Klinische Neurophysiologie 2003; 34(2): 94-98
DOI: 10.1055/s-2003-40129
Historie
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie - Das Vorspiel im Hirnforschungsinstitut zu Berlin-Buch

Comments on the Foundation of the German Society for Clinical Neurophysiology - The Overture in the Brain Research Centre at Berlin-BuchS.  Kubicki
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Publication Date:
20 June 2003 (online)

Wie verlautet, wurde die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie (DGNK) im Jahr 2000 fünfzig Jahre alt. Das bedarf einer gewissen Präzisierung, ist aber nicht unbedingt anfechtbar. Sicher ist, dass die DGKN ihre Jugendzeit unter dem Namen „Deutsche EEG-Gesellschaft” verbrachte und dass diese Namensgebung erst im Jahr 1951 mit dem Beitritt zur Weltgesellschaft erfolgte. Doch dies war eben nicht der entscheidende Akt, ebenso wenig wie eine vorauslaufende Sitzung im Jahr 1949 in Hamburg, wo Vorgespräche zur Gründung einer EEG-Interessengemeinschaft stattgefunden haben sollen.

Entscheidend war vielmehr das Treffen von etwa 50 am EEG interessierten Ärzten auf dem Internistenkongress in Wiesbaden am 17. April 1950 zwecks Gründung einer Deutschen EEG-Arbeitsgemeinschaft. Auf dieses Datum berufen wir uns also heute als Geburtsstunde [15].

Damals kursierte eine Teilnehmerliste, die in mehrerer Hinsicht aufschlussreich ist (s. Abb. 19 in [18]). Sie enthält nicht nur die Namen etlicher Vorsitzender der folgenden Zeit, sondern auch die der Avantgarde der klinischen Elektroenzephalographie in den dreißiger- und frühen vierziger-Jahren.

Aus diesem Grunde seien hier einige der Unterzeichner besonders hervorgehoben, die nicht nur bei der Geburt der Gesellschaft Hilfestellung leisteten, sondern, um im Bild zu bleiben, auch am - zugegebenermaßen mehrjährigen - Zeugungsakt des Fachgebietes der Klinischen Neurophysiologie Anteil hatten. Da wären dem ABC nach zu nennen: Friedrich Duensing, Wolfgang Götze, Inge von Hedenström, Rudolf Janzen, Richard Jung, Alois E. Kornmüller, Johann Albrecht Schaeder, E. Schütz, Fritz Schwarzer und Jan Friedrich Tönnies. Zu ergänzen wäre diese Liste noch um die späteren Mitglieder der Deutschen EEG-Gesellschaft Max-Heinrich Fischer, E. Rehwald und den Neurochirurgen Wilhelm Tönnis.

Halten wir noch einmal fest: Ausgangspunkt der heutigen Klinischen Neurophysiologie war die Klinische Elektroenzephalographie - und diese war ganz entscheidend eine deutsche Angelegenheit. Es war Hans Berger, der - die moderne Entwicklung der Verstärkertechnik nutzend - die elektrischen Aktivitäten der Hirnrinde des Menschen vom uneröffneten Schädel aus nachwies. Dafür wäre ihm in politisch normalen Zeiten der Nobelpreis sicher gewesen. Ende der dreißiger-Jahre soll tatsächlich erwogen worden sein, Berger für den Nobelpreis vorzuschlagen. So soll der türkische Ordinarius für Psychiatrie, Ihsan Sükrü Aksel, in dieser Richtung tätig geworden sein und Lord Adrian enttäuscht gewesen sein, dass Berger den Nobelpreis nicht erhalten habe [9]. Doch Hitler hatte den Deutschen - nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky - die Annahme dieses Preises eh verboten.

So überragend nun die Arbeiten Bergers auch waren, für die weitere Entwicklung blieb es ein Handikap, dass er selbst - seiner verschlossenen Natur gemäß - keine Schule begründete. Das wissenschaftliche Mekka der klinischen Elektroenzephalographie - wohin Besucher aus aller Welt strömten - wurde somit nicht Jena, sondern Berlin, denn dort hatte sich Ende der zwanziger-Jahre ein günstiges Forum für diesen Wissenschaftsbereich etabliert: Die Abteilung für Neurophysiologie am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch (Abb. [1]).

