Erfahrungsheilkunde 2002; 51(4): 256-259
DOI: 10.1055/s-2002-26767
Übersichten/Reviews

Karl F. Haug Verlag, in: MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Die Misteltherapie in der biologischen Tumorbegleitbehandlung[1]

- im Spannungsfeld zwischen Erfahrung und ForschungsergebnissenAnnette Loewe-Mesch
  • Ambulanz für Naturheilkunde
    Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und FertilitätsstörungenFrauenklinik, Universitätsklinikum Heidelberg
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Publication Date:
02 May 2002 (online)

Die Misteltherapie in der komplementärmedizinische Behandlung von Tumorerkrankungen befindet sich nach wie vor in einem spannungsreichen Feld zwischen langjährigen Erfahrungen und unterschiedlichen präklinischen und klinischen Forschungsergebnissen. Im Update 2001 zu komplementären Maßnahmen in der Onkologie zählt J. Beuth neben der Beratung zu Ernährung, Bewegung und Psychoonkologie folgende Behandlungen zu den wissenschaftlich begründeten komplementäronkologischen Maßnahmen: die Enzymtherapie, die Substitution von Vitaminen, Mineralien oder Spurenelementen und die Behandlung mit Mistelextrakten oder immunmodulatorischen Peptiden wie den Thymuspeptiden [[1]]. Die Mistelextrakte gehören zu den häufigsten Präparaten, die bei Tumorpatienten in Deutschland naturheilkundlich ergänzend angewandt werden.

Von therapeutischem Interesse sind sowohl die Wirkungen von Mistelpräparaten auf das Immunsystem und Tumorgeschehen als auch die Auswirkungen auf die Lebensqualität von Tumorpatienten. Immer wieder ist die ärztliche Beobachtung möglich, dass sich unter einer Misteltherapie das Allgemeinbefinden verbessert. Verschiedene Beschwerden, krankheitsabhängige und therapiebedingte physische und psychische Symptome können verbessert werden, sowohl in der kurativen als auch in der palliativen Situation. Auf einem hohen Kenntnisstand befindet sich die präklinische, vor allem immunologische Forschung mit Mistelextrakten und extrahierten Wirkstoffen wie dem Mistellektin, Viscotoxin und anderen Inhaltsstoffen. Vielfältige immunmodulatorische, immunstimulierende und immunrestaurierende sowie antitumoröse und zytotoxische Wirkungen wurden dabei nachgewiesen, auf die hier nur beispielhaft verwiesen werden kann [[2]]. Unterschiedliche klinische Studien erbrachten indes insgesamt kein eindeutig zu bewertendes Forschungsergebnis. Dies wurde auch in mehreren Metaanalysen und Reviews bestätigt [[3], [4], [5], [6]]. Es zeigen sich verschiedene, teils widersprüchliche, teils erfolgversprechende, aber auch wissenschaftlich fragwürdige Ergebnisse. Bislang konnte kein sicherer Wirksamkeitsnachweis von Mistelpräparaten erbracht werden. Auch der sichere Nachweis einer längeren Lebenszeit oder Rezidivfreiheit steht noch aus. Neben Studien ohne Benefit durch eine Misteltherapie gibt es Hinweise auf eine erwünschte immunmodulatorische Wirkung, auf eine Verbesserung der Lebensqualität und auf eine längere Lebenszeit ([Tabelle 1]) [[7], [8], [9], [10], [11], [12], [13], [14]]. Die Konsequenzen aus dieser Diskrepanz zwischen präklinischer Forschung, klinischen Studienergebnissen und ärztlicher Erfahrung sind vielfältig und reichen von der Ablehnung der Misteltherapie als irrational bis zu unüberprüften Heilungserwartungen.

