Krankenhauspsychiatrie 2003; 14(4): 133
DOI: 10.1055/s-2003-812424
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Zum psychiatrischen Selbstverständnis

On Psychiatric Self-PerceptionTh. R.  Payk
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Publication Date:
19 December 2003 (online)

Zu Recht hat die DGPPN auf dem diesjährigen 106. Deutschen Ärztetag in Köln die Einheit des Faches „Psychiatrie und Psychotherapie” angemahnt und dessen Bedeutung bezüglich der Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation für sämtliche psychische Erkrankungen unterstrichen. Dieser umfassende Auftrag entspricht der Notwendigkeit einer unitarischen Versorgungs- und Behandlungskompetenz sowohl für akut wie für chronisch psychisch Kranke. Sowohl die von Seiten der psychotherapeutischen Medizin wie auch der psychologischen Psychotherapie deklarierten Therapieangebote reichen weder quantitativ noch qualitativ aus, um der Fülle und Vielfalt psychiatrischer Erkrankungen gerecht zu werden. Ohne umfassende psychiatrisch-psychotherapeutische Kenntnisse und Erfahrungen, wie sie gemäß der Weiterbildungsordnung für „Psychiatrie und Psychotherapie” zu vermitteln sind, wären zum einen die weltweit größten psychiatrischen Krankheitsgruppen nicht zu bewältigen. Zum anderen werden - während der letzten Jahre mehr oder weniger konstant - in Deutschland fast 25-mal mehr Ärzte zu Psychiatern bzw. Psychiatern und Psychotherapeuten ausgebildet als zu solchen in psychotherapeutischer Medizin. Dies bedeutet, dass auch quantitativ der neue „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie” nur marginal an der ärztlichen Versorgung psychisch Kranker beteiligt sein kann. Dank steter und intensiver Lobbyarbeit wird allerdings in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, dass in der „Psychotherapeutischen Medizin” der psychisch Kranke eine humanere Akzeptanz findet. Nach bisherigen Erfahrungen wird man indessen davon ausgehen müssen, dass einer „Zweiklassenversorgung” Kranker Vorschub geleistet wird, da der kaum abgrenzbare Bereich funktioneller und Befindlichkeitsstörungen eher in der psychosomatischen Medizin wiederzufinden sein wird.

Der eingangs skizzierte Anspruch der psychiatrischen Psychotherapie bedeutet allerdings, letztere tatsächlich auch zu betreiben. Gemessen an der Zahl der Publikationen zur biologischen Psychiatrie sind solche zu Gegenständen der psychotherapeutischen und sozialen Psychiatrie nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, so dass der Eindruck entsteht, psychiatrische Wissenschaft bestehe weitgehend in einer Beforschung des Gehirns. Es ist an der Zeit, das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell nicht nur als Transparent vor sich herzutragen, sondern im klinischen Alltag zu realisieren, in der Forschung zu fokussieren und in der Lehre und Öffentlichkeitsarbeit zu bekunden. Für unser Fach sollte Psychotherapie als „Haltung und Struktur” - wie dies die Kollegen Wolfersdorf, Ritzel und Hocke im Band 9 der Schriftenreihe der Bundesdirektorenkonferenz kürzlich genannt haben - deutlich erkennbar sein.

Prof. Dr. Dr. Th. R. Payk

Prof. Dr. Dr. Th. R. Payk

Westfälisches Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie · Klinik der Ruhr-Universität

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