Abb. 1 Luftaufnahme des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung 1931. In der Mitte das Laborgebäude, dahinter - von links nach rechts - die Forschungsklinik, das Direktoren- und das Mitarbeiterhaus (aus [1]).

Oskar Vogt, breiteren Kreisen vor allem wegen seiner histologischen Untersuchungen des Gehirns von Wladimir Iljitsch Lenin bekannt, gelang mit Hilfe von Krupp die Errichtung eines Institutes für Hirnforschung, das in den Komplex der Kaiser-Wilhelm-Institute eingegliedert wurde - und Vogts Planungen waren bemerkenswert weitsichtig.

Kern der Institutsstruktur war für ihn - seinen speziellen Interessen folgend - die Abteilung für Neuroanatomie und Architektonik der Hirnrinde, die zunächst er selbst mit seiner französischen Frau Cécile leitete, und für die er später Hugo Spatz aus München gewann. Daneben installierte er - für die Entwicklung unseres Faches entscheidend - eine Abteilung für Neurophysiologie und morphologische Technik. Die Leitung vertraute er Max Heinrich Fischer an, der mit seinem Assistenten Alois E. Kornmüller, Schüler von Tschermack von Seyssenegg, aus Prag nach Berlin kam [6]. Beide hatten dort über vestibuläre Funktionen gearbeitet.

Als besonders weitsichtig erwies sich aber die Einrichtung einer Abteilung für Physikalische Technik, die er mit dem jungen, hoch begabten Jan Friedrich Tönnies besetzte. Die Gesamtkonstruktion mit noch weiteren Spezialabteilungen bot eine ideale Plattform für die interdisziplinäre Hirnforschung, die weltweit interessierte Geister anzog.

Oskar Vogt kannte Jan Friedrich Tönnies [17] schon privatim. Er war mit dem Vater, dem Kieler Ordinarius für Soziologie, Ferdinand Tönnies, befreundet und wusste um die hohe Begabung des Sohnes. Tönnies junior hatte an den Technischen Hochschulen in Hannover und München Elektrotechnik studiert und arbeitete zur Zeit der Institutsgründung durch Vogt in Buch bei elektrotechnischen Großfirmen in Berlin. Tönnies war also nicht nur unmittelbar verfügbar, sondern besaß auch das spezielle Vertrauen von Vogt und unterstützte diesen in den Jahren von 1928 - 1931 bei den organisatorischen und baulichen Aufgaben.

Weit nachhaltiger und bedeutender für die „wissenschaftlichen Zielsetzungen des Vogtschen Instituts” waren aber die zahlreichen Entwicklungen und Erfindungen von Tönnies auf dem Gebiet elektronischer Mess- und Registriergeräte. Grundlegend und bahnbrechend war die Entwicklung des ersten brauchbaren Differenzverstärkers, der die Wechselstromstörungen eliminierte, indem er „nur die Differenzspannung zwischen zwei Eingangselektroden verstärkte, … die an beiden Elektroden angreifende Störspannung jedoch unterdrückte” [17].

Tönnies erwies sich zudem als ein jugendlicher Draufgänger. Er ließ sich aus Forschungsgründen die Schädeldecke anbohren, um Hirnpotenziale lokaler registrieren zu können. Über den Erfolg dieses „par-force-Rittes” gibt es unterschiedliche Versionen. J.-A. Schaeder erinnerte sich, dass dieser Selbstversuch wegen starker Blutungen scheiterte [17]. Demgegenüber erinnerte sich A. E. Kornmüller: „Aus diesem Bohrloch wurden in verschiedenen Höhen EEG-Ableitungen vorgenommen” [13].

