Fortschr Neurol Psychiatr 2004; 72(1): 36-44
DOI: 10.1055/s-2003-812456
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Stigmatisierung psychisch Kranker aus der Perspektive sozialpsychologischer Stereotypenforschung

Why are Stereotypes About Mentally Ill so Resistant? Lessons from Social PsychologyA.  M.  Möller-Leimkühler1
  • 1Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität, München
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Publication Date:
27 January 2004 (online)

Zusammenfassung

Vorurteile und Stigmatisierung psychisch Kranker haben eine lange Tradition und sind offenbar nur schwer durch Aufklärungskampagnen zu modifizieren. Der Frage, welche Ursachen dieser weitgehenden Änderungsresistenz von Vorurteilen zugrunde liegen, wird im folgenden Beitrag aus der Perspektive der sozialpsychologischen Stereotypenforschung nachgegangen. Nach einem kurzen Überblick über Ergebnisse von Einstellungsuntersuchungen und Medienanalysen, die das Negativstereotyp des psychisch Kranken sowie seine Reproduktion durch selektive Informationsvermittlung belegen, wird die Dynamik sozialer Stereotype im Zusammenhang soziokultureller, kognitiver und emotionaler Faktoren erörtert. Dabei stehen Mechanismen der Entstehung und Aktivierung sozialer Stereotypen, wie sie im Paradigma der Informationsverarbeitung beschrieben werden, im Vordergrund. Ausgehend davon, dass Stereotype einerseits die Verarbeitung stereotypkonsistenter Informationen fördern, andererseits aber die Verarbeitung stereotypinkonsistenter Informationen blockieren, werden abschließend Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung des Negativstereotyps psychisch Kranker diskutiert.

Abstract

Prejudices and social stigma in mental illness have a long tradition and have hardly been modified by educational programmes on the long term. The question, why these negative social attitudes appear to be considerably resistant to change is analysed with reference to social psychological research on stereotypes. First, a short review of studies on public attitudes towards the mentally ill and media analyses will give evidence to the widespread stereotypical misconceptions and their reproduction by selected media information. Then the dynamics of social stereotyping will be explained in relation to cultural, cognitive and emotional factors focussing on the development and activation of stereotypes within the paradigm of information processing. It is supposed that stereotype activation facilitates the processing of consistent information as well as it inhibits the processing of inconsistent information. Implications for changing negative attitudes about the mentally ill are discussed.

Literatur

1 Diese Frage wurde im Rahmen eines Leitfadeninterviews gestellt, das mit 100 Passanten zur Beurteilung einer Plakataktion „Künstler gegen Stigma” im Rahmen des Anti-Stigma-Programms in München durchgeführt wurde (Birr). Da die Bereitschaft zum Interview ein gewisses Interesse an der Thematik voraussetzt, handelt es sich hier zwangsläufig um eine positive Selektion von Befragten.

2 Ein aktuelles Beispiel dafür ist eine Spielfilmserie mit dem sensationsversprechenden Titel „Die Anstalt”, die laut SAT 1 bereits nach der ersten Sendung wegen drastischen Rückgangs der Einschaltquoten als Flop erklärt wurde. Auch die Verschiebung auf eine attraktivere Sendezeit brachte der Serie keine neue Chance. Am 18.10.2002 spricht SAT 1 von einem „katastrophalen” Marktanteil von 4,9 % der erwachsenen Zuschauer, bei den jungen Zuschauern seien es gerade einmal 5,8 %. Über die Ursachen dieses „Flops” kann spekuliert werden, möglicherweise besteht kaum Interesse an dieser Thematik.

3 Der Verweis auf die natürlichen Grenzen des menschlichen Erkenntnisapparates mag die Gefahr nahe legen, die Analyse soziokultureller Phänomene biologistisch zu verkürzen. D.h., dass Stereotype nicht unmittelbar auf die begrenzten kognitiven Ressourcen zurückgeführt werden können.

Dr. rer. soc. Anne Maria Möller-Leimkühler

Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (Direktor: Prof. Dr. H.-J. Möller)

Nußbaumstr. 7

80336 München

Email: amoeller@psy.med.uni-muenchen.de

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