Rehabilitation (Stuttg) 2003; 42(4): 195-203
DOI: 10.1055/s-2003-41649
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Chronische Rückenschmerzen: Mehr als Schmerzen im Rücken. Ergebnisse eines regionalen Surveys unter Versicherten einer Landesversicherungsanstalt

Chronic Back Pain: More Than Pain in the Back. Findings of a Regional Survey Among Insurees of a Workers Pension Insurance FundA.  Raspe1 , C.  Matthis1 , V.  Héon-Klin1 , H.  Raspe1
  • 1Institut für Sozialmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
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Publication Date:
25 August 2003 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Rückenschmerzsurveys haben die Tendenz, Rückenschmerzen zu verabsolutieren und die Kombination dieses Symptoms mit anderen Schmerzen, körperlichen und seelischen Beschwerden und Erkrankungen zu übersehen. Wir untersuchen die Frage, ob und in welcher Weise schwere chronische Rückenschmerzen mehr sind als Schmerzen im Rücken und ob sie das gesundheitliche Hauptproblem der von ihnen Betroffenen darstellen. Probanden und Methoden: Dargestellt werden Teilergebnisse eines regionalen zweistufigen Surveys aus den Jahren 1998 - 2000. Die initiale postalische Befragung bezog alle 10 000 berufstätigen Versicherten der Landesversicherungsanstalt (LVA) Schleswig-Holstein aus Lübeck und seiner unmittelbaren Umgebung im Alter von 40 - 54 Jahren ein (68 % Männer). Zu einer sozialmedizinischen Untersuchung eingeladen wurden Personen mit schwergradigen Rückenschmerzen, einem beeinträchtigten subjektiven Gesundheitszustand und einer rezenten Arbeitsunfähigkeit. Die Antwortrate betrug knapp 58 %, die Teilnahmerate an der Untersuchung (im Mittel 93 Tage nach dem postalischen Fragebogen) gut 65 %. Es gibt Hinweise auf gegenläufige Selektionseffekte von Nonresponse und Nichtbeteiligung. Dargestellt werden die Daten der 335 Untersuchten. Ergebnisse: Trotz eines hohen Anteils von männlichen Probanden und der ausschließlichen Untersuchung von Berufstätigen ist die Prävalenz aktueller Rückenschmerzen (RS) in den letzten 7 Tagen hoch (68 %; schwergradige RS 16 %). Unter den der Einladung folgenden Probanden gaben 82 % an, auch am Untersuchungstag, an Rückenschmerzen zu leiden. 18 % zeigten in diesem kurzen prospektiven Follow-up (und zu 87 % auch retrospektiv) einen episodischen Verlauf. Die Probanden der ersten Gruppe mit zum Untersuchungstermin wiederkehrenden oder anhaltenden Rückenschmerzen berichteten in 82 % von einem chronisch-wellenförmigen und zu 61 % von einem sich verschlechternden Verlauf. Sie schilderten sich vielfältig und stärker körperlich und seelisch belastet. Bei ihnen scheint es zu einer Ausweitung der Beschwerde in zeitlicher und räumlicher Hinsicht und auf andere Funktions- und Organsysteme gekommen zu sein („Amplifikation”). Von allen Untersuchten bezeichneten 35 % die Rückenschmerzen als ihr Hauptproblem, 49 % nannten Rückenschmerzen und andere Störungen und nur 16 % andere gesundheitliche Einschränkungen, oft wieder im Bereich der Bewegungsorgane. Zusammenfassung und Schlussfolgerung: Rückenschmerzen sind unter berufstätigen Versicherten einer LVA im Alter von 40 - 54 Jahren häufig und bei höherem Schweregrad in aller Regel mit anderen Schmerzen, körperlichen und seelischen Beschwerden bzw. Krankheiten vergesellschaftet. Die Berücksichtigung von Beschwerdeausweitungen und Komorbiditäten lässt eine vorher homogene Gruppe von Versicherten mit schweren und behindernden Rückenschmerzen inhomogen erscheinen. Es liegt nahe, die erzielten Differenzierungen der Beschwerden bzw. Probanden auf ihren Nutzen für die Indikationsstellung und Zuweisung zur medizinischen Rehabilitation sowie deren konkrete Ausgestaltung zu prüfen.

Abstract

Background: Surveys with a main focus on back pain tend to isolate the complaint from possibly concomitant pains, other symptoms and disorders. Severe chronic back pain is assumed here to imply more than pain in the back. Participants and Methods: We report results from a two stage survey conducted in 1998 - 2000. The initial postal questionnaire addressed all 10,000 actively employed blue collar workers from a regional pension fund (Landesversicherungsanstalt Schleswig-Holstein) aged 40 - 54 and residing in or around Luebeck/Germany (68 % males). Subjects reporting severe and disabling back pain were invited to a socio-medical examination. The response and participation rates were 58 % and 65 % respectively. Non-response and non-participation seem to result in minor though opposite, effects. Results: The prevalence of current back pain (back pain of any severity within the past 7 days) is high (68 %; including 16 % with severe, disabling back pain) despite the preponderance of males and a probable healthy worker effect. 82 % of subjects participating in the second round reported recurrent or persisting back pain on the day of examination, in the majority with a chronic fluctuating and overall deteriorating course pattern. 18 % reported no current back pain and hence gave prospective (and additionally retrospective) evidence of an episodic-intermittent course of the disorder. The former group showed significantly more pains, bodily complaints, dysfunctional cognitions, emotional distress and concomitant disorders. 35 % of them indicated back pain as their dominant health problem; 49 % identified back pain and another disorder as dominant, and 16 % reported other prominent health problems. More than 70 % of “other” disorders originated from the musculoskeletal system often involving the extremities. Summary and Conclusion: Back pain is very common among blue collar workers. Severe disabling back pain is usually associated with numerous other pains, bodily complaints, disorders, and indicators of psychological distress (“amplified back pain”). However, even amplified back pain is not always the sole or dominant health problem. Assessing the degree of “amplification” seems helpful in splitting a previously homogeneous group of severely affected back pain sufferers - with possible prognostic and therapeutic consequences.

Literatur

1 Wir sind uns bewusst, damit die Hypothese einer Entwicklung von einfachen Schmerzen im Rücken zu komplexen Beschwerdemustern formuliert zu haben. Sie bedarf einer empirischen Überprüfung, am besten im Rahmen von Kohortenstudien.

Dr. med. Angelica Raspe

Institut für Sozialmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck

Beckergrube 43 - 47

23552 Lübeck

Email: angelica.raspe@sozmed.mu-luebeck.de

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