Pneumologie 2005; 59(3): 204-212
DOI: 10.1055/s-2004-830198
Tagungsbericht
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Neue Entwicklungen im Gesundheitssystem und ihre Auswirkungen auf die Pneumologie

Pneumorunde 2004New Developments in the Health Care System and their Impact on PulmonologyG.  Steinkamp1. - 3. Oktober 2004. Tagungszentrum Tremsbüttel. Mit Unterstützung der Fujisawa Deutschland GmbH. Chairman: Professor Dr. Helgo Magnussen, Großhansdorf
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Publication Date:
08 March 2005 (online)

Integrierte Versorgung und medizinische Versorgungszentren in der Pneumologie

Thomas Hering, Berlin

Angesichts der Gesundheitsreform mit ihren neuen Versorgungsmodellen nehmen derzeit alle Leistungserbringer und Patienten an einem Experiment mit unklarem Ausgang teil. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der eingeschlagene Weg in einigen Jahren wieder verlassen wird, weil ein wesentliches Ziel, die Versorgungsqualität zu verbessern, nicht erreicht wird.

Der Referent schilderte eigene Erfahrungen mit einem Modell zur integrierten Versorgung zwischen einer pneumologischen Praxis und einem Stadtteilkrankenhaus in Berlin. Ein kirchliches Krankenhaus mit 250 internistischen Betten, das vor allem multimorbide Patienten behandelt, kooperiert mit einer pneumologischen Praxis. Das Modell wurde unabhängig von der kassenärztlichen Vereinigung entwickelt. Es hat zum Ziel, die Schnittstelle zwischen Praxis und Klinik zu verbessern. Dies ist besonders wichtig für das Management von Aufnahme und Entlassung bzw. Nachbetreuung in der Praxis. Bei funktionierender Kooperation sollen die Liegezeiten verkürzt werden. Die Arzneimittelversorgung soll ein gemeinsames Präparate-Repertoire umfassen. Außerdem sollen die Durchführung und Interpretation von Lungenfunktionstests und Blutgasanalysen optimiert und Assistenzärzte pneumologisch ausgebildet werden. Rund 90 % der gemeinsam betreuten Patienten haben Exazerbationen einer COPD oder Pneumonien.

Voraussetzung für eine funktionierende integrierte Versorgung ist ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Kooperationspartnern, denn ambulant und stationär tätige Ärzte kommen aus zwei verschiedenen Welten: In der niedergelassenen Praxis behandelt man Patienten über viele Jahre im Rahmen einer „10-Minuten-Medizin”. Die Ärzte sind einem starken Kostendruck unterworfen, so dass eine Rationalisierung von Standardabläufen erforderlich ist. Die Klinik betreut Patienten über wenige Tage, und der Patient verschwindet nach der Entlassung normalerweise aus dem Blickfeld der Krankenhausärzte. Es wird innerhalb eines kurzen Zeitraums eine umfassende medizinische Betreuung geboten, die die gesamte Innere Medizin umfasst. Dabei bietet ein hohes pflegerisches Potenzial zusätzliche Vorteile.

Zum Aufbau einer integrierten Versorgung hat man zunächst eine befristete Testphase von neun Monaten eingeplant. Erst danach soll ein Vertrag nach § 140 mit den Krankenkassen geschlossen werden. Der initiale Vertrag wurde zweiseitig zwischen Krankenhaus und Praxis abgeschlossen. Er sieht eine starke Stellung des internistischen Chefarztes vor. Die Leistungen der Praxis und des Krankenhauses sind definiert. Dazu gehört eine mehrfach wöchentliche Präsenz der Pneumologen auf der Station und die pneumologische Fortbildung des Krankenhauspersonals. Im Gegenzug stellt das Krankenhaus einen Assistenzarzt, der im Umfang einer viertel Stelle in der Facharztpraxis mitarbeiten soll. Außerdem gibt das Krankenhaus einen bestimmten Prozentsatz der pneumologischen DRGs an die Praxis ab.

Für stationär aufgenommene Patienten wurde ein spezielles Formular entwickelt, das bei Aufnahme ausgefüllt und an die Praxis gefaxt wird. Dort überblickt man etwa 30 000 pneumologische Patienten, sodass eine gute Chance besteht, dass der Patient in der Praxis bekannt ist und wichtige Vorinformationen an die Klinik gegeben werden können, um den dortigen Aufwand zu vermindern. Bei der Entlassung des Patienten faxt der Assistenzarzt die wichtigsten Informationen auf dem Entlassungs-Formular an die niedergelassenen Pneumologen. Es erfolgt eine telefonische Absprache zur weiteren Planung bzw. eine mündliche Absprache während der regelmäßigen Visiten der Pneumologen im Krankenhaus.

Wenn man neue Versorgungsstrukturen einführt, muss festgelegt werden, wer wem etwas zu sagen hat. Eine funktionierende integrierte Versorgung belastet vor allem den Assistenzarzt: Die Kommunikation mit den Niedergelassenen bei Aufnahme und Entlassung ist zusätzlicher Aufwand, und die kürzeren Liegezeiten beschleunigen den Patientendurchlauf. Eine angemessene Honorierung oder ein Karrierevorteil ist daraus kaum abzuleiten. Außerdem muss der Assistenzarzt zwei Kompetenzzentren beachten, nämlich den Chefarzt und den Pneumologen.

Nach bisher fünfmonatiger Laufzeit hat man mit dem Berliner Modell gute und weniger gute Erfahrungen gesammelt. Ob das Projekt nach der neunmonatigen Erprobungsphase in einen Vertrag nach § 140 übergehen wird, wird sich in den folgenden Monaten zeigen.

In der Diskussion zeigte sich, dass in einigen Bundesländern die kassenärztlichen Vereinigungen das Entstehen neuer Versorgungsformen blockieren, während es in anderen Bundesländern die Krankenkassen sind, die neue Konzepte verhindern. Die medizinischen Versorgungszentren haben aus kassenärztlicher Sicht das Problem, dass das Zentrum nur eine einzige Abrechnungsnummer bekommt. Alle Zahlungen gehen in einen Topf, und die teilnehmenden Ärzte müssen das Geld unter sich verteilen. Besser wäre es, die kassenärztliche Vereinigung würde die Honorarverteilung übernehmen. In medizinischen Versorgungszentren können die angestellten Ärzte am Erfolg des Zentrums finanziell beteiligt werden.

Literatur

Prof. Dr. med. Gratiana Steinkamp

Schellingstr. 5a

30625 Hannover ·

Email: steinkamp@med-wiss.com