da ein einzelner molekularer Marker selten ausreichend spezifisch und sensitiv ist. Andererseits konnte für Panels bestehend aus Kombinationen von mehreren Tumormarkern eine Steigerung der Sensitivität nachgewiesen werden [6]. Unabhängig vom Forscherdrang bei der Suche nach molekularen Fingerprints - die Lunge ist noch immer schlecht zugänglich für nichtinvasive Verfahren. In welchem Medium sollen diese Marker untersucht werden? Serum? Atemexhalat? Neue molekular-biologische Verfahren haben einen Nachteil: sie sind teuer. So kostet eine Untersuchung für UroVysion, ein Marker für Harnblasenkarzinome, über 100 Euro. Wir haben heute beachtliche Möglichkeiten zum „Mining” nach neuen Markern mit Chiptechnologie - aber auch jeder gute Chip kostet noch mehr als 500 Euro. Das Budget ist hier - neben den aufwändigen epidemiologischen Untersuchungen - der begrenzende Faktor.

Anlässlich des 46. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie in Berlin wird dieses Thema aufgegriffen. Es sollte ein Konsens angestrebt werden, wie in dieser Sache derzeit sinnvoll zu handeln ist.

Literatur

Prof. Dr. med. Rolf Merget

Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin · Institut der Ruhr-Universität Bochum

Bürkle-de-la-Camp-Platz 1

44789 Bochum ·

Email: merget@bgfa.ruhr-uni-bochum.de