Tabelle 1: Therapeutische Wirkung von Mistelpräparaten • Immunmodulatorische Wirkung • Zytotoxische Wirkung auf Tumorzellen • Wirkung auf Allgemeinbefinden und Lebensqualität • Forschungsstand zur Wirkung der Mistel in präklinischen Studien immunmodulatorische und zytotoxische Wirkung nachgewiesen in klinischen Studien Hinweise auf Verbesserung von Allgemeinbefinden/Lebensqualität Hinweis auf immunmodulatorische Wirkung kein Nachweis einer längeren Überlebenszeit / Rezidivfreiheit bislang kein eindeutiger Wirksamkeitsnachweis der Misteltherapie

Die indikationsangepasste Mistelextraktbehandlung kann trotz aller wissenschaftlichen Kontroverse sinnvoll sein. Dabei sind sowohl Tumorentität, Tumorstadium und Behandlungsphase zu berücksichtigen sowie das Allgemeinbefinden, weitere Erkrankungen und gegebenenfalls immunologische Befunde. Eine Verbesserung der Lebensqualität ist nicht nur in der Naturheilkunde ein wichtiges Ziel bei der Behandlung onkologischer Patienten. Aus den verschiedenen klinischen Studien gibt es keine Hinweise auf eine nachteilige Wirkung der Misteltherapie auf das Immunsystem und Tumorgeschehen, obwohl insgesamt die Vorteile nicht gesichert sind, was von wissenschaftlicher Seite als im Hauptzielkriterium überprüft einzuschätzen ist. Eine Ausnahme stellen lediglich primär maligne lymphatische und hämatologische, also von immunaktivem Gewebe ausgehende Tumorerkrankungen dar, bei denen eine Mistelextraktbehandlung relativ kontraindiziert ist. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand wird die Misteltherapie mit standardisierten Extrakten durchgeführt. Für die praktische Anwendung sind etliche Präparate geeignet, die sich nach der Mistelsorte, bzw. dem Wirtsbaum, nach dem Lektingehalt und anderen Inhaltsstoffen unterscheiden und für verschiedene Behandlungsprinzipen hergestellt sind. Gemäß einem anthroposophischen oder rein phytotherapeutischen Therapieprinzip gibt es verschiedene Präparatepackungen mit unterschiedlicher Extraktzusammensetzung und Dosierung, daneben auch noch homöopathische Präparate ([Tabelle 2]).

Tabelle 2: Präparate Mistelextrakte aus verschiedenen Mistelsorten (prozess-/biologisch standardisiert) Mistelsorte durch Wirtsbaum bestimmt Lektingehalt standardisiert/nicht standardisiert (lektinstandardisiert) Therapieprinzip anthroposophisch oder phytotherapeutisch oder auch homöopathisch Präparate: Iscador® M,P,Qu,U Serienpack. 0-3, mit / ohne Metallzusätze, Iscador M,Qu spez. (Weleda), Helixor® A,M,P Serienpack. (Helixor), Vysorel® A,M,P (Novipharm), Eurixor® (biosyn), Lektinol® (Madaus), Cefalektin® (Cefak), ABNOBAviscum® (Abnoba), Iscucin® (Wala)

Die Auswahl und Dosierung von Mistelpräparaten wird durch Anwendungsschemata und einen Infoservice der jeweiligen Hersteller vereinfacht ([Tabelle 3]). Die Applikation erfolgt üblicherweise subkutan 2 - 3 × pro Woche und kann nach einer Anleitung vom Patienten meist selbstständig durchgeführt werden. In der Einleitungsphase ist beim Beginn einer Misteltherapie eine einschleichende Dosierung zu beachten (eine Ausnahme ist Lektinol®). Die Erhaltungsdosis wird anschließend in der Erhaltungsphase nach allgemeinen Therapierichtlinien und nach der individuellen Reaktion, z.B. nach der Lokalreaktion oder auch immunologischen Parametern ausgerichtet. Eine konstante Dauererhaltungsdosis oder eine aufsteigende Dosierung in Serien sowie Therapieblöcke mit Pausen können dabei je nach dem gewählten anthroposophischen oder rein phytotherapeutischen Therapieprinzip durchgeführt werden.