Egal wie. Durch die enge Zusammenarbeit mit Fischer, Kornmüller und vielen anderen erwarb Tönnies auch bald umfassende Kenntnisse auf dem Gebiet der Neurophysiologie [17]. Es drängte ihn, die Quellen der Hirnrindenpotenziale besser in den Griff zu bekommen. Möglichkeiten boten damals jedoch allein Ableitungen am eröffneten Schädel von Patienten. Deshalb nutzte Tönnies das Angebot des Chirurgen Heymann vom Augusta-Hospital und leitete 1934 während neurochirurgischer Eingriffe erstmals direkt von der menschlichen Hirnrinde ab [17]. Dass diese Registrierungen in der Hand des „Technikers” lagen, beruhte sicher auf der noch recht komplizierten Bedienung der Geräte. Tönnies berichtete damals schon, dass es im Hirntumorgewebe zu einer Potenzialverminderung kommt, und gab damit den Anstoß zu den systematischen Untersuchungen von Foerster und Altenburger in Breslau aus dem Jahre 1935 [3]. Diese direkten Hirnableitungen am Menschen sollen außerdem für Richard Jung Anlass gewesen sein, die Neurophysiologie zum Arbeitsgebiet zu wählen [4] [17]. Tönnies selbst hat er vermutlich aber erst nach dem Krieg persönlich kennen gelernt, denn als er 1938 ans Hirnforschungsinstitut kam, arbeitete dieser bereits in den USA. Zwischen beiden bestand aber später eine durch Respekt und Freundschaft bedingte jahrelange, fruchtbare Zusammenarbeit in Freiburg [17].

Anfang 1933 übernahm nun Hitler die Macht in Deutschland, womit auch im Bereich der Wissenschaften erhebliche Turbulenzen einsetzten. Natürlich blieb das Institut in Buch von diesen politischen Wirren nicht verschont. Oskar Vogt war bei den Nazis eh persona non grata, einesteils, weil er jüdische Mitarbeiter nicht kündigen wollte, vor allem aber, weil er intensive Beziehungen zum Ausland hatte, insbesondere in die Sowjetunion. Die Nazis hatten seine enthusiastischen Äußerungen über die Pyramidenbahnzellen Lenins nicht vergessen.

Am 15. März und am 21. Juni 1933 überfielen bewaffnete Mitglieder der Bucher SA-Gruppe das Institut. Etliche Institutsmitarbeiter wurden widerrechtlich festgenommen und in der Bucher SA-Kaserne misshandelt [1]. Tönnies verteidigte seinen Chef vehement und wurde dabei von der örtlichen SA brutal zusammengeschlagen. Daraus zog er Konsequenzen. 1935 besuchte der Neurophysiologe und spätere Nobelpreisträger H. S. Gasser das Vogtsche Institut und umwarb Tönnies, der daraufhin - die Verhältnisse im Hitler-Deutschland satt habend - bis 1939 in die Vereinigten Staaten ging, wo er seine technischen Entwicklungen in Ruhe und erfolgreich fortsetzen konnte.

Tönnies Nachfolger als Leiter der Abteilung in Buch wurde 1936 Johann-Albrecht Schaeder - ebenfalls Gründungsmitglied von 1950 in Wiesbaden. In seinem Nachruf schrieb er: „Jan Friedrich Tönnies war ein einzigartig großzügiger, mit schöpferischer Phantasie und einem hohen Maß an Originalität ausgestatteter Mensch, der dazu über eine fast unbegrenzte Arbeitskraft verfügte” [17].

In der Neurophysiologischen Abteilung des Hirnforschungsinstituts ließ dagegen die politische Solidarität mit Oskar Vogt bei den Angriffen der Nazis eher zu wünschen übrig. Der Abteilungsleiter Max-Heinrich Fischer - ebenfalls Gründungsmitglied der späteren EEG-Gesellschaft, wenn auch 1950 nicht in Wiesbaden anwesend - war Mitglied der NSDAP und stellte sich 1934 gegen seinen Institutsleiter. Er denunzierte ihn beim örtlichen Führer der SA, weil Vogt angeblich den ungarischen Kommunisten Bela Kun bei sich versteckt hielt [17]. Fischer musste 1934 das Institut verlassen. Die Vermutung von F. A. Gibbs [20], dass Fischer Jude gewesen sei und im Krieg umgebracht worden wäre, ist also in tragischer Weise falsch. Die Anschuldigungen Fischers gegen Oskar Vogt erwiesen sich als völlig haltlos, so dass er den Posten räumen musste. Zwischen Fischer und Kornmüller gab es zudem eine tief greifende Auseinandersetzung, die ihren Weg bis in den reißerischen Roman von Tilman Spengler „Lenins Gehirn” fand [19]. Kornmüller übernahm schließlich Fischers Position.

