PPH 2003; 9(6): 301
DOI: 10.1055/s-2003-814636
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Editorial

Hilde Schädle-Deininger
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Publication Date:
19 December 2003 (online)

Ambulant vor stationär, so hört man, sei in der psychiatrischen Versorgungslandschaft immer noch nicht verwirklicht, wie dies im Zusammenhang mit der Psychiatrie-Reform gefordert wurde. Vor allem die einzelnen Einrichtungen einer gemeindenahen Psychiatrie seien nicht multiprofessionell besetzt. Seit einiger Zeit wird ambulante psychiatrische Pflege analog zur häuslichen somatischen Pflege verstärkt, sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen und dem sozialen Umfeld, ja auch von Pflegenden selbst gefordert. Für mich erhebt sich in diesem Zusammenhang die Frage, worin der Bedarf an psychiatrischer Pflege besteht. Wenn man/frau in der Pflege nachfragt, wird deutlich, dass allen, die verstärkt ambulante psychiatrische Pflege fordern, die Sorge um die elementaren Grundbedürfnisse gemein ist, wie beispielsweise die Nahrungsaufnahme oder die notwendige Unterstützung bei der Haushaltsführung, also tatkräftige Alltagsbewältigung. Da sei doch die Frage erlaubt, ob der Bedarf nicht schon allein dadurch entstehen muss, dass in den komplementären und ambulanten Institutionen nicht grundsätzlich qualifizierte pflegerische MitarbeiterInnen in ausreichender Zahl verankert und vertreten sind, die ihre Fachkompetenz in der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen gleichwertig in ein Team einbringen? Sind da beispielsweise nicht Anspruch und Zuschreibung der anderen Berufe bezüglich der Tätigkeiten und des Verständnisses von psychiatrischer Pflege stark reduziert? Besteht vor diesem Hintergrund nicht die Gefahr, trotz fachlich qualifizierter Pflegemitarbeiter, dass die Pflege an sich wieder einmal nur auf die „Grundpflege” im landläufigen Sinn reduziert und eine umfassende Sichtweise von psychiatrischer Pflege verhindert wird? Eine weitere Frage ist dann anzuschließen: Soll sich die Pflege aus den sonst üblichen psychiatrischen Versorgungsnetzen und Strukturen verabschieden und wie in der Bildung und Bezahlung Sonderwege gehen? Psychiatrische Pflege hat mehr zu bieten: Sie lässt sich nicht auf reine grundpflegerische Tätigkeiten reduzieren, sondern stellt den Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Wohlbefinden her. Sie trägt somit zu einer umfassenderen Sichtweise bei, vor allem durch ihren „körpernahen” und „hausarbeitsnahen” Ansatz, das bedeutet auf einer am Alltag des psychisch kranken Menschen orientierten Basis. Damit verbunden ist das pflegerische Prinzip des gemeinsamen Tuns im lebensweltlichen Bereich und der dazugehörigen Orientierung an den Ressourcen und den gesunden Anteilen jedes einzelnen psychisch kranken Menschen. Bei allen derzeit geführten Finanzierungsdiskussionen und bei allem Bestreben nach beruflicher Autonomie ist es erforderlich, gerade im Sinne von Reduzierung von Kosten, solche Strukturen zu schaffen, die wirksam dem psychisch Erkrankten und seinen Angehörigen helfen, mit der Krankheit zurechtzukommen, aktiv umzugehen und rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen zu können, also einen niederschwelligen Zugang zu haben. Dazu gehören im psychiatrischen Feld auch verschiedene Ansätze und Sichtweisen und deren Zusammenspiel. Diese Fragmente und der Problemanriss sollten unter unterschiedlichen Aspekten weiter verfolgt und diskutiert werden. Dabei müssen sich die in der psychiatrischen Pflege Tätigen den angeschnittenen und weiter gehenden Fragen stellen. Auch wenn es für Pflegende in der Regel schon aus finanziellen Gründen nicht attraktiv ist, im ambulanten psychiatrischen Netz zu arbeiten, wird durch das fehlende psychiatrisch-pflegerische Angebot ein wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Betrachtung und Vervollständigung der Blickwinkel der anderen psychosozialen Berufe faktisch und praktisch unmöglich.

Rainer Leichtenberger wird zum Jahresende die Herausgeberschaft von Psych. Pflege Heute verlassen, da er seine Arbeitsschwerpunkte neu verteilen muss und will. Ihm sei dieses Editorial gewidmet, da er zu den Pflegenden gehört, die psychiatrisch-pflegerische Inhalte unter anderem unter zwei wesentlichen Aspekten betrachten: auf der einen Seite hinsichtlich der Grundlage von fördernden gemeindenahen Strukturen, von denen einzelne psychisch kranke Menschen profitieren können, und zum anderen im Hinblick auf eine selbstbewusste, konstruktiv gedeihliche Zusammenarbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen.

Ihm sei an dieser Stelle von Herzen für seinen Einsatz für Psych. Pflege Heute gedankt. Er war von Beginn an dabei und er wird uns bei den inhaltlichen Diskussionen fehlen. Wir hoffen, dass er uns weiter mit Anregungen und Wohlwollen begleitet.

Von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir uns eine rege Auseinandersetzung zur angerissenen Thematik!

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