Tabelle 3: Auswahl und Dosierung Auswahl und Dosierung nach jeweiligem Hersteller: Anwendungsschemata, Infoservice Auswahl der Mistelsorte (Wirtsbaum) nach Tumorlokalisation und Geschlecht des Patienten Applikation üblicherweise subcutan, meist 2 - 3 × pro Woche Dosierung: Einleitungsphase: einschleichende Dosierung (Ausnahme: Lektinol®) Erhaltungsphase: Erhaltungsdosierung Erhaltungsdosis nach allgemeinem Therapieschema und individueller DosisoptimierungKonstante Erhaltungsdosis oder aufsteigende Dosierung in Serien, Therapieblöcke mit Pausen

Lokalreaktionen sind ein wichtiges Kriterium für die individuelle Dosisanpassung. Andere Nebenwirkungen wie leichte Temperaturerhöhungen oder weitere Allgemeinsymptome, z.B. Kopfschmerzen und Kreislaufbeschwerden treten unter einer Misteltherapie nur selten auf. Allergische oder allergoide Reaktionen auf Mistelbestandteile sind zwar sehr selten, aber am Therapiebeginn immer zu bedenken und ernstzunehmen. Eine weitere Kontraindikation stellen Tumorlokalisationen im ZNS wegen einer möglichen Hirndruckerhöhung dar. Bei Leukämien und primär malignen Lymphomen ist Vorsicht oder eine besondere Kompetenz geboten, ebenso bei entzündlichen Erkrankungen und unausgeglichener Hyperthyreose. Eine Übersicht über Nebenwirkungen und Kontraindikationen zeigt [Tabelle 4].

Tabelle 4: Nebenwirkungen und Kontraindikationen absolute und relative Kontraindikationen: Allergie auf Viscum albumstärkere akute entzündliche Erkrankungenchronische entzündliche ErkrankungenTuberkuloseHyperthyreose (mit unausgeglichener Stoffwechsellage)primäre Hirn- und Rückenmarkstumore oder intrakranielle MetastasenLeukämien und maligne LymphomeSchwangerschaft und Kinder unter 12 Jahren Nebenwirkungen: Lokalreaktionleichte TemperaturerhöhungHirndruckerhöhungLymphknotenschwellung, ThrombophlebitisKopfschmerzen, Kreislauf- und Herzbeschwerdenallergische/allergoide bis anaphylaktische/anaphylaktoide Reaktionen

Die Misteltherapie ist in der Tumorbehandlung mit verschiedenen Fragestellungen verbunden ([Tabelle 5]). Um die Wirksamkeit zu überprüfen, sind weitere klinische Studien mit einem hochwertigen Design, wie sie bereits begonnen wurden, sicher notwendig. Dasselbe gilt für kontrollierte Beobachtungen ärztlicher Anwendungen. Fragen einer effektiven Misteltherapie beziehen sich auch auf die Behandlungsprinzipien und geeignete Mistelpräparate, ihre Zusammensetzung, Applikation und Dosierung. Die Reaktionen auf Mistelextrakte sind inter- und intraindividuell deutlich unterschiedlich, so dass Responder und Nonresponder zu differenzieren und geeignete klinische und immunologische Parameter zu finden sind. Eine Immunmodulation bei Tumorerkrankungen, eine adäquate Immunstimulation und die mögliche Überstimulierung nach Immunsuppression durch eine Misteltherapie stellen weitere grundlegende Fragen dar. Im klinischen Zusammenhang sind eine aussagefähige Immundiagnostik und geeignete Immunparameter weiter abzuklären, z.B. die Bedeutung von immunologischen Hauttests, von Lymphozytensubpopulationen, natürlichen Killerzellen, deren Aktivität oder Stimulierbarkeit. Innerhalb eines komplexen Krankheitsgeschehens, in das eine mögliche Besserung nicht weniger komplex einzugreifen vermag, ist die Rolle der Misteltherapie bei Tumorpatienten, auch individuell bei einzelnen Patienten, nach wie vor offen.

Tabelle 5: Forschungsfragen hochwertiges Studiendesign klinischer Wirksamkeitsnachweis eines Benefits adäquate Misteltherapie (Therapieschema, Präparat, Dosis, Applikation) Differenzierung Responder/Non-Responder adäquate Immunstimulation (Überstimulation, Immunsuppression) aussagefähige Immundiagnostik (Immunparameter, Variabilität)

01 Gewidmet Prof. Dr. Ingrid Gerhard für ihr Wirken in der Ambulanz für Naturheilkunde an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg

Literatur

01 Gewidmet Prof. Dr. Ingrid Gerhard für ihr Wirken in der Ambulanz für Naturheilkunde an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg

Korrespondenzadresse

Annette Loewe-Mesch

Ambulanz für Naturheilkunde
Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen Frauenklinik, Universitätsklinikum Heidelberg

69115 Heidelberg