Gesundheitswesen 2004; 66(5): 303-310
DOI: 10.1055/s-2004-813140
Originalarbeit

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das National Institute for Clinical Excellence (NICE)

Staatsmedizinisches Rationierungsinstrument oder Vorbild für die evidenzbasierte Bewertung medizinischer Leistungen?The National Institute for Clinical Excellence (NICE)Agency for Rationing Health Care Services or Model for Evidence-Based Health Care?H. Rothgang1 , D. Niebuhr2 , J. Wasem3 , S. Greß3
  • 1Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen
  • 2Lehrstuhl für Gesundheitsmanagement, Universität Greifswald
  • 3Lehrstuhl für Medizinmanagement, Universität Duisburg-Essen
Dieser Beitrag beruht auf den Ergebnissen des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojektes „Verfahren und Kriterien zur Bestimmung des Leistungskatalogs in der Gesetzlichen Krankenversicherung vor dem Hintergrund internationaler Erfahrungen.”
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
13. Mai 2004 (online)

Zusammenfassung

Das englische National Institute for Clinical Excellence (NICE) wird in der bundesdeutschen Diskussion um die Reform der Institutionen zur Konkretisierung des Leistungskatalogs in der GKV entweder als Vorbild oder als abschreckendes Beispiel genannt. Die Analyse der von NICE angewandten Verfahren und Kriterien zur Bewertung medizinischer Leistungen zeigt eine beachtliche Legitimität der Entscheidungen von NICE: Zum einen sind die von NICE angewandten Verfahren transparent und lassen eine breite Repräsentanz der beteiligten Interessengruppen zu, wodurch die Entscheidungen prozedural legitimiert werden. Zum anderen berücksichtigen die Entscheidungskriterien die Kosteneffektivität der zu bewertenden Leistungen - wenn solche Informationen zuverlässig vorliegen -, ohne dass Kosteneffektivität das einzige Entscheidungskriterium bleibt. Damit werden die Entscheidungen vom Ergebnis her legitimiert. Schematische direkte Rationierungseffekte als Folge der von NICE getroffenen Entscheidungen sind nur sehr eingeschränkt identifizierbar. Dennoch wird der Trade-off zwischen allokativ optimalen Entscheidungen und der Vermeidung von distributiven Konsequenzen deutlich.

Abstract

In discussions on the development of the institutional framework for decisions on the benefit package of social health insurance in Germany, the English National Institute for Clinical Excellence (NICE) is considered as either a good or a bad example for reform. According to this study, the procedures and criteria applied by NICE for making health care coverage decisions are legitimate. Procedures are transparent and interest groups are broadly represented. Decision criteria include cost effectiveness of services - albeit only if information on cost effectiveness is available and highly evident. Furthermore, cost effectiveness is not the only criteria for coverage decisions. NICE very rarely induces strong direct rationing, but rather leaves room for discretion. However, the trade-off between maximising allocative efficiency and avoiding distributional consequences becomes apparent.

Literatur

1 Die ebenfalls von NICE durchgeführte und auch für das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen geforderte Entwicklung von Leitlinien ist hingegen nicht Gegenstand dieses Beitrags.

2 NICE ist gegenüber dem englischen Gesundheitsministerium und der Walisischen Nationalversammlung rechenschaftspflichtig. Aus Gründen der Vereinfachung bezieht sich der Text ausschließlich auf England. Für Schottland ist das Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN) zuständig, das aber ausschließlich klinische Leitlinien erarbeitet und daher in diesem Beitrag nicht weiter diskutiert wird.

3 Der Mitarbeiterstab von NICE besteht aus rund 40 Vollzeitbeschäftigten. Hinzu kommen sieben ehrenamtliche und vier hauptamtliche Direktoren, die ebenso vom Gesundheitsminister ernannt werden wie der Vorsitzende. 2002/2003 verfügte NICE über ein Budget von rund 15 Millionen £. Allerdings kann NICE auf eine - aus Steuermitteln - ausgebaute Infrastruktur an Universitätseinrichtungen zurückgreifen, die HTA-Reports für das Institut verfassen.

4 Bei diesen Mitgliedern handelt es sich um mindestens ein Mitglied des Instituts als Vorsitzenden, mindestens ein Mitglied aus den NHS-Organisationen, ein Mitglied aus der Industrie oder aus dem klinischen Bereich und ein Mitglied der Patienten- oder Pflegeorganisationen.

7 Die Irrtumswahrscheinlichkeit für diese Aussage liegt jeweils bei 9 % (Modell 1) bzw. 2 % (Modell 2). Die Regressionsgleichungen auf den Logit lauten dabei: y = -0,00013 ×+ 0,2245 (Modell 1) bzw. y = -0,00016 ×+ 8,4432 (Modell 2).

8 Die Wahrscheinlichkeiten (p) ergeben sich für einen gegebenen Kostenwert × pro QALY gemäß der Formel p = exp (b)/(1 + exp (b)), wobei b für den Wert des Logit an der Stelle × steht.

10 Vgl. NICE: Appendix K. Summary of Third Party Surveys and other Data 01.02.2002.

Dr. Heinz Rothgang

Zentrum für Sozialpolitik

Parkallee 39

28209 Bremen

eMail: rothgang@zes.uni-bremen.de