Kornmüller prägte in der Folge die Abteilung bis zum Kriegsende 1945 entscheidend. Während seiner Zeit am Hirnforschungsinstitut beherrschten ihn vornehmlich zwei Themen, erstens die elektrophysiologischen Analogien zur Hirnrindenarchitektur und zweitens epileptische Entladungen:

Bereits 1932 schrieb er eine Arbeit über „Bioelektrische Charakteristika architektonischer Felder der Hirnrinde”. Mit diesem Bericht fügte er sich ganz in das zentrale Thema des Vogtschen Institutes ein, „die Rinden-Architektonik auch neuro-physiologisch zu untermauern” 5. Weitere Publikationen darüber erschienen zusammen mit Tönnies noch 1932/33. Diese Untersuchungen krönte die 1937 bei Thieme in Leipzig erschienene Monografie über „Die bioelektrischen Erscheinungen der Hirnrindenfelder” 12. Kornmüller beschrieb darin „architektonische Grenzen” verschiedener hirnelektrischer Muster 5. Und ebenfalls schon 1932 demonstrierten Kornmüller und Tönnies auf der Tagung der Nervenärzte in Wiesbaden einen „epileptischen Fokus” (Krampffokus) 5. Weitere frühe Arbeiten Kornmüllers mit Tönnies und Schaeder über die physikalische Streuung zeigten die lokale Begrenztheit bestimmter epileptischer Entladungen. Es zeigte sich nämlich, dass bei reihenförmiger Anordnung Spitzenpotenziale nur von Elektroden registriert wurden, die in unmittelbarer Nähe des epileptischen Fokus lagen 5. 1935 publizierte Kornmüller dann eine Arbeit über den Mechanismus des epileptischen Anfalls aufgrund bioelektrischer Untersuchungen am Zentralnervensystem.

Im gleichen Jahr 1935 beschrieb übrigens F. A. Gibbs den Spike-Wave als elektrobiologisches Merkmal des epileptischen Anfalls. Gibbs bereiste 1935 mit seiner Frau Erna Europa, besuchte selbstverständlich Hans Berger in Jena, traf aber im Berliner Hirnforschungsinstitut Kornmüller nicht an, wohl aber Tönnies, von dessen Arbeiten er beeindruckt war. Er stellte die Verbindung zu Albert Grass her, was bei dem Aufenthalt von Tönnies in den USA zu einer engen Zusammenarbeit beider führte [20].

Die Arbeiten Kornmüllers über epileptische Merkmale im EEG interessierten auch die Physiologen an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, deren Ordinarius Trendelenburg schon 1926 weitsichtig prophezeite, dass es für die Hirnforschung effizient wäre, wenn es gelänge, die Hirntätigkeit unmittelbar zu registrieren [5] [18]. Bei Trendelenburg habilitierte sich 1930 Erich Schütz (auch er 1950 Gründungsmitglied unserer Gesellschaft) und hielt von dort aus Kontakt zum Hirnforschungsinstitut, bis er 1937 den Lehrstuhl für Physiologie in Münster übernahm.

Richard Jung - spiritus movens bei der Gründung von 1950 - hatte bei Hugo Spatz in München promoviert, bevor dieser 1937 die Leitung des Hirnforschungsinstituts aus der Hand von Vogt endgültig übernahm. So zog es 1938 auch Jung für einige Zeit ans Hirnforschungsinstitut nach Buch, was ihm ein Rockefeller-Stipendium ermöglichte [4]. Er hatte vorher bei W. R. Hess die Technik der zerebralen Tiefenableitungen studiert und führte in Berlin-Buch zusammen mit Kornmüller Registrierungen regionaler Potenziale an verschiedenen zytoarchitektonisch definierten Hirnarealen durch. Dem entsprangen einige gemeinsame Publikationen über Methoden zum Studium lokalisierter Potenzialschwankungen und zentralnervöser Erregungsabläufe aus subkortikalen Hirngebieten [7] [8]. Die Spuren gemeinsamer Arbeiten blieben allerdings spärlich, einerseits wohl, weil beide zu unterschiedliche Naturen waren, zum anderen, weil es Jung 1938 bereits wieder nach Freiburg zog.

Mit der Übernahme des Hirnforschungsinstituts durch Hugo Spatz kam es in Buch zu einer nicht unwesentlichen Umorganisierung. So wurde unter der Leitung des Neurochirurgen Wilhelm Tönnis, der zugleich Direktor der Neurochirurgischen Klinik der Friedrich-Wilhelms-Universität war, eine Abteilung für experimentelle Pathologie des Gehirns und Abteilung für Tumorforschung angegliedert. Tönnis - er selbst kam von der Chirurgie und hatte seinen universitären Standort in der Hansa-Klinik in Berlin-Tiergarten - hatte zur Diagnostik prinzipiell einige Neurologen im Team, die ihrerseits wiederum dem Hirnforschungsinstitut verbunden waren.

Das betraf in erster Linie Wolfgang Götze, der schon 1937 erstmals Kontakt zum Hirnforschungsinstitut in Buch bekommen hatte, und zwar als Assistenz- und späterer Oberarzt an der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Heil- und Pflegeanstalt und auf der Neurologischen Abteilung des Ludwig-Hoffmann-Hospitals in Berlin-Buch. Götze arbeitete damals zeitgleich in der histopathologischen Abteilung von Hugo Spatz.

Mit Kriegsbeginn zur Luftwaffe einberufen, kam er im Februar 1940 zur Neurochirurgischen Klinik von Wilhelm Tönnis an das Luftwaffenlazarett Berlin. Da dieser zugleich Abteilungsleiter im Hirnforschungsinstitut war, konnte Götze die Beziehungen zu diesem Institut erneut intensivieren und sich weiter seiner wissenschaftlichen Ausbildung widmen. Dort arbeitete er über neurale Muskelerkrankungen, Heredoataxien, Gefäßerkrankungen des ZNS und vor allem über die Folgen von Kriegsverletzungen im Bereich des peripheren und zentralen Nervensystems.

Im Dezember 1940 gelang es ihm schließlich, an die physiologische Abteilung von Kornmüller versetzt zu werden. Ab 1941 blieb er - von Tönnis vom Luftwaffenlazarett Berlin aus abkommandiert (wie zeitweise auch E. Rehwald und F. Duensing) - weiterhin bei Kornmüller und wurde in der Kriegszeit so zu dessen engstem Mitarbeiter. Götze beschäftigte sich vorwiegend mit den elektroenzephalographischen Folgen von Hirnverletzungen, den Hyperventilationseffekten bei Gesunden und den EEG-Veränderungen durch Sauerstoffmangel.

1938 kam dann Rudolf Janzen ans Hirnforschungsinstitut zu Kornmüller. Seine Heimat war die Hamburger Universitätsnervenklinik von Nonne. Von diesem wurde er für ein Jahr freigestellt, um sich in Berlin-Buch die - damals noch schwierige - Ableitungstechnik von EEG-Potenzialen anzueignen. Schwerpunkt seiner Arbeit und zahlreiche gemeinsame Publikationen mit Kornmüller betrafen die örtlichen EEG-Veränderungen bei Patienten mit kortikalen Prozessen, die Änderungen der EEG-Muster bei verschiedenen Bewusstseinslagen und vor allem die elektroenzephalographischen Merkmale bei Epilepsien - größtenteils publiziert im Jahre 1939.

In den wenigen Vorkriegsjahren zwischen 1931 und 1939 übte das Institut in Berlin-Buch auf klinisch wie experimentell arbeitende Neurophysiologen eine enorme Anziehungskraft aus. Leider gibt es keine Liste der internationalen Besucher in der Kornmüllerschen Abteilung. So sind nur die Aufenthalte von A. Asenjo (Argentinien), H. Fischgold (Frankreich), J. F. Fulton (USA), F. und E. Gibbs (USA), M. Gozzano (Italien), H. H. Jasper (USA) und Grey Walter (GB) dokumentiert. Mit Kriegsbeginn brachen logischerweise fast alle internationalen Beziehungen radikal ab.

Der Krieg beeinflusste die Arbeit in den Abteilungen des Hirnforschungsinstitutes tief greifend. Vieles orientierte sich jetzt an den Folgen des Krieges. So wurde die Forschungsklinik Lazarett für Nerven-, Hirn- und Rückenmarksverletzte. Dadurch entstanden neue Untersuchungs- und Therapieschwerpunkte.

Einen attraktiven Forschungsbereich eröffnete damals die Zusammenarbeit der Elektroneurophysiologie mit H. Strughold und F. Palme sowie W. Noell und J. Gremmler vom Luftfahrtforschungsinstitut. In Buch war eine Außenabteilung des „Luftfahrtmedizinischen Forschungsinstituts des Reichsluftfahrtministeriums” errichtet worden, in der man sich mit den zentralnervösen Schäden beim fliegenden Personal der Luftwaffe beschäftigte [1]. Einen Schwerpunkt nahmen dabei die EEG-Veränderungen bei Sauerstoffmangel ein. Kornmüller entwickelte ein Signalgerät für Sauerstoffmangel, das auf Frequenzerniedrigungen ansprach, und das nach dem Krieg in den USA verbessert und eingesetzt wurde [13].

Gegen Kriegsende wurden dann die Abteilungen und Mitarbeiter des Hirnforschungsinstitutes vorsorglich aus Berlin evakuiert und über Deutschland verstreut. Die Abteilung von Hallervorden wurde am 8. Mai 1944 nach Dillenburg verlagert, die von Kornmüller am 15. Februar 1945 nach Göttingen. Wilhelm Tönnis ging im März 1945 nach Bochum-Langendreer. Die Institute vereinigten sich später wieder zu einem „Hirnforschungsinstitut”, das 1949 nach Gießen verlagert wurde [1].

An einen Wiederbeginn in Berlin-Buch war aus politischen Gründen nach dem Kriege nicht mehr zu denken. Eine Ära war zu Ende gegangen.

Die Kornmüllersche Abteilung des Bucher Hirnforschungsinstituts von Oskar Vogt war damals, in den dreißiger- und vierziger-Jahren, das vielleicht wichtigste Zentrum für die deutsche Forschung auf dem Gebiet der Elektroneurophysiologie, zu dem ein bedeutender Teil der späteren Gründer der Deutschen EEG-Gesellschaft in Beziehung stand. Lassen wir noch einmal Revue passieren:

Richard Jung betrieb 1950 die Gründung der Gesellschaft und wurde ihr erster Präsident und späterer Ehrenpräsident.

A. E. Kornmüller wurde 1958/59 der fünfte Präsident der Deutschen EEG-Gesellschaft und kurz darauf zum Ehrenmitglied gewählt.

F. Duensing, wurde der zweite, Erich Schütz der dritte, Rudolph Janzen der vierte und Wolfgang Götze der siebte Präsident der Gesellschaft.

Jan Friedrich Tönnies und J. A. Schaeder waren Gründungsmitglieder; ersterer wurde Ehrenmitglied, wie auch M. H. Fischer und Fritz Schwarzer.

Tönnies und Schwarzer gründeten beide nach dem Krieg Firmen, trieben die Entwicklung elektronischer Registriergeräte voran und hielten stets engen und freundschaftlichen Kontakt zur Deutschen EEG-Gesellschaft. Inwieweit Schwarzer - gebürtiger Berliner - schon in den dreißiger-/vierziger-Jahren Kenntnis von den technischen Entwicklungen im Hirnforschungsinstitut hatte, ist unbekannt. Auf jeden Fall begann er unmittelbar nach dem Kriege EEG-Geräte herzustellen, nachdem er schon 1936 in Berlin-Falkensee, unweit Buch, eine eigene Firma gegründet hatte [16]. Mit Kornmüller selbst bekam er offenbar erst in Göttingen Kontakt.

Wie auch immer. Die Rolle des Hirnforschungsinstituts in Berlin-Buch als zentrale Plattform elektroenzephalographischer Forschung, als Treffpunkt der Interessierten und als „pränatale Institution” der Deutschen EEG-Gesellschaft und heutigen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie sollte in unserem Gedächtnis bewahrt bleiben.

Literatur

Prof. Dr. med. Stanislaw K. Kubicki

Onkel-Bräsig-Straße 46

12359 Berlin